Organspenden fehlen. Ein Gespräch dazu mit Professor Ludger Staib, dem Transplantationsbeauftragten am Klinikum Esslingen.
Herr Staib, wie viele Organspenden gibt es am Klinikum Esslingen?
Wir haben hier maximal eine, manchmal auch gar keine Organspende im Jahr. Transplantiert werden können in Transplantationszentren generell Herz, Lunge, Leber, Bauchspeicheldrüse oder Nieren. Wenn der Hirntod eines potenziellen Spenders zweifelsfrei feststeht, werden Krankenhäuser mit Bedarf europaweit über Eurotransplant informiert. Generell werden drei mögliche Empfänger über die Verfügbarkeit in Kenntnis gesetzt. Der Gesundheitszustand, die Dringlichkeit und die Frage, welches Organ am besten zu wem passt, entscheiden darüber, wer das Transplantat erhalten kann. Je nach Entfernung kommen aus zwei Ärzten bestehende Entnahmeteams mit dem Notarztwagen oder dem Helikopter zu uns nach Esslingen. Meistens landen sie auf dem Stuttgarter Flughafen oder bei dringenden Fällen auf dem Helikopterlandeplatz des Klinikums. Das Spenderorgan wird dann gut gekühlt in einer Box in das transplantierende Zentrum gebracht, wo der Empfänger bereits vorbereitet wurde. Die Angehörigen des Spenders erfahren nicht, wer das Organ erhalten hat.
Wer ist am Klinikum Esslingen für Organspenden zuständig?
Am Klinikum Esslingen gibt es drei Transplantationsbeauftragte – die Intensivmediziner Stefan Lindner und Armin Wöhrle sowie mich als Viszeralchirurgen, der an der Uni Ulm früher Nieren transplantiert hat. Wir haben die Aufgaben untereinander aufgeteilt. Die beiden Kollegen schauen, wer für eine Organspende in Frage kommt. Denn sie kennen ihre Patienten und deren Gesundheitszustand. Sie schulen auch das Personal des Klinikums in Fragen der Organspende. Für die Organentnahme ist dann der Koordinator der Deutschen Stiftung Organtransplantation (DSO) zuständig, der hier in unserem Operationssaal alles koordiniert. Ich bin für die Organspendeorganisation im Klinikum Esslingen übergeordnet zuständig, da ich als einziger Transplant-Erfahrung besitze. Ich mache die Besprechungen, Berichte, Vorträge oder Interviews. Zuerst war ich der einzige Transplantationsbeauftragte am Klinikum. Da die Intensivmediziner aber direkt involviert sind, habe ich die beiden anderen Positionen als ein Team geschaffen, was sich bewährt hat, da wir uns untereinander vertreten können.
Warum ist die Zahl der Organspenden rückläufig?
Das liegt zum einen daran, dass die Zahl der tödlichen Verkehrsunfälle auch durch bessere Sicherheitssysteme in den Fahrzeugen abgenommen hat und die Wiederbelebungsmaßnahmen vor Ort häufiger erfolgreich sind. Ein weiterer Grund ist, dass die Menschen durch den medizinischen Fortschritt immer älter werden und manche Organe durch das hohe Alter oder durch bestehende Begleiterkrankungen nicht mehr für eine Transplantation in Frage kommen. Immer weniger Personen sind aber auch bereit, ihre Organe für eine Transplantation nach ihrem Tod zur Verfügung zu stellen. Die meisten beschäftigen sich ungern mit dem Thema und haben auch keinen Organspendeausweis, den ich sehr empfehle.
Liegt dieser Rückgang auch an der komplizierten Online-Registrierung?
Die Online-Registrierung für mögliche Spender wurde Anfang des Jahres eingeführt und die Umsetzung ist in der Tat nicht ganz optimal umgesetzt. Denn der Vorgang ist relativ kompliziert. So ist für die Registrierung ein digitaler Personalausweis nötig, den manche Menschen nicht haben. Aber immerhin haben sich seit der Einführung etwa 123 000 Menschen virtuell registrieren lassen. Es gilt aber auch nach wie vor der Ausweis in Papierform für eine Organspende.
Soll der nicht in einem halben Jahr auslaufen?
Es wird sich zeigen, ob diese Frist tatsächlich realistisch ist und eingehalten werden kann.
Aktuell wird wieder über eine Änderung des Organspendegesetzes in Deutschland diskutiert?
Bisher haben wir in Deutschland eine erweiterte Zustimmungsregelung. Das bedeutet: Nur, wer sich spendewillig geäußert hat, zum Beispiel einen Organspendeausweis bei sich trägt und somit einer Entnahme nach seinem Tod zustimmt, kommt als Spender in Frage. ,Erweiterte Zustimmung’ bedeutet hier, dass auch die nächsten Angehörigen beziehungsweise Lebenspartner und -partnerinnen zustimmen können. Die meisten Mediziner halten aber eine Widerspruchsregelung für zielführender. Menschen, die eine Transplantation ihrer Organe ablehnen, sollten dies zum Beispiel in einem Register oder mit einem Dokument festgelegt haben, etwa auch in einem Organspendeausweis, der diese Option zulässt. Die in Deutschland gültige Regelung der Zustimmungsregelung ist eher selten in Europa. In den Nachbarländern gilt die Widerspruchsregelung. Auch in Österreich. Wenn jemand zum Beispiel beim Skifahren in Innsbruck tödlich verunglücken würde, der keinen Widerspruch dokumentiert hat, könnten ihm oder ihr nach dort geltendem Recht, Organe entnommen werden, was in der Praxis in Österreich allerdings nicht so strikt gehandhabt wird.
Manche Menschen haben Angst, dass Organe entnommen werden, während sie noch leben.
Das ist völlig ausgeschlossen. Denn es ist in der Hirntoddiagnostik eindeutig geregelt, dass zwei Mediziner unabhängig voneinander den Hirntod des Patienten bestätigen müssen. Diese Mediziner, zum Beispiel ein Neurologe und ein Intensivmediziner, dürfen übrigens nicht in das Transplantationsverfahren involviert sein.
Wie groß ist die Gefahr von Organhandel oder der Bevorzugung bestimmter Empfänger?
Sie sprechen den Organspendeskandal an. 2017 war ja publik geworden, dass in den Jahren von 2009 bis 2016 bestimmte Transplantationszentren gegen Richtlinien durch bewusste Falschangaben oder durch die Bevorzugung bestimmter Empfänger verstoßen hatten, um die Zahl der Transplantationen im eigenen Haus zu erhöhen. Nach diesem Skandal sind die Vorschriften verschärft und die Kontrollen erhöht worden. Die Entnahme der Organe erfolgt nun über die klinik-unabhängige Deutsche Stiftung Organtransplantation (DSO). Die optimale Zuteilung der Organe mit der höchsten Erfolgschance erfolgt durch die anerkannt unabhängige Institution Eurotransplant in der niederländischen Stadt, die insgesamt acht Staaten koordiniert: die Beneluxländer, Deutschland, Österreich, Slowenien, Kroatien und Ungarn. Durch die Rechtsform der gemeinnützigen Stiftung sollen Missbrauch, Korruption und Bereicherung ausgeschlossen werden. In den Vorgang der Organspende sind außerdem so viele Menschen eingebunden, dass ein Regelverstoß nicht mehr möglich ist.
Professor Ludger Staib und die Zahl der Organspenden
Person
Professor Ludger Staib wurde 1962 in Marburg an der Lahn geboren und studierte in Kiel Medizin. Nach Aufenthalten in Zürich, im indischen Mumbai und Los Angeles trat er seine erste chirurgische Stelle in Ulm an, wo er sich habilitierte und auch für Organtransplantationen zuständig war. Seit 2005 arbeitet der Vater zweier erwachsener Kinder als Chefarzt der Klinik für Allgemein- und Viszeralchirurgie am Klinikum Esslingen. Der Professor leitet auch das Adipositas-Zentrum und ist einer von drei Transplantationsbeauftragten in dem Krankenhaus.
Zahlen
Nach Zahlen der Deutschen Stiftung Organtransplantation (DSO) wurden im letzten Jahr 965 Spender gezählt, die 2877 Organe zur Verfügung gestellt haben. Benötigt wurden aber laut den Wartelisten in Deutschland mit Stichtag zum 31. Dezember letzten Jahres 8716 Organe. In den ersten fünf Monaten des laufenden Jahres wurden 1230 Organe nach einer postmortalen Spende transplantiert. Im gleichen Zeitraum von 2023 waren es noch 1238 gewesen – ein Rückgang um 0,6 Prozent. 2022 lag die Zahl auf einem Niedrigwert von 1036.