Die Fußball-Nationalspielerin Kim Kulig aus Herrenberg muss erneut operiert werden. Im ungünstigsten Fall droht sogar das Karriereende. Doch Kulig, der eine Zukunft als vielleicht weltbeste Strategin vorhergesagt wurde, geht pragmatisch an das neue Jahr heran.

Stuttgart – Ihr Elternhaus steht in Poltringen, einem Örtchen unweit von Tübingen. Kim Kulig ist hier mit drei Schwestern und zwei Brüdern aufgewachsen – und dort haben sich alle zu Weihnachten bei den Eltern getroffen. Zu Silvester tauschte die Fußball-Nationalspielerin dann allerdings die baden-württembergische Provinz gegen britische Weltstadt: Den Jahreswechsel feierte die 23-Jährige fast schon traditionell mit Freunden in London. „Ich war jetzt schon zum siebten Male dort, aber ich habe immer noch nicht alles gesehen“, sagt Kim Kulig. Die Frau mit den Locken liebt das Leben in der Metropole.

Nur das Lächeln will ihr nicht so recht über die Lippen. Kulig wirkt viel nachdenklicher als früher. Aber wer will ihr das verdenken? Ihre Krankenakte füllt mittlerweile Aktenordner, ihre Leidenszeit geht ins dritte Jahr. „Es hört sich nach viel an, was in meinem Knie kaputt ist – und das ist es im Prinzip auch.“ Diese Bemerkung macht sie eher beiläufig. Äußerlich ruhig wirkt sie, wenn sie über etwas spricht, was sie beschäftigt und beeinträchtigt. „Vielleicht ist mein Knie ein bisschen speziell.“

Kreuzbandriss bei der Heim-WM 2011

Ihre Pechsträhne begann mit einem Kreuzbandriss bei der Heim-WM 2011, dem weitere Komplikationen, eine erneute Operation und eine 14-monatige Auszeit folgten. Als sie sich für die EM 2013 gerade wieder ins Nationalteam zurückgekämpft hatte, hielt die eingesetzte Plastik der Belastung nicht stand. „Seit zwei Jahren stecke ich in einem Teufelskreis drin. Bei mir ist eben nicht alles glatt gegangen“, sagt Kim Kulig. Wohl wahr: als das Gelenk im Rahmen der Turniervorbereitung vermehrt schmerzte, vermuteten die Mediziner bei der Mittelfeldspielerin zunächst einen Meniskusschaden. Doch die Wahrheit war viel schlimmer.

In dem vor einem halben Jahr vom 1. FFC Frankfurt verbreiteten Bulletin stand: „Neben dem Auffüllen der Bohrkanäle der gerissenen Kreuzbandplastik mit spongiösen Knochen wurden der Außenmeniskus geglättet sowie der Gelenkknorpel bearbeitet.“ Kulig führt seitdem ein Leben ohne Kreuzband – mit all den Einschränkungen. Ja, sie kann beschwerdefrei auf dem Ergometer fahren. Nein, sie kann nicht schmerzfrei Treppen steigen. In ihrer Wohnung im Frankfurter Westend hat sie einen Fahrstuhl, den sie auch benutzt, wenn sie nur eine Etage zu bewältigen hat. „Mir ist egal, was die Leute denken.“

Hoffnungsschimmer oder Rückschlag?

Der nächste Eingriff ist für den 9. Januar anberaumt. Dann wird Bernd Lasarzewski, der Mannschaftsarzt der deutschen Frauen-Nationalmannschaft, in der Sportklinik Hellersen erneut ein Kreuzband einsetzen. Das Datum, auf das die in Herrenberg am Rande des Schwarzwalds geborene Sportlerin hingearbeitet hat. Erst dann wird man wirklich wissen, wie es in dem bis vor kurzem immer noch gereizten Gelenk aussieht. Kim Kulig sagt: „Ich bin selbst gespannt, weil ich so viele Baustellen habe.“

Der ersehnte Hoffnungsschimmer? Oder der nächste Rückschlag? „Ich wünsche mir eine gute Nachricht vom Doc – wenn es eine schlechte wird, geht die Welt auch nicht unter.“ Solche Sätze kann nur jemand sagen, der die Relationen aus nächster Nähe kennt. Ihr zwei Jahre älterer Bruder Marco ist am Down-Syndrom erkrankt und mittlerweile in einer Wohngemeinschaft für Behinderte untergebracht. Im Therapiezentrum in Frankfurt hat sie Patienten getroffen, die gelähmt sind. „Oder da war eine Frau, die immer einen Sauerstoffkasten mit sich trägt, weil die Lunge nur noch zu 30 Prozent funktioniert. Jeder denkt immer, dass seine eigenen Probleme die größten auf der Welt sind. Insofern geht es mir doch gut“, sagt Kim Kulig.

"Ich bin viel geduldiger geworden"

Eine Hochbegabte, die in unbeschwerten Zeiten „Kim Coolig“ genannt und der eine Zukunft als vielleicht weltbeste Strategin vorhergesagt wurde, geht pragmatisch an das Datum im neuen Jahr heran. „Ich bin schon viel geduldiger geworden als früher, ich muss das so akzeptieren.“ Dabei hängt an der vierten Knieoperation viel. Nur wenn Aussicht auf Besserung besteht, wird ihr im Sommer auslaufender Vertrag vom Verein verlängert. Siegfried Dietrich, der Macher des 1. FFC Frankfurt, vertritt als Investor die Interessen des Vereins – und gleichzeitig als Berater die Belange der Spielerin. „Wenn bei der Operation alles gut läuft, und wenn Kim weiter Fußball spielen möchte, sind die Türen beim FFC bis zum Anschlag offen. Wir setzen uns im Frühjahr in aller Ruhe zusammen“, sagt er.

Vielleicht aber fällt bereits vorher eine Entscheidung: Die bleierne Zeit des Bedauerns hat Kim Kulig überwunden, indem sie einige Mauern um sich errichtete. Spiele der Frauen-Bundesliga hat sie seit geraumer Zeit nur besucht, wenn es unbedingt nötig erschien. Es tat einfach zu weh. „Ich musste mich selbst schützen. Mir geht es dann nicht gut, wenn ich zuschauen muss.“ Öffentliches Mitleid benötigt sie ebenfalls nicht mehr – ihr Facebook-Profil wird nicht mehr bedient. Sie spürt, dass eine Langzeitverletzte am Innenleben einer Fußballmannschaft nicht mehr teilnimmt; und sie fühlt, dass es sich verbietet, über die WM 2015 überhaupt nachzudenken.

Kim Kulig vermittelt den Eindruck, als habe das Knie Signale an den Kopf gesendet, sich nach Alternativen umzusehen. Den Anfang hat die Abiturientin gemacht. Sie studiert seit Oktober Innenarchitektur in Darmstadt. „Das ist nicht nur eine gute Abwechslung, sondern auch eine Vorsorge für später“, sagt sie. „Ich muss auf alles gefasst sein. Architektur hat mich schon immer interessiert.“ Und Kim Kulig empfand es als angenehm, dass sie von den Kommilitonen kaum einer erkannt, geschweige denn angesprochen hat. „Angehende Architekten haben mit Fußball nicht so viel am Hut“, sagt sie. Und lacht auch endlich.

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