Prognose bis 2070 Wie Deutschland vergreist

Ein Volk von Senioren? Wenige Junge werden künftig für noch mehr Rentner aufkommen müssen. Foto: Patrick Pleul/dpa

Die Bevölkerungszahl schrumpft, die Zahl der Rentner steigt vorerst unaufhaltsam. Ohne Erwerbsmigration wird es schwierig, die soziale Balance zu halten.

Titelteam Stuttgarter Zeitung: Armin Käfer (kä)

Vor einer Woche wäre die Regierung beinahe über ein Rentenpaket gestolpert. Etliche Rebellen aus der Union wollten es nicht mittragen – aus Sorge um finanzielle Lasten, die künftige Generationen erdrücken könnten.

 

Wie groß diese Lasten tatsächlich werden, lässt sich aus Zahlen errechnen, die das Statistische Bundesamt nun nachliefert. Sie finden sich in der 16. Bevölkerungsvorausberechnung bis 2070.

Die Statistikbehörde hat ihr Domizil in einem Hochhaus am Rande der Innenstadt von Wiesbaden. Das Hochhaus ist aber nicht hoch genug, um von dort aus die nächsten fünf Jahrzehnte zu überblicken. Das gelingt nur, indem die aktuellen Bevölkerungszahlen auf der Grundlage verschiedener Annahmen fortgeschrieben werden. Entscheidend sind dabei drei Größen: die durchschnittliche Zahl der Geburten, die Lebenserwartung und die Migration. Alle drei unterliegen wechselnden politischen und wirtschaftlichen Einflüssen.

Wie entwickelt sich Deutschland?

Drei Trends sind unverkennbar. Erstens: Seit 1972 sterben in Deutschland jedes Jahr mehr Menschen als Babys zur Welt kommen. Zweitens: Ohne Einwanderer würde die Bevölkerung deshalb drastisch schrumpfen. Langfristig schrumpft sie mit hoher Wahrscheinlichkeit – auch wenn Zigtausende einwandern. Um den Rückgang der Bevölkerungszahl auszugleichen, müsste der Zuzug Dimensionen annehmen, die nach bisherigen Erfahrung wohl zu politischen Verwerfungen führen würden. Drittens: Deutschland entwickelt sich zur Seniorenrepublik. Seit den Zeiten des Wirtschaftswunders hat sich der Anteil der Menschen im Rentenalter an der Bevölkerung mehr als verdoppelt.

Wachsen oder schrumpfen?

Aktuell leben 83,6 Millionen Menschen in Deutschland – mehr als je zuvor. 2070 werden es „aller Voraussicht nach weniger“ sein, so das Statistische Bundesamt. Nur bei zwei von 27 Vorausberechnungsvarianten könnte die Zahl der Einwohner weiter wachsen. Dazu müssten aber jährlich mindestens 300 000 Menschen mehr zuziehen als auswandern: insgesamt 16 Millionen bis zum Jahr 2070. Zudem müsste die Geburtenrate deutlich steigen, wofür es bisher keine Anhaltspunkte gibt. Unter diesen Voraussetzungen bewegt sich die Spannweite der Bevölkerungsprognose für 2070 zwischen 63,9 und 86,5 Millionen. Vor drei Jahren waren die Statistiker noch optimistischer: Da rechneten sie mit 70,2 bis 94,4 Millionen. Im schlechtesten Fall würde Deutschland demnach fast ein Viertel seiner Einwohner verlieren. Im (unwahrscheinlichen) Fall eines weiteren Wachstums würde diese Entwicklung trotz einer Geburtenziffer auf Vorkriegsniveau und einer immensen Migration nur gering ausfallen.

Seit 50 Jahren bewegt sich die Geburtenziffer in Deutschland zwischen 1,3 und 1,6 Kindern pro Frau. Diese statistische Größe lag vor 1900 noch über dem Wert von vier, bis 1970 über zwei. Sie sank 1994 auf einen Tiefstand von 1,24 Kindern je Frau. Im Jahr 2016 waren es 1,61 – zuletzt aber wieder 1,35.

Für eine stabile Bevölkerungsentwicklung müsste jede Frau im Schnitt 2,1 Kinder zur Welt bringen. Dabei spielt die Herkunft einen großen Einfluss. Die Geburtenziffer von ausländischen Frauen, die in Deutschland leben, liegt bei 1,84 – die der deutschen Mütter bei 1,23.

Doch die Migration unterliegt einem steten Wandel. Der sogenannte Wanderungssaldo – also die Differenz zwischen den Zu- und den Wegzügen – schwankte seit den Nachkriegsjahren zwischen einem Minus von 224 000 (1975) und einem Überschuss von 1,5 Millionen (2022). Inzwischen näher er sich der Nulllinie.

Wie hoch ist die Lebenserwartung?

Die im Jahr 2024 geborenen Jungs haben eine durchschnittliche Lebenserwartung von 78,9 Jahren, bei Mädchen liegt sie bei 83,5 Jahren. Die Lebenserwartung ist in den vergangenen Jahrzehnten kontinuierlich angestiegen, seit 1990 um fünf Jahre. Die Statistiker rechnen mit einem weiteren Anstieg. Gründe dafür sind verbesserte Lebensumstände, ein rückläufiger Konsum von Alkohol und Tabak sowie der medizinische Fortschritt. Wenn es allerdings immer mehr ältere Menschen gibt, die häufiger ins Krankenhaus müssen, könnte sich die Versorgungsqualität wieder verschlechtern – was den weiteren Anstieg der Lebenserwartung dämpfen oder gar umkehren könnte.

Werden wir zur Rentnerrepublik?

Seit der Wiedervereinigung stieg die Zahl der Menschen im Rentenalter um 62 Prozent auf jetzt 16,7 Millionen. Das heißt: Jeder fünfte Bundesbürger ist schon Rentner. Bis Ende der 2030er Jahre werden 20,5 bis 21,3 Millionen Rentner in Deutschland leben. Unterdessen würde sich die Zahl der Menschen im erwerbsfähigen Alter bis 2035 um mehr als sechs Millionen verringern, sofern unterm Strich nicht mehr Einwanderer zuziehen als Deutsche auswandern – in diesen Trends spiegeln sich die Herausforderung für das Rentensystem.

Aktuell sind 51,2 Millionen Menschen in Deutschland im erwerbsfähigen Alter (20 bis 66 Jahre). In den 1990er Jahren waren es mehr als 53 Millionen. 2070 werden es nur noch 37,1 bis 45,3 Millionen sein. Im Moment müssen drei Erwerbstätige für einen Rentner aufkommen – übersetzt in eine statistische Vergleichsgröße bedeutet das: die sogenannte Altenquote liegt bei 33 (auf 100 Erwerbstätige kommen 33 Rentner).

Dieses Verhältnis wird sich erheblich zu Lasten der jüngeren Generation verschieben. Bis 2038 rechnen Statistiker mit einer Altenquote zwischen 43 und 47. Bis 2070 könnte diese bis auf 61 ansteigen. Die Bevölkerungstrends sind nicht in allen Regionen gleich. In den westdeutschen Flächenländern wird die Bevölkerung laut Prognose „bestenfalls stabil“ bleiben, im Osten Deutschlands um 14 bis 30 Prozent schrumpfen.

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