Programm der Jazz-Open steht Von der Tradition zur Postmoderne

Von Ulrich Kriest 

Das Programm der zwanzigsten Auflage der Jazz-Open steht: Die Veranstaltung habe sich im mittlerweile zwanzigsten Jahr des Bestehens längst als eines der bedeutendsten europäischen Musikfestivals etabliert. Überraschend kommt auch Wayne Shorter.

Auch Dee Dee Bridgewater ist dabei. Foto: Veranstalter
Auch Dee Dee Bridgewater ist dabei. Foto: Veranstalter

Stuttgart - Man hat es nicht leicht als Festivalveranstalter. Jürgen Schlensog von der Firma Opus weiß ein Lied davon zu singen. Seit nunmehr acht Jahren versorgt er Stuttgart im Juli mit den Jazz- Open, die sich im mittlerweile zwanzigsten Jahr des Bestehens längst als eines der bedeutendsten europäischen Musikfestivals etabliert habe.

Woran man so etwas erkenne? Zum Beispiel am zur Verfügung stehenden Etat von 1,75 Millionen Euro, der zu dreißig Prozent durch Sponsoring und öffentliche Fördermittel gedeckt sei und mindestens 18 000 Festivalbesucher zur Deckung der Unkosten benötige. Zum Beispiel durch das klangvolle Line-up der eingeladenen Künstler, das internationalen Rang aufweise. Und vielleicht auch durch den rhetorischen Aufwand, den es braucht, stets aufs Neue zu erläutern, dass der Jazz zwar die Basis des Festivals sei, das Programm nicht grundlos auch heuer vom 4. bis zum 11. Juli einem sehr offenen und betont undogmatischen Crossover verpflichtet sei. Man wolle nämlich nicht elitär sein, man bediene nicht ausschließlich die sogenannte „Jazz-Polizei“ der Puristen, sondern man wolle auch ein junges Publikum ansprechen und auch diejenigen Menschen, die der Medienpartner SWR 1 versorge.

Als einer der „kulturellen Leuchttürme der Stadt“ hole man folglich einerseits internationale Stars wie die Sängerin und Pianistin Diana Krall am 9. Juli zum Open- Air-Konzert ins Mercedes-Benz Museum und biete andererseits am 6. Juli den Ex-Supertramp-Sänger Roger Hodgson mit Band und den Stuttgarter Philharmonikern eine große Bühne auf dem Schlossplatz. Für ein jüngeres Publikum besonders attraktiv sei der Eröffnungsabend am 4. Juli auf dem Schlossplatz mit den drei Sängerinnen Zaz, Nina Attal und Nessi oder auch der Auftritt von Stefanie Heinzmann am 7. Juli im Mercedes-Benz Museum. Wer dagegen wissen wolle, wohin aktuell die Reise des jungen Jazz gehe, möge sich die Konzerte von Marius Neset und Get the Blessing im Club Bix oder das Robert Glasper Experiment im Mercedes-Benz Museum vormerken.

Sternstunde oder Mittelmaß?

So findet im bunten Programm der Jazz-Open jedes Töpfchen sein Deckelchen. So begegnen sich richtiger Jazz für die Jazz-Polizei (Vijay Iyer Trio), augenzwinkernder, postmoderner Easy-Jazz (Chilly Gonzales), eingängig-melodiöser Piano-Jazz (Tingvall Trio), gut abgehangener Rock (Steve Winwood), moderner Rock (Errorhead), junger Soul (Shemekia Copeland, Allen Stone), Sängerinnen mit einer beeindruckenden Geschichte (Bonnie Raitt) und Sängerinnen, die hierzulande erst noch zu entdecken, aber zum Beispiel in Australien schon Stars sind (Kate Miller-Heidke).

Schließlich hatten die Programm-Macher der Jazz-Open auf der gestrigen Pressekonferenz auch noch zwei schöne Überraschungen für diejenigen in petto, die sich für die letzten lebenden Legenden der Jazz-Geschichte interessieren. Die „German Jazz Trophy“ geht am 11. Juli an den 85-jährigen Saxofonisten Lee Konitz, der um 1950 gemeinsam mit Miles Davis den Cool Jazz ans Licht der Welt beförderte, mit fast allen Größen der Jazz-Geschichte spielte und in den letzten Jahren mit dem jungen Trio Minsarah reüssierte.

Seinen achtzigsten Geburtstag feiert hingegen im August der weltberühmte Saxofonist Wayne Shorter, dem mit Miles Davis, Weather Report und Joni Mitchell Meisterstücke gelangen. Ihm zu Ehren entstand im letzten Jahr eine einstündige Filmdokumentation, die bei den Stuttgarter Jazz-Open am 17. Juli ihre feierliche Premiere feiern wird.

Bei dieser Premiere wird das völlig zu Recht weltberühmte Wayne Shorter Quartet, an guten Tagen aktuell vielleicht die beste Jazzband überhaupt, Stuttgart einen Besuch abstatten. Das sollte der musikalische Höhepunkt des diesjährigen Festivals werden, wäre da nicht der Abend des 7. Juli auf dem Schlossplatz, an dem Lang Lang, ein weltberühmter Pianist und zudem „Markenbotschafter“ des Premiumsponsors Allianz, gemeinsam mit der Sängerin Dee Dee Bridgewater und dem Radio Sinfonieorchester Stuttgart ein Konzert gestaltet. Weil es sich dabei um eine Premiere handele, sei dies ein mit Spannung erwartetes Experiment, bei dem wirklich alles möglich sei. Sternstunde oder Mittelmaß? Es wird sich zeigen.