Einfach mal zuhören. Nicht werten, urteilen. Einfach zuhören. In Stuttgart sprechen die Menschen, die sonst nicht gehört werden. Was sie sagen, ist bitter und brutal.
Die im Dunkeln sieht man nicht. So hat der Schwabe Bert Brecht das ausgedrückt. Sarah Köhler nennt es anders, aber es kommt aufs gleiche raus. „Ein Drittel der Menschen im Land fühlen sich abgehängt und unterrepräsentiert.“ Man sieht sie nicht. Und hört sie nicht.
Nur interessant, wenn man AfD wählt?
Man redet über sie, wenn Donald Trump gewählt wird. Wenn die AfD klettert und klettert. Aber redet man auch mit ihnen? Da darf man Zweifel anmelden, wenn man Sarah Köhler folgt. Sie sitzt im Begegnungsraum der evangelischen Gesellschaft an der Uni Stuttgart – und ist da zum Zuhören. Im Auftrag der Demokratie, wenn man es ganz hoch hängen will. Was sie auch im Titel trägt. Sie ist Referentin für Gesellschaftspolitik und Demokratieförderung der Diözese Stuttgart-Rottenburg. Das klingt jetzt erst mal ganz hochgestochen, verantwortlich ist sie aber für was ganz Einfaches. Eigentlich. Da sein! Aufmerksam sein!
„Aus Begegnung entsteht Beziehung. Wir haben kaum noch Orte, wo Menschen nicht segregiert werden.“
Sarah Köhler, Referentin für Gesellschaftspolitik und Demokratieförderung der Diözese Stuttgart-Rottenburg
„13 Quadratmeter“ heißt das Projekt, mit dem sie durch Baden-Württemberg tourt. 13 Quadratmeter, die Größe einer durchschnittlichen Küche in Deutschland. Vorige Woche war sie im Experimentierraum im Leonhardsviertel. Unterstützt von Ehrenamtlichen des Bündnisses für Demokratie, Menschenrechte und Vielfalt. Nun sind sie bis zum 8. März an der Breitscheidstraße. Kaum haben sie aufgemacht, sitzen schon einige Menschen da. Flüchtlinge von dem Heim nebenan, eine Mutter mit Kind, ein Stammgast kam sogar aus dem Leonhardsviertel herüber. Dort war der Andrang groß. Wann immer man in dem Glaskasten an der Katharinenstraße vorbeikam, saßen dort Menschen. Tranken Kaffee, aßen Kuchen, gespendet von örtlichen Bäckereien, wärmten sich auf – und redeten.
Nun sollte man meinen, es fehlt nicht an Zuhörern. Allen voran der noch amtierende Ministerpräsident, der die Politik des Gehörtwerdens ausgerufen hat. Und Bürgerbeteiligungen gibt es en masse. Für Spielplätze, Opernhäusern, die Villa Berg oder das Züblin-Parkhaus. Doch bei den Menschen, die bei „13 Quadratmeter“ reden, kam das nicht an. Sie hatte keiner gefragt. Und egal, wo sie waren, was Köhler und ihr Team gehört haben, war überall dasselbe. „Was möchtest Du? Was brauchst Du? Was müsste passieren, damit Du der Politik vertraust?“, fragten sie. Man konnte Zettel ausfüllen oder einfach erzählen.
Ohne Geld keine Teilhabe
„Es darf natürlich nicht beim Aktionismus bleiben.“
Sarah Köhler über das Ziel von „13 Quadratmeter“
Wer das liest, sieht die Gesellschaft mit anderen Augen. Einsam sei man, wird beklagt, die soziale Kälte mache ihnen zu schaffen, von Jung und Alt. Die Alten fühlen sich zudem digital abgehängt, ausgeschlossen. Und es gebe keine Orte, wo man sich aufhalten, treffen könne, ohne Geld ausgeben zu müssen. Wo man sich mit anderen Menschen austauschen könne. „Aus Begegnung entsteht Beziehung“, sagt Köhler und daraus werde Beteiligung. „Wir haben kaum noch Orte, wo Menschen nicht segregiert werden.“ Sortiert werden nach dem Geldbeutel.
Was folgt daraus?
Und wer weniger im Portemonnaie hat. Oder kaum was, der fühlt sich nicht beachtet. „Viele Menschen fühlen sich nicht wertgeschätzt“, fasst Köhler zusammen. Von Politikern mahnen sie ahnen, transparent zu sein, Versprechen zu halten, sich für Fehler zu entschuldigen und erreichbar sein – abseits von Wahlkämpfen. Einmal alle paar Jahre wählen, und dann passiert nichts? Für viele, ganz viele, erschließt sich der Sinn von Demokratie nicht mehr. Ein dramatischer Befund, aber was folgt daraus? „Es darf natürlich nicht beim Aktionismus bleiben“, sagt Köhler. Man habe jetzt Beziehungen zu den Zielgruppen geknüpft und will die auch über die lokalen Bündnisse vertiefen und nicht abreißen lassen. „Es braucht Formate“, sagt sie, aber auch und vor allem Begegnungsorte. Das ist ein Auftrag an die Stadtplanung und die Lokalpolitiker. Der aber in finanziell klammen Zeiten herausfordernd ist. Nicht jeden freien Platz umgehend zu Geld zu machen – wollen wir uns das als Gesellschaft leisten?