Projekt am Campus Göppingen Medizintechnik für ein umfassendes Pflegesystem

Entwickeln und testen gemeinsam in Sachen Medizintechnik: Markus Ledermann, Joachim Hiller und Till Kaz (von links). Es geht darum, technische Lösungen für ein möglichst langes, selbstbestimmtes Leben zu finden. Foto: Staufenpress

Derzeit wird am Campus Göppingen der Hochschule Esslingen ein wandlungsfähiges Pflegeraumprinzip entwickelt. Dieses stellt die sich ändernden Bedürfnisse der Betroffenen in den Mittelpunkt.

Göppingen - Im Rahmen des Schwerpunkts „Angewandte Medizintechnik“ entwickeln und testen Dr. Till Kaz von der Hochschule Esslingen und Diplom-Ingenieur Joachim Hiller vom Steinbeis-Innovationszentrum für Forschung in Gesundheit und Pflege in realistischer Umgebung technische Lösungen, um ein möglichst umfassendes, mehrdimensionales adaptives Pflegesystem für ein langes, selbstbestimmtes Leben zu erhalten. Dafür wurde das anpassungs- und wandlungsfähige Pflegelabor „Care Lab“, abgekürzt „Carla“, unter der Leitung von Professor Markus Ledermann eingerichtet. Abgeleitet von den Ergebnissen kann so ein skalierbares Pflegeraumprinzip entstehen, das den Betroffenen in den Mittelpunkt stellt, ihn im Alltag begleitet und individuell, wo notwendig, unterstützt und beschützt.

 

Der Medizintechnik verbunden

„Da kümmern wir uns, und ehrlich gesagt, so ganz selbstlos ist das Thema nicht, weil es ja auch uns betrifft“, verraten Till Kaz und Joachim Hiller, die sich 2016 bei einem Medizinprodukt-Dienstleistungsentwickler kennenlernten und aufgrund ihres Fachwissens bei Professor Rainer Würslin offene Türen einrannten. Schon immer haben sie sich der Medizintechnik verbunden gefühlt, war der ehemalige Dekan der Hochschule Göppingen doch sehr gut mit diversen Pflegeeinrichtungen vernetzt und hatte in diesem Zuge einige Projekte auf die Beine gestellt. Der Fakultätsleiter konnte die Adolf-Leuze-Stiftung sowie die Halder-Stiftung akquirieren, „die uns und unsere Projekte zu hundert Prozent finanziert haben – und das ist paradiesisch“ betont Till Kaz.

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Wie bei ihrem vorherigen Arbeitgeber legten er und Joachim Hiller anfangs ihren Fokus auf das breite Spektrum der Medizintechnik. Doch schnell habe sich herauskristallisiert, dass die Pflege das Thema ist, „wo Not herrscht“, Till Kaz macht deutlich: „Wie in einer Zeitmaschine musste ich mit Entsetzen feststellen, seit meinem Zivildienst 1988 hat sich in der Pflege nichts geändert. Weder von den Bedingungen, den technischen Ausstattungen, noch vom Ablauf – es ist wirklich ernüchternd.“ Das Bittere daran: Es gehe nichts vorwärts. „Da ist keine Innovation drin, es wird eher schlimmer, weil die Pflegekräfte immer weniger Zeit haben.“

Deutschland wird immer älter

Im Jahr 2013 lebten 4,4 Millionen 80-Jährige und Ältere in Deutschland, bis 2030 werden es gesamt neun Millionen sein, was einem Anstieg von 40 Prozent entspricht: „Zukünftig wird jeder Achte 80 Jahre und älter sein.“ Natürlich wird darunter nicht jeder nach dem höchsten Pflegegrad Betreuung benötigen, aber Unterstützung fängt ja schon im Kleinen an. Vergessen werden oft jüngere Menschen, die aufgrund eines Unfalls oder einer Krankheit Hilfe benötigen.

Joachim Hiller, der in den Alb-Fils-Kliniken 25 Jahre lang die Medizintechnik leitete, erzählt von einem jungen Ingenieur an der Hochschule, der mit 35 Jahren einen Schlaganfall bekam und von dem sie viel lernen konnten. Halbseitig gelähmt konnte er Kleinigkeiten wie Fingernägel schneiden oder Socken anziehen nicht mehr ohne Hilfe bewältigen. „Das sind Sachen, da kommt man nur drauf, wenn man sich intensiv damit beschäftigt,“ berichtet er und hat mit Till Kaz eine Sockenanziehmaschine konstruiert.

Die aktuellen Forschungsansätze zeigen, dass man sich beispielsweise bei an Demenz Erkrankten nicht auf die Erkrankung selbst beschränken kann. Multimorbidität sowie soziale und gesellschaftliche Faktoren spielten in der Behandlung eine bedeutende Rolle. So sei es insbesondere erforderlich, den Raum selbst sowie alle Gegenstände und Einrichtungen darin mit anderen Augen zu sehen: den Augen des Betroffenen. Das Mobiliar ist so konzipiert und angeordnet, dass es sich an die körperlichen Fähigkeiten der Bewohner anpasst und verloren gegangene Fähigkeiten übernimmt: Somit wird ihnen ein möglichst langes, selbstständiges Leben ermöglicht.

Intelligenter Spiegel

Unterstützungsmittel sind im Schrank integriert, wie beispielsweise eine Stange, die beim Aufrichten hilft, oder eine ausklappbare Sitzgelegenheit. Haltegriffe in kontrastreicher Farbgebung zur besseren Sichtbarkeit, im Bad eine „versteckte“ Toilette mit schwenkbarer Sitzfläche direkt in die Dusche. Waschbecken mit übergroßem rotem Plus- und blauem Minus-Zeichen zur Temperaturregelung, ein intelligenter Spiegel, auf dem als zweite Ebene ein personalisierter Film läuft, wie sich beispielsweise die Enkelin des Bewohners die Zähne putzt. Eine im Boden eingelassene Fläche dient zum Messen der Vitalwerte wie Gewicht, Puls, Blutdruck – täglich benutzte Dinge, die im Carla gut erreichbar sind.

In Stuttgart soll eine modellhafte Wohnung entstehen

Projekt
 In Planung haben die Ingenieure die Einrichtung einer Wohnung in Stuttgart zusammen mit einer Wohnungsbaugesellschaft. Wenn Hilfe von außen, wie beispielsweise die Nähe zu einer Pflegeeinrichtung für betreutes Wohnen notwendig ist, kann der Wohnraum, der den Bewohner bis zum Lebensende begleitet, mitgenommen werden. Durch die Verwendung von Containern als flexiblen Wohnraum kann frei werdender, nicht altersgerechter Wohnraum, insbesondere in Ballungsräumen, zusätzlich gewonnen werden.

Partner
Lokale Gesundheitseinrichtungen, Kliniken, Alten- und Pflegeheime sowie Ausbildungseinrichtungen sollen künftig mit ins Boot geholt werden. Entwickelt wird ein Wohnraumkonzept, das sich den sich ändernden Lebensumständen anpasst.

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