BW von oben - Freilichtmuseum Wackershofen Wie in vier Jahrzehnten das Museumsdorf heranwuchs

Bett im Armenhaus Foto: /Szuttor

Als nach dem Wirtschaftsboom der 50er und 60er Jahre alles so schön modern war in den Dörfern, wollten die Leute wieder wissen, wie der einfache Bauer früher lebte. Das Freilichtmuseum Wackershofen entstand.

Reportage: Robin Szuttor (szu)

Alles so eng. So grob und klein. So niedrig. Die Besucher gehen geduckt durch den Türrahmen. Ein Zwergenbettle. Zwergenleibchen an der Wäscheleine, die als Kleiderschrank dient. So muss sich Schneewittchen gefühlt haben. Wie groß die Menschen im 21. Jahrhundert geworden sind.

 

Das Armenhaus von Hößlinsulz in den Löwensteiner Bergen wurde 1744 gebaut. 1984 zog der letzte Bewohner aus, drei Jahre später versetzte man es 35 Kilometer weiter. Zum ersten Mal gelang es einem Freilichtmuseum in Deutschland, einen ganzen Gebäudeteil – den Dachstuhl mit Decken, Wänden, Sparren – unzerlegt zu transportieren. Die Lebensumstände der armen Leute von früher zu zeigen: auch eine Premiere. Nicht immer nur Königsschlösser.

Wackershofen, das sind zwei Dörfer. Ein echtes und eines ohne Einwohner. 70 historische Gebäude stehen in dem Freilichtmuseum. Wackershofen ist eine Zeitmaschine und ein Fantasieort. Wohin würde man gerne mal in der Vorstellung reisen? In das Taglöhnerhaus mit Kochdünsten und Viehgestank? In die alte Sägemühle mit Wasserrad, die noch eine Stunde für jeden Baumstamm brauchte? Oder in die einfach gezimmerte Kegelbahn um 1900, mitten unter raubauzige Männer bei Tabakrauch und Bierlaune?

Wer würde man gerne sein? Ein Geistlicher im Beichtstuhl der Dorfkapelle, die früher im Ostalbkreis stand? Ein feister Großbauer? Oder lieber ein armer Schlucker? In Wackershofen kann man auf Gedankenfahrt gehen, danach wieder auschecken und sicher ankommen in der guten neuen Zeit.

Seit Beginn des 19. Jahrhunderts müssen die Gemeinden im Königreich Württemberg für ihre armen Bürger sorgen – was aber in der Praxis nicht mehr heißt, als sie gerade so am Leben zu halten. Im Hößlinsülzer Armenhaus krebsen zeitweise 14 Bewohner dahin: Geißhirten, körperlich und geistig Behinderte, entlassene Sträflinge, vor allem aber in Not geratene Frauen, ledige Mütter, Waisen. Die hygienischen Zustände sind furchtbar. In die Stube rinnt immer wieder Brühe vom Misthaufen des Nachbarn. Der Abort wird erst 1901 von der Küche in einen Anbau verlegt.

Bei Bedarf müssen die Bewohner um zusätzliche Mittel wie Schul- oder Kleidergeld bitten. Hinter den knappen Notizen in den Gemeindeakten lassen sich die Einzelschicksale wenigstens erahnen. Einer Frau wird Unterstützung verwehrt, weil sie im Armenhaus Männer „zum geschlechtlichen Umgang für Geld“ empfängt. 1859 stirbt hier die Taglöhnerwitwe Kießling. Ihre Habseligkeiten: „Ein paar Fetzen Kleider und ein ganz elendes Bettchen. Alles mit Ungeziefer und nur wert, vergraben zu werden.“

Die Urzelle des Freilichtmuseums Wackershofen

Freilichtmuseen sind Kinder der Wirtschaftswunder-Abrisswelle. Mit dem Wiederaufbau zieht bald auch in kleinere Gemeinden die neue Zeit ein – mit aparten Bankfilialen und Rathäusern, die ebenso gut in ein Gewerbegebiet passen würden. Die alten Fachwerkhäuser sehen daneben richtig schäbig und abgelebt aus. Das geht so nicht, da muss ein schöner Putz drauf, man soll ja nicht schon von außen die ärmliche Herkunft erkennen. Oder am besten gleich alles abreißen und neu bauen.

Die Landwirtschaft mit ihren Gerüchen und ihrem Lärm wird aus den Dörfern verdrängt. Städter rücken nach und bringen ganz andere Wohnvorstellungen mit. Weg mit den kleinen Luken und dunklen Holzwänden. Her mit den knalligen Tapeten, Einbauküchen und Panoramafenstern.

In den 70ern fällt dann allmählich auf, dass nicht nur mit den Weltkriegsbomben, sondern auch danach viel Sehenswertes von der Bildfläche verschwunden ist. Das Jahr 1975 wird zum Denkmalschutzjahr.

Es sind meist ortsfremde Baugeschichtler und Kunsthistoriker, die unter den Putzschichten wertvolle Bausubstanz wiederentdecken – während die Einheimischen oft gar nicht mehr genau wissen, was es mit den Häusern im Dorf so auf sich hat. Die amtliche Denkmalpflege macht sich jetzt stark für unspektakuläre historische Landarchitektur.

In Wackershofen besitzt die Stadt Schwäbisch Hall einen größeren Hof, ein typisches Bauernhaus von 1838. Und dahinter ist noch viel Freifläche mit Wiesen, Weiden und Äckern. Das wär doch ein Traum: Dieses alte Bauernhaus zur Urzelle eines ganzen Freilichtmuseums zu machen. Fördergeld fließt. Ein Verein wird gegründet.

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Es gibt Kleinsthäuser wie das vom Samenhändler Friedrich Huber. Erbaut 1825 an der Landstraße zwischen Löwenstein und Mainhardt (heute B 39) mit einer zehn Quadratmeter großen Stube, einer kleinen Schlafkammer und einer winzigen Küche. Der Mann zeugt elf Kinder. Wo die Rangen schlafen, darüber können die Experten heute nur rätseln. Von 1932 an ist hier das „Fritzle“, wie er gerufen wird, zu Hause. Ein Sonderling mit Buckel, der mehr schlecht als recht vom Korbflechten und von Flickarbeiten lebt, die sonst keiner machen will. 1988 wird das Häusle in einem Stück verpflanzt – so wie es Fritz Pfitzenmaier ein paar Jahre zuvor für immer verlassen hat.

Dass es nicht immer ärmlich zugehen muss, zeigt das stattliche Bauernhaus aus Elzbach. Wie geräumig alles. Geschirr, Wäsche, Möbel verkörpern großbäuerliche Gediegenheit. Der gusseiserne Ofen: echte Handwerkskunst. Die Schränke: üppig bemalt. An der Kopfseite des Himmelbetts der Spruch: „In dieser Bettstatt gibt es Platz / Für mich und meinen lieben Schatz“. Und dazu kräht draußen ein echter Hahn.

Die Ehe der Katharina Kuch

Katharina Kuch kommt dort 1832 als älteste Tochter eines wohlhabenden Bauernpaars zur Welt. Von ihren sechs Geschwistern überleben zwei: ein behinderter Bruder und eine jüngere Schwester. Kein Hoferbe. Mit 16 Jahren heiratet Katharina den Schultheißensohn, eine gute Partie. Mit 18 wird sie zum ersten Mal Mutter. Bis zum 38. Lebensjahr bringt sie 14 Kinder zur Welt, von denen nur fünf erwachsen werden.

Katharina ist 48, als ihr Mann an einem Schlaganfall stirbt. Noch im gleichen Jahr verkauft sie dem ältesten Sohn den Hof, um mit den jüngeren Kindern ins Ausdinghaus zu ziehen, eine Art Renten- und Pflegeversicherung früherer Zeiten. Wenn es Platz und Geld ermöglichen, stellen sich die Alten gleich neben das große Bauernhaus quasi eine Miniaturausgabe hin. In einem Vertrag zwischen Alt und Jung wird alles peinlich genau geregelt: Katharina steht Betreuung in gesunden wie in kranken Tagen zu. Das Brot muss ihr gebacken werden, das Tuch gebleicht, Wasser in die Küche geschafft werden. Sie lebt noch 22 Jahre als Ausdingerin.

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Im Juni 1983 präsentiert das Freilichtmuseum seine ersten 13 Gebäude. Zehn Jahre später sind es schon 40. Die Kelter aus Oberohrn ist da, das Gefängnis von Dörzbach, das Waaghäusle aus Rauhenbretzingen, die Schmiede aus Fichtenau. Das Land finanziert die Hausversetzungen, den Rest muss der Verein mit Zuschüssen von Stadt, Kreisen und örtlichen Firmen tragen.

Heute gehört zum Museum ein echter Bahnanschluss und der versetzte Bahnhof von Kupferzell. Das Museum ist Zuchtbetrieb für das Schwäbisch-Hällische Landschwein, schon am Eingang riecht es nach Sau. Das Museum hat eine Besenwirtschaft aus Verrenberg und den Gasthof Roter Ochsen, der vor 200 Jahren in Schrozberg stand.

Bier-to-go in den alten Wirtschaften

Heute kann man hier Kraftbrühe mit Flädle nach Omas Art löffeln. Damals gibt es in den Gasthäusern kein warmes Essen oder kaltes Vesper – höchstens bei Leichenschmäusen oder Festtagen wie Kirchweih und Hochzeit. Normalerweise wird dort nur getrunken. Vor dem 20. Jahrhundert kennt man keine abgefüllte Getränke – also muss der Bauer, um ein frisches Bier zu genießen, in die Wirtschaft. Oder er lässt sich vom Buben einen Krug auf den Hof holen. In den alten Schenken gibt es meistens kleine Ausgabefenster für das Bier-to-Go. Wirt ist man im Nebenerwerb. Unten ist der Stall mit dem Vieh. Das Gastzimmer im ersten Stock ist zugleich die eigentliche Wohnstube des Wirts. Die trinkenden Gäste gehören praktisch zur Familie. Oder umgekehrt: die Wirtsfamilie lebt zwangsläufig mit ihren Gästen und trottet nach dem letzten Schluck nach nebenan ins Bett.

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Wer den Roten Ochsen verlässt, landet am Katheder. Gleich gegenüber steht das 200 Jahre alte Schulhaus von Satteldorf. 80 Quadratmeter für 140 Kinder. Laut königlich-württembergischem Gesetz endet die Schulpflicht mit dem 14. Lebensjahr. Volksschule heißt vor allem Religionsunterricht und Sittenlehre, der Katechismus muss auswendig sitzen. Erst das Ende des Kaiserreichs 1918 führt langsam über in ein modernes Bildungswesen.

Wenn man sich die Schulstube von früher vorstellt, sitzen ein paar Kinder brav an ihren Holztischchen und lauschen. In Wirklichkeit hat der Dorfschullehrer oft mehr als 100 Kinder auf einmal zu unterrichten. Man kann sich vorstellen, wie es da zugeht.

Aber es gibt ja die Prügelstrafe, mit der sich die Lehrkraft Gehör verschaffen kann. Auch bei Lernschwierigkeiten wird durchgegriffen. Dummheit muss bestraft werden mit Ohrfeigen, Kopfnüssen, An-den-Ohren-Ziehen oder Stockschlägen. Nicht selten kommt der Bub mit Blutstriemen auf dem Gesäß heim. Höchststrafe ist der mehrstündige Arrest, zur Not auch im Ortsgefängnis.

Die Zahl der wöchentlichen Schulstunden darf nicht mehr als 20 betragen. Zur Zeit der stärksten Feldarbeiten und bei drückender Armut kann der Ortsgeistliche Kinder bis zu dreimal in der Woche vom Unterricht dispensieren. Oft sondert die Pfarrer auch die Armenhauskinder aus – wegen der berechtigten Sorge, dass sie Läuse und anderes Geziefer in die Klasse schleppen. Der gesellschaftliche Ausschluss beginnt sehr früh. Und aus der Armutsfalle gibt es kein Entrinnen. Sich in ein Wohlstandsleben hineinzuarbeiten, ist schier unmöglich. Einmal Armenhaus, immer Armenhaus.

Das Schicksal der Philippine Knörzer

Philippine Knörzer wird 1827 als jüngstes Kind eines Löwensteiner Bäckers und dessen Hößlinsülzer Ehefrau geboren. Die Mutter stirbt 1857. Vier Jahre später bringt die geistesschwache Philippine einen unehelichen Sohn zur Welt, der nur drei Monate alt wird. 1864 bekommt sie einen zweiten, ebenfalls unehelichen Sohn. Als Philippines Vater stirbt, erbt sein Haus die ledige Tochter, die ihn zuletzt gepflegt hat. Offenbar ist sie nicht bereit, die Schwester mit ihrem Sohn weiter aufzunehmen. Philippine muss ins Armenhaus ziehen, das Kind wird auf Gemeindekosten bei wechselnden Familien untergebracht.

Für Philippine bewilligt die Gemeinde eine jährliche Unterstützung von zehn Mark. An notwendigen Dingen erhält sie, so ist es verzeichnet, innerhalb von zehn Jahren: „Zwei Hemden, ein Bettbezug, ein Betttuch.“

Nachdem sich ihr Gesundheitszustand verschlechtert und sie allmählich zu teuer wird, weil sie mehrfach Arznei braucht, bringt man Philippine Knörzer 1904 in der Landesarmenanstalt Markgröningen unter, wo sie 1907 stirbt. Sie lebte so lange wie keine andere im Armenhaus von Hößlinsulz. Dass sich später mal so viele Leute für ihr Dasein interessieren, hätte sie bestimmt auch nicht gedacht. Dass sie noch ins Museum kommt! Ihre Lebensumstände sind heute in der hinteren linken Kammer dargestellt.

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