Er war anders. Mit den Gesprächen der anderen Jungs konnte er wenig anfangen. Fußball, Technik, Computer oder Mädchen interessierten ihn nicht. Er entsprach nicht dem gängigen Männlichkeitsbild und galt als Sonderling. Als er in einem Ferienzeltlager war, wachte er eines Nachts auf, weil ihn jemand mit voller Wucht ins Gesicht geschlagen hatte. Lange Zeit hatte der junge Mann den demütigenden Vorfall verdrängt. Doch während eines Interviews mit Aliesa Schreiner kam die Erinnerung daran wieder hoch.
Die Studierende der Fachrichtung Soziale Arbeit an der Hochschule Esslingen hat zusammen mit 19 Kommilitonen in einer über zwei Semester laufenden Forschungsarbeit 32 Personen mit Erfahrungen aus unterschiedlichen Lebenskrisen befragt. Die Studierenden um Projektleiter Professor Kurt Möller erhofften sich von den Interviews Erkenntnisse darüber, wie Menschen mit schwierigen biografischen Stationen fertig werden. Aus den Lebensberichten wurden Podcasts erstellt, und ein Ziel war, allgemein gültige Lösungsansätze herauszufiltern.
Gesprochen wurde auch mit einer unter Burn-out leidenden Frau. Die Gründe für ihren ständigen Überlastungsdruck lagen tiefer. Durch sexualisierte Gewalt im familiären Umfeld während ihrer Jugend hatte ihr Selbstbewusstsein gelitten. Sie glaubte, für nichts gut genug zu sein. Eine Empfindung, die sie durch immer noch mehr Leistung zu kompensieren versuchte. Die Folge war völlige Erschöpfung, wie die Frau Max Haffelder berichtet hat, ebenfalls ein Student des Fachs Soziale Arbeit.
Er und die anderen am Projekt Beteiligten haben Menschen mit unterschiedlichen Problembereichen befragt – Suchterkrankungen, Essstörungen, sexuelle Diskriminierung, krimineller Hintergrund, psychische Erkrankungen, Selbstmordgefahr, Fluchterlebnisse. Durch das bewusst gewählte breite Spektrum sollte eine möglichst große Erkenntnispalette generiert werden. Die Befragten wurden aus dem persönlichen Umfeld, mit Hilfe von Beratungsstellen oder aus Kontakten ausgewählt, die während verschiedener Praktika der Studierenden geknüpft worden waren. Die Interviews dauerten zwischen 20 Minuten und einer Stunde.
Podcasts wurden erstellt
Trauererfahrung gehörte ebenfalls zum Themenspektrum. Der Tod ihrer engsten Bezugsperson hatte eine der Befragten schwer getroffen. Die Frau stürzte sich ins Studium, büffelte Tag und Nacht, gönnte sich keine Freizeit. Bis ihr bewusst wurde, dass sie das Problem verdrängte, aber nicht verarbeitete. Die Interviewpartnerin von Milena Schalck, einer weiteren Studierenden, fand Hilfe in Gesprächen mit anderen Betroffenen, mit Freunden, mit der Familie.
Das Verhalten der Gesprächspartner während der Interviews sei ganz unterschiedlich gewesen, berichten die drei Studierenden. Manche redeten frei von der Leber weg, andere mussten behutsam in eine Unterhaltung gelenkt werden. Viele der Menschen taten sich zunächst schwer damit, dass alle Interviews für Podcasts aufgezeichnet wurden. Doch am Ende wollten nur zwei, dass ihre Stimme unkenntlich gemacht und verzerrt wurde. Auch mit einer Namensnennung war der Großteil einverstanden.
Sehr Persönliches kam zur Sprache. Ein junger Mann erinnert sich in einem der Podcasts an seine Flucht aus Afghanistan. Eine Schlepperbande wollte ihn auf einer Pritsche am unteren Teil eines Zuges liegend in den Westen schmuggeln. Der Befragte kam heil an. Doch sein Freund neben ihm verlor den Halt und fiel auf die Schienen. Viele Einzelschicksale – einen gemeinsamen Nenner für Lösungsansätze zu finden, sei schwierig gewesen, sagen die Studierenden. Wichtig, so fasst Projektleiter Kurt Möller zusammen, sei aber ein Annehmen, ein Benennen, ein Definieren, ein Herausfiltern des Problems: „Ich muss mir zuerst selbst eingestehen, dass etwas nicht richtig gelaufen ist.“
Helfen kann laut Möller die Suche nach Dingen, die einem wichtig sind, einen aufbauen, Kraft geben. Ein Befragter sei begeisterter Motorradfahrer. Durch eine Drogensucht sei diese Leidenschaft gefährdet gewesen. Das sei ein Ansatz gewesen, um den Teufelskreis der Abhängigkeit zu durchbrechen. Auch andere Interessen wie Sport, Kultur oder Ehrenamt können dazu beitragen, aus einem Schlamassel herauszukommen.
Ressourcen können helfen
Die Studierenden und ihr Professor nennen immer wieder das Wort „Ressourcen“, die es zu nutzen gelte. Menschen in Krisensituationen müssten die eigenen Kräfte und Stärken mobilisieren, aber auch die Hilfe von Freunden, Bekannten, Verwandten oder die Unterstützung professioneller Helfer und Beratungsstellen zulassen. Eigenarbeit, Mühen, Geduld und Zeit seien nötig. Denn ein Aufarbeitungsprozess, so der Professor, verlaufe niemals linear. Es würde immer Rückschläge, Stillstand, Frustrationen, aber auch Erfolge, Fortschritte und Gewinne geben. Wie von Zauberhand würden sich die Löcher in der Seele nicht schließen.
Personen und Podcasts
Person
Kurt Möller studierte Erziehungswissenschaften, Soziologie und Germanistik an der Westfälischen-Wilhelms-Universität Münster und der Universität Bielefeld. Ab 1989 arbeitete er als Professor für Theorien und die Konzepte Sozialer Arbeit an der Hochschule Esslingen. Eigentlich ist der 69-Jährige im Ruhestand, doch er betreut noch immer Forschungsprojekte mit Studierenden wie die Untersuchung zu Menschen in Konfliktsituationen.
Podcasts
Die von den Studierenden erstellten Podcasts können unter https://open.spotify.com aufgerufen werden. Nach Angabe des Stichworts „Vorbei? Reset?“ erscheint unter dem Punkt Podcasts das Projekt der Hochschule Esslingen. Dort sind Beiträge mit verschiedenen Längen zu Themen wie „Mit dem Motorrad die Kurve gekriegt“, „Der Teufelskreis zwischen Essen und Emotionen“, „Sexualisierte Gewalt: Es ist nie vorbei“ oder „Stille Tränen, laute Schreie“ zu finden.