Projekt der Lebenshilfe Leonberg Gemischter kann ein Chor nicht sein

Von Bartek Langer 

Bei der Lebenshilfe singen Menschen mit und ohne Behinderung miteinander. Das Projekt sucht seinesgleichen im Altkreis.

Interessenten willkommen: Der Chor probt alle zwei Wochen in den Räumen der Lebenshilfe. Foto: factum/Bach
Interessenten willkommen: Der Chor probt alle zwei Wochen in den Räumen der Lebenshilfe. Foto: factum/Bach

Leonberg - An Tagen wie diesen wünscht man sich Unendlichkeit, an Tagen wie diesen haben wir noch ewig Zeit!“ Wer kennt sie nicht, die Fußballhymne der Toten Hosen zur Europameisterschaft 2012, die es fertig brachte, dass sich sogar verfeindete Fußballfans jubelnd oder auch schluchzend in die Arme fielen. Dieser vereinigende Effekt setzt auch im Musiksaal der Leonberger Lebenshilfe ein, dort geben Menschen mit und ohne Behinderung den Ohrwurm zum Besten, wenngleich nicht der Song allein der Grund für die besondere Konstellation ist.

Der inklusive Chor ist einmalig in Leonberg und wohl auch im gesamten Altkreis. „Das ist überhaupt der einzige echte gemischte Chor in der Stadt, um es ganz plakativ zu sagen!“, meint Elisabeth Kolofon von der Lebenshilfe, sie hatte auch die Idee dazu. „Bei uns singen Menschen mit und ohne Behinderung, Männlein und Weiblein, Junge und Alte.“ Die Bandbreite reiche von sechs bis 78 Jahren, wobei die Zielgruppe Erwachsene seien. Auch deshalb hat man sich keinen feschen Namen verpasst. „Das ist einfach der gemischte Chor!“, sagt Kolofon mit einem Schmunzeln.

Willkommen ist absolut jeder

Und der soll noch ruhig weiter wachsen. „Die Besetzung ist manchmal ein Problem“, befindet die Chorleiterin Christine Schultheiß. „Uns fehlen vor allem Männer, da müssen wir im Kanon schon mal dreistimmig singen, mit einer Männerstimme und zwei Frauenstimmen.“ Willkommen ist übrigens jeder, eine Notenkenntnis ist nicht erforderlich. „Manch einer trifft den Ton nicht, aber es klappt trotzdem“, sagt sie lachend. Und damit der Text sitzt, stellt sich zur Not auch schon mal Renske Venneker in die Mitte und hilft gestenreich nach – sie ist verantwortlich für das Projekt. Christine Schultheiß, die Chorleiterin des Gospelchors der evangelischen Kirchengemeinde Gebersheim und der Grundschule Gebersheim, weiß, wo sie ansetzen muss. Ihrer sympathischen Art kann sich keiner entziehen: „Was muss man tun, um singen zu können?“, fragt sie bei der Probe. „S’Göschle aufsperren!“ Vor allem viele Wiederholungen seien wichtig, dadurch lerne man schneller, sagt sie und meint: „Das ist nicht nur bei dieser Gruppe sinnvoll.“ Schon bei den ersten Proben Anfang Februar waren die Macherinnen völlig aus dem Häuschen. „Und das Wichtigste ist, es hat allen viel Spaß gemacht!“, betont Renske Venneker.

Die Lebenshilfe habe viele Angebote für Menschen mit Behinderung und unterstütze deren Eltern, sagt Elisabeth Kolofon. „Aber der Chor ist etwas, was wir gemeinsam mit ihnen unternehmen.“ Damit mache die Lebenshilfe genau das vor, was sie von ihren zahlreichen Kooperationspartnern des Inklusionsnetzwerks LeoNI einfordere, und das sei eben gemeinschaftliches Tun. „Und wie kann man charmanter zeigen, wie gut Inklusion funktioniert, als mit diesem Chor?”, sagt sie.

Eine tolle Erfahrung

Gute Gründe dafür gibt es allemal. „Aus meiner Erfahrung kann ich sagen, es entsteht immer etwas Tolles, wenn sich Menschen mit und ohne Behinderung zusammentun“, sagt sie. Von der Inklusion profitierten am Ende alle Beteiligten. „Ein inklusiver Chor ist eine Bereicherung für Leonberg“, ist sie überzeugt. Und Christine Schultheiß sieht darin auch eine Möglichkeit, um „Barrieren im Kopf“ abzubauen. „Letzten Endes tun sich doch Menschen mit und ohne Behinderung gleich schwer, wenn es darum geht, einen Songtext zu lernen“, sagt sie schmunzelnd.

Bei den Proben soll es übrigens nicht bleiben. Der erste große Auftritt ist für Oktober geplant, bei der Aufführung der inklusiven Theatergruppe in der Leonberger Steinturnhalle. Und wenn es nach Elisabeth Kolofon geht, soll das Ganze noch größer werden. „Mein Wunsch ist, dass wir den Chor irgendwann ‘auswildern’, weg von der Lebenshilfe“, sagt sie und meint: „Eine Kooperation mit einem Chor aus der Stadt, das wäre eine ganz tolle Sache!”

Wer hat Lust mitzumachen? Die Proben in den Räumen der Lebenshilfe, in der Böblinger Straße 19/1, finden im zweiwöchigen Rhythmus mittwochs zwischen 18 Uhr und 19.30 Uhr statt. Der nächste Termin ist am 21. März.