Projekt für geflüchtete Frauen in Stuttgart Emanzipation auf zwei Rädern

Von Tilman Baur 

In vielen muslimisch geprägten Ländern sind Fahrrad fahrende Frauen verpönt. Das Projekt Bike Bridge, ausgezeichnet mit dem Deutschen Integrationspreis, bringt Geflüchteten das Radfahren bei und gibt den Frauen ein Stück Freiheit zurück.

Erste Gleichgewichtsversuche auf dem Gepäckträger: Eine Caritas-Mitarbeiterin unterstützt eine Teilnehmerin des Projekts Bike Bridge. Foto: Lichtgut/Christoph Schmidt
Erste Gleichgewichtsversuche auf dem Gepäckträger: Eine Caritas-Mitarbeiterin unterstützt eine Teilnehmerin des Projekts Bike Bridge. Foto: Lichtgut/Christoph Schmidt

Stuttgart - Auf dem Weg zum Gebäude des Württembergischen Radsportverbands (WRSV) liegen kleine gelbe Plastikhütchen, die einen Slalomkurs markieren. Nahla Ali sitzt auf einem Fahrrad und umkurvt sie schwungvoll. Die 24-jährige Irakerin lebt in der Flüchtlingsunterkunft Liebfrauenheim in der Wildunger Straße in Bad Cannstatt und nimmt am Kurs Bike Bridge teil, der sich speziell an geflüchtete Frauen richtet. Das Fahrrad ist eine Spende des WRSV. „Ich fahre, so oft ich kann“, sagt Nahla Ali.

Alle vier Teilnehmerinnen, die sich am Montagabend hier eingefunden haben, kommen aus dem Irak. Die meisten haben bislang noch gar nicht auf dem Sattel gesessen, sind noch unsicher und machen sich langsam mit dem Gefährt vertraut. Sie setzen sich auf den Gepäckträger und stoßen sich mit den Füßen vom Boden ab. Gleichzeitig halten ehrenamtliche Trainerinnen den Sattel fest, um die Frauen zu stabilisieren.

In einigen Ländern ist Radfahren für Frauen verboten

Nahla Ali braucht keine Unterstützung. Im Gegensatz zu den anderen ist sie keine Anfängerin mehr. In ihrer Heimat, einem Dorf nahe der Stadt Sindschar im Nordirak, war sie schon früher ab und zu mit dem Rad unterwegs. Eine Selbstverständlichkeit wie in westlichen Ländern ist das keineswegs. „Es ist für Frauen zwar nicht verboten, Fahrrad zu fahren. Aber manche schämen sich und machen es deshalb nicht“, erklärt sie.

Als eine Caritas-Mitarbeiter sie auf das Projekt Bike Bridge aufmerksam machte, sagt Nahla Ali sofort zu. In Stuttgart gibt es seit Kurzem zwei Kurse, einen montags in Bad Cannstatt und einen freitags beim Gebrüder-Schmid-Zentrum im Süden. Das Ziel hört sich einfach an: geflüchtete Frauen sollen lernen, Fahrrad zu fahren.

Doch die Kombination Frau und Fahrrad ist in vielen Ländern verpönt, mancherorts gar per Gesetz untersagt. So hat beispielsweise Irans oberster religiöser Führer Ali Chamenei im Jahr 2016 eine Fatwa, also ein Rechtsgutachten, gegen Fahrrad fahrende Frauen erlassen. Die Frauen lernen in Deutschland also nicht nur, wie man in die Pedale tritt und das Gleichgewicht hält. Für sie ist das Training auch ein Stück weit kulturelle Emanzipation.

Kinderbetreuung ist häufig ein Problem

Das zweistündige Treffen beginnt mit dem Verteilen von Namensschildchen. Dann fragen die Trainerinnen langsam wichtige Wörter ab: Bremse, Lenker, Sattel. „Was ist das?“ fragt eine Trainerin. „Das Schloss!“ ruft der kleine Fahad stolz, der seine Mutter Khaton heute zum Training begleitet hat.

Die fehlende Kinderbetreuung ist einer der Gründe, warum bislang wenige geflüchtete Frauen aufs Rad steigen, glaubt Judith Häring, Koordinatorin der Stuttgarter Kurse. Von den vielen Fahrradwerkstätten für Flüchtlinge, die es mittlerweile gibt, profitieren deshalb hauptsächlich die Männer. „In Freiburg kümmert man sich mittlerweile parallel um die Kinder“, so Häring.

Dort, in Freiburg, ist das Projekt Bike Bridge vor drei Jahren gestartet. Eine Studentin aus dem Iran kam auf die Idee, als ihr auffiel, dass es in Flüchtlingsunterkünften keine Sportangebote für Frauen gab. Zum dreimonatigen Programm gehören mittlerweile Theoriekurse, Besuche von Verkehrsübungsplätzen, Radtouren, Reparaturworkshops und gemeinsame Feste. Mittlerweile unterstützt die Hertie-Stiftung Bike Bridge und hat die Initiative im vergangenen Jahr mit dem Deutschen Integrationspreis ausgezeichnet. Das Training mache Frauen mobil, dadurch erführen sie Teilhabe an der Gesellschaft, lobte die Jury. Davon wiederum würden die Familien der Frauen profitieren.

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