Projekt Housing First in Stuttgart Sein kleines Reich ist für Ex-Wohnungslosen wie ein Luxushotel

Ivan Lupic ist glücklich, eine Wohnung vermittelt bekommen zu haben. Foto: Lichtgut/Leif/ Piechowski

Das Projekt Housing First will Wohnungs- und Obdachlose wieder in Wohnraum bringen. Acht Wohnungen sind bisher vermietet worden. In einer lebt Ivan Lupic, dessen Leben nach einem epileptischen Anfall aus dem Tritt geraten war.

Familie/Bildung/Soziales: Viola Volland (vv)

Die Einrichtung ist spartanisch. Ein Esstisch, vier Stühle, eine kleine Kommode mit Fernseher und ein großes Sofa, das auch als Bett dient – viel mehr findet sich nicht in der Einzimmerwohnung. Aber für Ivan Lupic sind diese 28 Quadratmeter „das beste, was es gibt“. Er weiß, was es heißt, kein Zuhause zu haben. Rund ein Jahr lang war der 31-Jährige wohnungslos. Und gäbe es nicht Housing First“ wäre er es wohl noch.

 

Lupic ist einer der ersten, die von dem Modellprojekt profitiert, das im Oktober 2022 offiziell in Stuttgart gestartet war. Housing First soll helfen, Wohnungslose in privaten Wohnraum zu bringen. Der Caritasverband Stuttgart leitet es federführend. Beteiligt sind auch die Ambulante Hilfe, die Evangelische Gesellschaft und die Sozialberatung Stuttgart. Das Besondere ist dabei der Ansatz, dass die Vermittlung in eine Wohnung am Anfang steht – ohne Vorbedingungen. Die Sozialarbeit startet danach.

Am Anfang hatte er nur eine geliehene Luftmatratze

Lupic kann sich noch gut an seinen Einzug Anfang März erinnern. Die Wohnung war komplett leer, weil das Jobcenter die Erstausstattung noch nicht bewilligt hatte. Lupic lieh sich kurzerhand von einem Freund eine Luftmatratze. Er lehnte sich an die Wand und war glücklich. Dann habe er das Bad geputzt und Wasser in die Wanne eingelassen. Er habe sich „wie im Fünf-Sterne-Hotel“ gefühlt. Endlich nichts mehr teilen. Nicht den Raum, in dem er schläft, nicht die Küche, nicht das Bad. Wenn er etwas aus dem Kühlschrank braucht, muss er nicht über den Flur gehen, um den Herd zu erreichen, der zudem nicht geputzt ist. Lupic hat eigentlich Schlafstörungen. Aber in dieser ersten Nacht habe er zwölf Stunden lang am Stück geschlafen. Trotz Luftmatratze.

Acht Wohnungen hat das Team von „Housing First“ bisher vermittelt. Es könnten viel mehr sein. Im Dezember, erzählt die Sozialarbeiterin Katharina Rudel, mussten sie die Aufnahmen stoppen. Sie seien „überrannt“ worden. 27 Personen stehen immer noch auf ihrer Warteliste. Die meisten seien Alleinstehende, die seit vielen Jahren im System der Wohnungsnotfallhilfe feststeckten. Aber auch drei Familien hatten sich gemeldet. Davon hätten sie zwei vermittelt: eine Alleinerziehende, die mit ihren drei Kindern in einem Sozialhotel in einem Zimmer lebte, hat nun ein Zuhause bei einer Vermieterin in Botnang. Eine weitere Familie, die sich wegen einer Eigenbedarfskündigung gemeldet hatte, wird demnächst in eine privat angebotene Wohnung umziehen können, ebenfalls bei einer sozial eingestellten Vermieterin.

Er war noch in der Probezeit, da fiel er um

Ivan Lupic ist sich sicher: Ohne dieses Projekt wäre er immer noch im Hans-Sachs-Haus, einem Wohnheim für wohnungslose Männer. Rund zwei Jahre ist es her, dass sein Leben eine Wende nahm. Er trank gerade Kaffee, da sei er umgekippt. Stunden später kam er verwirrt zu sich – mit extremen Kopfschmerzen. Er schleppte sich noch zur Spätschicht als Lagerarbeiter. Später stellte sich heraus, dass er einen epileptischen Anfall gehabt hatte. Als die Firma von der Epilepsie erfahren habe, durfte er nicht mehr kommen. Er sei noch in der Probezeit gewesen.

Wohnungslos wurde er dann „wegen einer Dummheit“. Er habe das Auto eines Kumpels umparken wollen. Sie hatten zuvor gefeiert, er war nicht mehr nüchtern, geriet in eine Polizeikontrolle. Die Geldstrafe habe er wegen des verlorenen Jobs nicht zahlen können. Eigentlich hatte er angenommen, Sozialstunden ableisten zu können. Als er zur angewiesenen Adresse kam, war es aber das Gefängnis. 45 Tage lang musste er in Haft – für ihn ein Schock. Er habe Angst gehabt, wieder einen Anfall zu bekommen. Mit einem Drogenabhängigen teilte er sich eine Zelle. Vor dem Schlafen habe er seine Medikamente immer unter das Kopfkissen gesteckt, damit der sie ihm nicht stahl.

Nach der Haft der nächste Schock

Nach den 45 Tagen war sein Zimmer in der WG weg – und er wohnungslos. Die ersten Nächte kam er in der zentralen Notübernachtung unter. „Katastrophe“, sagt er nur. Dort seien lauter Drogenabhängige und Alkoholiker. Deren Schreie tags wie nachts hat er bis heute in den Ohren. Über den Umweg einer weiteren Einrichtung kam er ins Hans-Sachs-Haus, wo es im Vergleich „richtig gut“ gewesen sei, meint Lupic.

Heute ist er dankbar über die Unterstützung durch Katharina Rudel, die ihm sehr helfe. Sie steht ihm bei allen Fragen, die sich auftun, zur Seite, füllt die notwendigen Anträge mit ihm aus. Auch auf Freunde kann er bauen. Lupic habe ein intaktes soziales Netz und sei sehr rührig, so Katharina Rudel. Das sei nicht selbstverständlich bei ihren Klienten. Einen Teil der Möbel hat er sich letztlich selbst über ein Kleinanzeigenportal organisiert – das Sofa war zu verschenken, der Fernseher ebenfalls.

„Ich weiß, wie das ist“, sagt die Vonovia-Mitarbeiterin

Katharina Rudel würde gerne deutlich mehr Menschen helfen. Was fehlt, seien Wohnungen. Das Wohnungsunternehmen Vonovia habe sich als erstes bei ihnen gemeldet, es kooperiert auch in anderen Städten, wie Bremen oder Berlin, mit Housing-First-Projekten. Vonovia stellt bisher fünf Wohnungen, die städtische Wohnungsbaugesellschaft SWSG zudem eine.

Die zuständige Vonovia-Mitarbeiterin in Stuttgart, Ümmü Aslan, sieht eine „Fürsorgepflicht“ als Deutschlands größter Vermieter. Bei Housing First habe man feste Ansprechpartner. Das erleichtere es zu helfen. Aslan findet das Projekt auch persönlich wichtig. Sie habe, bevor sie von Freiburg nach Stuttgart zog, größte Probleme gehabt, hier eine Wohnung zu finden. „Ich habe mich zwei Jahre lang beworben, bin nie eingeladen worden, ich weiß, wie das ist“, sagt sie. Letztlich sei die große Masse an Bewerbern das Problem, weiß sie inzwischen, da sie auf der Vermieterseite steht.

Er ist auf dem Bauernhof aufgewachsen, hat immer schwer gearbeitet

Lupic hofft, dass sich weitere Vermieter finden, die Menschen wie ihm eine Chance geben. Im Hans-Sachs-Haus habe er viele „richtig gute Leute“ kennengelernt, die aus verschiedenen Gründen in ein Loch gefallen seien. „Wenn Du da unten bist, brauchst Du eine Leiter, die Dir hilft, da herauszukommen.“ Eine Leiter wie Housing First.

Sein nächstes Ziel ist es, wieder zu arbeiten. Dafür muss sein Neurologe aber erst identifizieren, welche Tätigkeiten er wegen der Epilepsie nicht ausüben darf. Bis September bekommt er Arbeitslosengeld. Nicht zu arbeiten, sei hart für ihn. Er gehe viel spazieren, treffe Freunde, aber das reiche ihm nicht. Er habe gearbeitet, seit er acht Jahre alt ist. Er wuchs auf einem Bauernhof in Bosnien auf. Da war klar, dass er mit anpackt. „Wenn du nicht arbeitest, fühlst du dich nicht wie ein Mensch“, sagt er.

Geld von Stadt und Stiftung

Finanzierung
Die Idee für Housing First stammt ursprünglich aus den USA und wird schon länger in anderen deutschen Großstädten umgesetzt, darunter Berlin und Bremen. Die Stadt Stuttgart gibt 1,8 Millionen Euro aufgeteilt auf vier Jahre für Büro- und Personalkosten, die Vektorstiftung zudem 150 000 Euro. Das Ziel ist die Vermittlung von 50 Wohnungen bis Ende 2026.

Kontakt
Wer Housing First eine Wohnung zur Verfügung stellen will, kann sich an info@housing-first-stuttgart.de wenden. Die Kosten für die Wohnung dürfen die Mietobergrenze nicht übersteigen. Mehr unter www.housing-first-stuttgart.de.

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