Projekt im Theaterhaus „Angekommen“: Geflüchtete erzählen von Verlust und Neuanfang

Togo, Syrien, Ukraine: Sechs Geflüchtete berichten auf der Bühne im Theaterhaus, wie ihnen in Deutschland der Neuanfang gelungen ist. Foto: Theaterhaus

Erst die Flucht, dann eine IT-Karriere: Zehn Jahre nach dem Flüchtlingssommer 2015 zeigen eine Foto-Ausstellung und ein Bühnenabend im Theaterhaus Menschen, deren Geschichten bewegen.

Stadtleben/Stadtkultur/Fildern : Andrea Kachelrieß (ak)

Das russische Wort „plócho“ bedeutet schlecht, schlimm. Als Kateryna Radieva im Jahr 2022 mit ihrer Tochter aus Petrowske in der Ostukraine fliehen musste, hoffte sie bei ihrer Ankunft in Deutschland, dass sie das Schlimmste hinter sich hat. Dann erfuhr sie, dass sie in Plochingen unterkommen soll, und der Schreck war groß. „Oh mein Gott, dachte ich damals, was erwartet mich in einer Stadt mit diesem Namen“, sagt die heute 40-Jährige.

 

Knapp vier Jahre nach ihrer Flucht steht die Ukrainerin im Stuttgarter Theaterhaus vor ihrem Porträt und berichtet auf Deutsch, wie es ihr seither ergangen ist. „Angekommen“ heißt die Ausstellung, die in Bild und Wort davon erzählt, wie geflüchteten Menschen ein Neustart gelungen ist. Selbstbewusst blicken die 15 Porträtierten in die Kamera und deuten doch auch an, dass sie Verluste und Leid erfahren haben.

Neue Öffentlichkeit für das Thema Flucht

Aufgenommen hat die einfühlsamen Bilder der Fotograf Chris Meier, der sich seit dem „Wir schaffen das“-Sommer 2015 im lokalen Bündnis für Flüchtlinge in Plochingen engagiert. Zehn Jahre später wollte er nicht nur mit der Organisation von Deutschkursen zur gelingenden Integration beitragen, sondern hat sich auf die eigenen Stärken besonnen und zur Kamera gegriffen. „Ich wollte dem Thema Flucht, das meist nur an Wirtshaustischen erzählt wird, eine andere Öffentlichkeit geben“, sagt der Fotograf in der Ausstellung im Theaterhaus und fügt an: „Ich zeige Persönlichkeiten, die einen Beitrag zur Gesellschaft leisten und ganz anders sind, als man erzählt.“ Für sein „Angekommen“-Projekt hat er in Michael Mikolajczak, für die Öffentlichkeitsarbeit der Stadt Plochingen zuständig, einen Verbündeten gefunden.

Umgesetzt hat Meier die Porträts bewusst in Schwarz-weiß. Nichts soll von den Menschen im Bild ablenken, sagt er. Flüchtlingskrise, Bürgergeld-Tourismus, Sozialbetrug: Das negative Stammtisch-Vokabular wird vor den konzentrierten Porträts zur Makulatur. Hisham Dalou, 2015 im Alter von 20 Jahren aus Syrien geflohen, ist einer der Beteiligten, der für die Stuttgarter Ausgabe der Ausstellung auch auf der Bühne von seinem Schicksal berichten wird. An diesem Samstag ist er wie auch die Ukrainerin Kateryna eine von sechs Stimmen, die in Gesprächen und Monologen von Verlust und Neuanfang, von Fremdsein und Gemeinschaft erzählen. Moderiert wird der Abend von dem Schauspieler Ernst Konarek.

Hisham Dalou Foto: Chris Meier

Am Rand einer Bühnenprobe im Theaterhaus blickt Hisham Dalou, der inzwischen auch den deutschen Pass besitzt, auf sein Porträt und sieht einen etwas ängstlichen jungen Mann, die Arme schützend vor dem Körper verschränkt. „Ich lasse mich nicht so gern fotografieren“, erklärt er. „Aber das habe ich für meine Stadt, für mein Plochingen gemacht.“ Chris Meier, der viele der Porträtierten seit Jahren kennt, sieht vor allem den Angekommenen. „Hisham hat eine Wahnsinnskarriere gemacht und berät heute große Unternehmen in Fragen der Cybersicherheit“, freut sich der Fotograf über den Weg des IT-Experten.

In Syrien drohte ihm das Gefängnis

Den Weg, der ihn nach Deutschland gebracht hat, hat Hisham Dalou dagegen verdrängt. „Meine Flucht ist wie hinter einer Wand“, sagt er. Proteste gegen die Regierung Assads, drohendes Gefängnis oder Militärdienst, der Tod der Verlobten bei einem Bombenangriff trieben ihn aus seiner Heimat, Familie und Archäologiestudium blieben zurück. In Plochingen kam er bei einer Ersatz-Familie unter. Weil ihm für die Fortsetzung des Studiums die Deutschkenntnisse fehlten, machte er eine Ausbildung im IT-Bereich.

„Ich war am Anfang sehr verschlossen“, blickt Hisham Dalou auf die erste Zeit in Plochingen zurück. Doch der Ort „voller Freunde und guter Gespräche“ habe ihn aus der Reserve geholt. Als Übersetzer hilft er bis heute ehrenamtlich anderen Geflüchteten. „Ich habe eine neue Familie, Freunde, Arbeit, Wohnung“, sagt Hisham Dalou. „Ich habe mehr gefunden, als ich gesucht habe.“ Seit dem Sturz des Assad-Regimes kann er seine Familie in Syrien wieder besuchen, „mein Herz liegt auch dort“, sagt er.

Kateryna Radieva Foto: Chris Meier

Kateryna Radieva wird auf der Bühne von ihrer Kindheit in einem Ort im Osten der Ukraine berichten, der heute russisch besetzt ist. Das Adjektiv „glücklich“ will die Bauingenieurin aber vor allem für ihre aktuelle Situation verwendet sehen. Die Arbeit, die sie inzwischen in Stuttgart gefunden hat, bezeichnet sie als das Beste, was ihr passieren konnte. Für einen Gastrodienstleister macht die Ukrainerin, die Erfahrung als Geschäftsführerin mitbrachte, die Abrechnung. „Ich dachte, dass ich in Deutschland als Putz- oder Pflegekraft arbeiten würde“, sagt sie und auch, dass sie das Wort Bürgergeld hier zum ersten Mal gehört habe. Heute fällt ihr zu Plochingen das ein: „Ich fühle mich sehr wohl dort und bin sehr dankbar.“. Auf ihrem Porträt sieht man eine starke Frau, ihr direkter Blick deutet an: Ankommen ist ein Prozess, der herausfordert, aber auch bereichert.

Bühnenabende und Bildbände

Termin
Die Ausstellung „Angekommen“ ist bis zum 29. März im Theaterhaus zu sehen. Am 31. Januar, 19 Uhr, wird sie in der Halle T 3 von einem theatralischen Geschichtenabend begleitet, arrangiert und moderiert von Ernst Konarek. Musikalisch begleiten ihn Ernst Kies (Akkordeon) und Karim Othman-Hassan (Oud, Nay). Der Bühnen-Abend ist nochmals am 29. März zum Abschluss der Ausstellung zu sehen.

Künstler
Chris Meier arbeitet seit 50 Jahren als Fotograf vor allem im Food-Bereich und hat mit seiner Frau Jutta Neu-Meier kulinarische Bildbände veröffentlicht. Titel wie „Weinmacher Württemberg“ wurden mit internationalen Preisen ausgezeichnet.

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