Projekt in Oppenweiler Mit Kunst raus aus der Sucht

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Beim Wilhelmsheim in Oppenweiler ist noch bis Ende Oktober eine Ausstellung mit Werken der Patienten zu sehen: tollkühne Figuren in allerlei Posen.

Der „Waldmeister“ empfängt die Gäste des Wilhelmsheims. Foto: Gottfried Stoppel
Der „Waldmeister“ empfängt die Gäste des Wilhelmsheims. Foto: Gottfried Stoppel

Oppenweiler - Die Namen der Kunstwerke sind Programm, manche beschreiben den Gemütszustand der Patienten der Suchtklinik Wilhelmsheim in Oppenweiler. Die lebensgroßen menschlichen Figuren sind in den vergangenen Monaten im Rahmen der Kunsttherapie entstanden und noch bis Oktober im Park der Einrichtung zu sehen. Mann mit Hut auf einer Parkbank: dieses Werk trät den Titel „der Grübler“. Knallrot farbene Figur mit blauem Schild: „Wilhelm der Weise“. Andere Werke heißen „Die letzte Hoffnung“, „(V-)erschaukelt“, „Sprung ins Ungewisse“ und „Wenn Träume fliegen lernen“.

Zum kleinen Rundgang von Werk zu Werk inklusive Kunsttherapie-Gespräch speziell für die Zeitung sind zwei Frauen und ein Mann erschienen, sie wollen nicht mit Namen genannt werden. Die eine Dame ist 31 Jahre alt und Bankkauffrau, Diagnose Spielsucht. Sie habe alles verspielt und könne nicht mehr in ihrem Beruf bei der Bank arbeiten, klar, weil ihr Suchtmittel das Geld ist. Die zweite Frau, 53 Jahre alt, ist gelernte Bürokauffrau und ebenfalls arbeitslos. Sie habe Jahre lang viel zu viel getrunken, ihr Ziel sei eine „zufriedene Abstinenz“. Der Mann in der kleinen Runde ist 37 Jahre alt und gelernter Forstwirt. Er habe fast alle Drogen konsumiert, außer Herion, und wolle nach dem Klinikaufenthalt „so lange wie möglich“ clean bleiben.

Wo ist mein Platz? Wo fühle ich mich wohl?

Die Kunsttherapie ist fester Bestandteil des mehrwöchigen Aufenthalts der Patienten im Wilhelmsheim. Die Therapeutin Sabine Schmid-Klozenbücher sagt: Wer sich künstlerisch betätige, komme zur Ruhe und könne abschalten. Gestaltung „hat was mit Lösung zu tun“. Die 31-jährige Bankkauffrau war an dem Werk „Waldmeister“ beteiligt. Die Figur, die alle Besucher des Wilhemsheims an der Pforte empfängt, hält sich zwischen zwei mächtigen Baumstämmen fest und „macht sich Platz um den Weg voran zu schreiten“. Der 37-jährige Forstwirt sagt über „Wilhelm den Weisen“, dieser weise den Besuchern und Patienten den Weg – zunächst zum Parkplatz, womöglich aber auch zur Abstinenz oder in die Ungewissheit. Wer weiß. Wilhelm sei jedenfalls „eine standhafte Figur“. Die 53-jährige Bürokauffrau erklärt zu ihrem „Grübler“, dieser sitze an einem einsamen Platz umrankt von vielen Bäumen. „Der sieht noch nicht viel Land.“

Nicht alle Patienten seien glücklich darüber, dass ich sich während ihrer Zeit im Wilhelmsheim mit Kunst beschäftigen müssten, erzählt die Therapeutin. Aber durch das „kreative Erlebnis, sich individuell ausdrücken zu können, baut sich beim Gestaltenden ein positives Selbstwertgefühl auf und erleichtert eine annehmende Haltung sich selbst gegenüber“. Selbst die Wahl des Ortes im Park, an dem das Kunstwerk gezeigt wird, könne zu Fragen wie diesen führen: Wo ist mein Platz? Wo fühle ich mich wohl? Wo stehe ich?

„Bereitschaft zur selbstkritischen Auseinandersetzung“

Die drei Patienten jedenfalls wissen recht genau, was sie wollen. Der Forstwirt will nach einem Intermezzo als Fabrikarbeiter wieder im Wald arbeiten. Die Bürokauffrau möchte ihren Führerschein, den sie wegen Alkoholfahrten verloren hat, zurück. Und die Bankkauffrau will gerne Erziehern werden.

Der Mann in der Runde sagt nachdenklich: „Man muss sich aber helfen lassen.“ Und „die Bereitschaft zur selbstkritischen Auseinandersetzung“ mitbringen – in die Suchttherapie ganz allgemein und speziell in die Kunsttherapie im Wilhelmsheim oberhalb von Oppenweiler.