Projekt in Ostfildern Lernräume für Kinder ohne Schreibtisch

Karlheinz Pfister bewarb sich als Freiwilligen-Dienstleistender und betreut nun in Ostfildern das Projekt Lernräume. Foto: /Peter Stotz

Die Stadt Ostfildern stellt ein Projekt zur Bildungsförderung von Kindern in prekären Wohnverhältnissen auf die Beine. Betreuer ist Karlheinz Pfister, ein 53-Jähriger im Freiwilligendienst. Der ehemalige Angestellte will „noch etwas anderes im Leben machen“.

Ostfildern - Die Monate der Corona-Pandemie haben gezeigt, dass Unterricht zuhause und soziale Vereinzelung das Lernen und die außerschulische Bildung besonders von Kindern aus armen Familien massiv beeinflusst haben. Die Stadt Ostfildern stellt nun ein Projekt auf die Beine, das diesen Kindern eine Begleitung beim Lernen und der Freizeitgestaltung anbietet. Als Betreuer fungiert Karlheinz Pfister, ein 53-jähriger Engagierter im Bundesfreiwilligendienst.

 

Auch in Ostfildern müssen etliche arme oder geflüchtete Familien in beengten und prekären Verhältnissen in städtischen Notunterkünften oder in Unterkünften der Anschlussunterbringung leben. „Für die Kinder und Jugendlichen in den Familien war das Leben in einer Unterkunft natürlich nie einfach. Aber mit der Fortdauer der Corona-Pandemie hat sich ihre Situation massiv verschärft“, berichtet Jörg Berrer, Leiter der städtischen Fachstelle für Wohnungsnot.

Kinder leiden still

Wie Alexandra Karaspirou, Sachgebietsleiterin beim Sozialen Dienst der Stadt, erläutert, haben das Homeschooling unter oft ungenügenden Voraussetzungen und die fehlenden Freizeitmöglichkeiten die Kinder enorm belastet. „Wir haben festgestellt, dass die Kinder still, aber massiv leiden. Und das Lernen teilweise zu viert mit nur einem Handy in einer kleinen engen Wohnung funktioniert einfach nicht“, berichtet Karaspirou.

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Zur Unterstützung dieser Kinder wurde das Projekt „Lernräume“ entwickelt. Dafür wurden in zwei Unterkünften in der Stadt Räume freigemacht und ausgestattet, die den fehlenden Schreibtisch zuhause ersetzen und gleichzeitig Voraussetzungen schaffen sollen, dass eine gerechte Teilhabe an Bildungsmöglichkeiten gegeben ist. Dort soll konzentriertes Lernen mit individueller Unterstützung möglich sein, durch regelmäßige feste Zeiten und Verbindlichkeit soll eine Wochenstruktur geschaffen werden, zudem ist Niederschwelligkeit durch die Nähe zu den Familien gegeben.

Lernen ist mehr als Schule

Darüber hinaus sollen Spiel, Spaß und Anregungen, aber auch Möglichkeiten für Entspannung und Rückzug nicht zu kurz kommen. „Wir hoffen, dass die Räume zu einer Art Zentrum für die Kids werden“, sagt Berrer. Zwar gebe es mittlerweile viele Angebote für Kinder und Jugendliche, Versäumtes nachzuholen. „Aber wir brauchen mehr, wir benötigen Lernräume in einem weiteren Sinn, wir benötigen Angebote, die mit Spaß und Unterhaltung verbunden sind“, skizziert Berrer die Bedeutung des Projektnamens. „Lernen ist mehr als Schule“, stellt er klar.

Mit der Entwicklung des Konzepts für die „Lernräume“ kam Karlheinz Pfister ins Spiel. Der 53-Jährige hatte nach langer Zeit in leitender Position bei einem Großkonzern beschlossen, „noch etwas anderes im Leben zu machen“, wie er sagt. „Die Gesellschaft hat mich unterstützt mit Ausbildung und Studium, ich möchte nun etwas zurückgeben und damit lokal wirksam werden.“ So bewarb er sich als Freiwilligen-Dienstleistender, gemeinhin Bufdi genannt, bei der Stadt für einen Einsatz im sozialen Bereich. „Das ist außergewöhnlich. Bufdis sind meist junge Menschen, die sich nach der Schule orientieren wollen. Im Fall von Karlheinz Pfister hat es wunderbar gepasst“, sagt Berrer.

Viele ehrenamtliche Unterstützer

Pfister hat nun zunächst einige Ausflüge und Unternehmungen angeboten, um sich bei den Kindern bekannt zu machen und Vertrauen aufzubauen. Parallel dazu ist er mit Berrer und Karaspirou mit einer Reihe von Akteuren und Einrichtungen in der Stadt im Gespräch, hat sich und das Projekt beim Freundeskreis Asyl ebenso vorgestellt wie bei der Bürgerstiftung, der Kinder- und Jugendförderung (Kiju), den Eltern im Netzwerk Sprache plus Bildung oder beim Mentoring-Programm. „Wir haben viele offene Türen, viel Wohlwollen und schon einige ehrenamtliche Unterstützer gefunden“, erzählt Jörg Berrer.

Die benötigen Pfister und das Programm „Lernräume“, denn schon die ersten Erfahrungen zeigen, dass die Aufgabe allein nicht zu schultern ist. Berrer setzt dabei auf das eng geknüpfte Netzwerk des bürgerschaftlichen Engagements in der Stadt. „Wir können Engagierten passgenaue, klar umrissene, sehr sinnvolle soziale Aufgaben anbieten. Das bietet viele Möglichkeiten.“

Nach der derzeitigen Auftaktphase wird das Projekt Anfang Oktober starten. Bis zum Sommer 2022 sollen die Erfahrungen dann ausgewertet sein, damit das Projekt in einen Regelbetrieb überführt werden kann. „Ich habe keine pädagogische Ausbildung, deshalb ist eine enge Kooperation mit den Schulen und der Kiju wichtig. Für eine Verstetigung des Projekts sollte jemand mit fachlicher Qualifikation übernehmen. Ich werde dann ehrenamtlich dabei bleiben“, sagt Karlheinz Pfister.

Engagement zum „Dank an die Gesellschaft“

Werdegang
 Karlheinz Pfister, 53 Jahre alt, lebt seit 20 Jahren im Scharnhauser Park. Nach einer Ausbildung zum Immobilienkaufmann, dem Zivildienst im Umweltschutz und einem Studium der technischen Betriebswirtschaftslehre mit Schwerpunkt Controlling hat er zunächst in einem mittleren Unternehmen der Bauindustrie, später in einem Großkonzern in der Entwicklung und in leitender Position im Controlling gearbeitet. Sein Engagement als Freiwilliger im sozialen Bereich sieht er als „Dank an die Gesellschaft für die Unterstützung, die ich erhalten habe“.

Freiwilligendienst
Der Dienst wurde 2011 eingeführt, um den Wegfall des Zivildiensts zu kompensieren, und soll das Engagement für das Gemeinwohl im sozialen, ökologischen und kulturellen Bereich, im Sport, der Integration sowie im Zivil- und Katastrophenschutz fördern. Der Dienst dauert in der Regel zwölf und höchstens 18 Monate. Teilnehmer erhalten ein Taschengeld von maximal 426 Euro im Monat, sämtliche Sozialversicherungsbeiträge werden von der Dienststelle bezahlt.

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