Projekt in S-Mitte Die Mechanismen eines tödlichen Irrwegs

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Der Bezirksbeirat Stuttgart-Mitte unterstützt ein Projekt, das Jugendliche über den Terror der RAF und die Gefahren der politischen Radikalisierung aufklären will.

Die RAF hat   1977  den Arbeitgeber-Präsidenten  Hanns Martin Schleyer entführt und später ermordet, um die  inhaftierten Terroristen freizupressen. Foto: dpa
Die RAF hat 1977 den Arbeitgeber-Präsidenten Hanns Martin Schleyer entführt und später ermordet, um die inhaftierten Terroristen freizupressen. Foto: dpa

S-Mitte - Die 39-jährige Autorin Daniela Hillers erinnert sich an die alltäglichen Fahndungsplakate in ihrer Kindheit. Sie zeigten die Gesichter der dritten Generation der Roten Armee Fraktion (RAF). Die Terroristen hatten 1991 den Chef der damaligen Treuhandanstalt, Detlef Karsten Rohwedder, ermordet. Sieben Jahre später erklärte die Untergrundorganisation in einem Schreiben, dass „die Stadtguerilla in Form der RAF“ Geschichte sei und gab mit diesen Worten ihre Selbstauflösung bekannt.

Die Schriftstellerin will zwei Jahrzehnte später mit einem Buchprojekt die Erinnerung an den Terror und seine 34 Opfer wachhalten. Der Bezirksbeirat Mitte hat bei seiner jüngsten Sitzung beschlossen, sie mit 2000 Euro aus seinem Budget zu unterstützen. Hillers will ihr Buch: „Irrweg RAF“ bei Lesungen in Schulen und anderen Einrichtungen mit Jugendlichen besprechen. Denkbar seien auch gemeinsame Besuche der Justizvollzugsanstalt Stammheim. Dort haben am 18. Oktober 1977 die RAF-Gründer Andreas Baader, Gudrun Ensslin und Jan-Carl Raspe Selbstmord begangen. Irmgard Möller überlebte die „Todesnacht von Stammheim“ mit schweren Verletzungen.

Horst Rudel war vor Ort

In Hillers Buch sind viele Bilder des Fotografen Horst Rudel zu sehen. Er arbeitet seit 1975 als Fotograf in der Redaktion der Stuttgarter Zeitung. Rudel stand mit anderen Fotografen und Journalisten in der Nacht zum 18. Oktober vor den Toren der Stammheimer Justizvollzugsanstalt. Palästinensische Terroristen hatten zuvor die Lufthansa-Maschine „Landshut“ auf dem Weg von Mallorca nach Frankfurt in ihre Gewalt gebracht und in der somalischen Hauptstadt Mogadischu landen lassen.

Die Entführer forderten die Freilassung der in Stammheim einsitzenden RAF-Mitglieder. „Viele rechneten damit, dass es in der Nacht einen Austausch geben wird“, sagt Hillers. Rudel fotografierte die erschöpften Reporter vor der Haftanstalt. Es kam anders als erwartet. Die Spezialeinheit GSG 9 befreite die „Landshut“ in Mogadischu aus der Hand der Terroristen. Die RAF-Mitglieder verloren ihre Hoffnungen auf Verhandlungen mit der Bundesregierung und brachten sich in ihren Stammheimer Zellen um. Nach dem Gruppenselbstmord hielt Rudel bei der Beerdigung die Trauer der Angehörigen fest. Er zeigte Mütter, die ihre Kinder verloren haben.

Hillers zeigt sich beeindruckt

Rudel sei es mit seinen Fotografien gelungen, die Auswirkungen des RAF-Terrors auf die Gesellschaft über ihre Taten hinaus aufzufangen. „Er enthüllt auch die B-Seiten des Terrors“, sagte Hillers bei der Sitzung im Rathaus.

Die in Stuttgart lebende Schriftstellerin konzentriert sich in ihrem Schreiben seit Jahren auf die Geschichte der RAF. Sie stellt fest, dass gerade für die junge Generation der „Deutsche Herbst“ 1977 mit seinen zahlreichen Anschlägen und die bleiernen Jahre des Terrors in den 70ern bis 90ern insgesamt immer ferner rücke. Dabei zeige die RAF exemplarisch, wie legitimer Protest – etwa gegen den damaligen Vietnamkrieg – sich radikalisieren könne.

Autorin will Jugendliche aufklären

Hillers konstatiert Verdrängung und im Kontext der heutigen Polarisierung der Gesellschaft auch Tendenzen zur Verharmlosung des damaligen Terrors. „Mich erschreckt es, wenn ich höre, es bräuchte mal wieder eine neue RAF“, sagte Hillers bei der Sitzung des Bezirksbeirats Mitte im Rathaus. Sie will mit Jugendlichen über den Wert von Protest für eine lebendige Zivilgesellschaft sprechen und über die Mechanismen, die auf tödliche Irrwege führen können.




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