Projekt in Wangen Demenzfreundlicher Stadtbezirk

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Eineinhalb Jahre lang haben sich die Wangener mit dem Thema Demenz auseinandergesetzt. Jetzt ist das Projekt „demenzfreundliches Wangen“ zu Ende.

Rund 1,2 Millionen Menschen in Deutschland leiden an Demenz. Foto: dpa
Rund 1,2 Millionen Menschen in Deutschland leiden an Demenz. Foto: dpa

Wangen - Schon zum fünften Mal kommt der Kunde an diesem Tag in die Bankfiliale. Wieder will er 100 Euro von seinem Girokonto abheben. Der ältere Herr wirkt verwirrt, trotzdem besteht er mit äußerster Vehemenz darauf, dass ihm das Geld ausgehändigt wird. Der Bankangestellte spürt zwar, dass mit dem Mann etwas nicht stimmt. Er weiß jedoch nicht, wie er mit der Situation umgehen soll.

Der Kunde hat einfach vergessen, dass er an diesem Tag schon vier Mal in der Bank gewesen ist. Er leidet an Demenz. Eine Krankheit, gegen die es bislang kein Heilmittel gibt. Trotzdem soll es Situationen wie die gerade beschriebene in Wangen zukünftig nicht mehr geben. Im Rahmen des am Freitag, 10. Februar, mit einer kleinen Feier zu Ende gegangenen Projektes „demenzfreundliches Wangen“ hat sich der Stadtbezirk in den vergangenen eineinhalb Jahren ausführlich mit dem Thema Demenz auseinandergesetzt.

Projekt „Menschen mit Demenz in der Kommune“

Die Idee, Wangen könnte an dem gemeinsam von der Aktion Demenz und der Robert-Bosch-Stiftung (RBS) ausgeschriebenen Projekt „Menschen mit Demenz in der Kommune“ mitmachen, hatte Regine Mischke. Die Leiterin der Wangener Begegnungsstätte holte noch Bezirksvorsteherin Beate Dietrich und Stephanie Lorenz vom Generationenzentrum Kornhasen mit ins Boot. Letztere wurde allerdings inzwischen von der neuen Leiterin des Generationenhauses Christine Schneider abgelöst.

Neben einer Umfrage auf dem Maibaummarkt 2010 und einem Forum in der alten Kelter im Juli 2010 haben die drei Projektinitiatorinnen Erste-Hilfe-Kurse zum Thema Demenz in ihrem Stadtbezirk organisiert. Geschäftsleute, Bankangestellte, aber auch die Mitarbeiter des Bezirksrathauses haben in diesen Kursen gelernt, wie sie sich richtig verhalten, wenn sie in ihrem Arbeitsalltag mit demenzkranken Menschen zu tun haben.

„Wenn jemand zum Beispiel auf einmal nicht mehr jede Woche ins Bezirksrathaus kommt, um seine gelben Müllsäcke abzuholen, sondern jeden Tag“, nennt Bezirksvorsteherin Dietrich ein Beispiel aus der Praxis. In den Erste-Hilfe-Kursen haben die Geschäftsleute und Mitarbeiter von öffentlichen Einrichtungen gelernt, wie sie in einem solchen Fall richtig auf die demenzkranke Person eingehen können.

Demenz auch zukünftig ein Thema im Stadtbezirk bleiben

„Solche Veranstaltungen möchten wir in regelmäßigen Abständen immer mal wieder machen“, sagt Kornhasen-Leiterin Schneider. Denn auch wenn das aus Mitteln der Robert-Bosch-Stiftung (RBS) finanzierte Projekt jetzt zu Ende ist, soll Demenz auch zukünftig ein wichtiges Thema im Stadtbezirk bleiben.

Demenz muss endlich aus der Tabu-Ecke herausgeholt und eine Krankheit wie jede andere werden, findet die Bezirksvorsteherin. Hierfür gibt es laut Begegnungsstätten-Leiterin Regine Mischke auch ein ganz egoistisches Motiv: „Es ist auch unser eigenes Alter, das uns bewegt.“ Schließlich würden jetzt die Weichen dafür gestellt, wie man in Wangen in Zukunft mit demenzkranken Menschen umgeht.

Und die Wahrscheinlichkeit, eines Tages selbst an Demenz zu erkranken, ist nicht unbedingt gering. Schon heute gibt es 1,2 Millionen Betroffene in Deutschland – Tendenz steigend. Diese Entwicklung können auch die drei Projektinitiatorinnen nicht aufhalten. Sie können nur versuchen, in ihrem Stadtbezirk ein größeres Verständnis für die Krankheit, die Betroffenen und ihre Angehörigen zu schaffen.

Ein bisschen scheint ihnen das auch schon gelungen zu sein. Kornhasen-Leiterin Schneider erzählt von einem Fall, als eine demenzkranke Bewohnerin ihres Generationenzentrums weggelaufen ist. Eine Pflegekraft habe versucht, die Dame zurückzuholen. Doch die demenzkranke Frau weigerte sich vehement. Natürlich könne man eine solche Patientin nicht gegen ihren Willen zwingen, mitzugehen, sagt Schneider.

Eine Wangener Bürgerin, die den Vorfall beobachtete, sah das anscheinend anders. Sie beschwerte sich bei Bezirksvorsteherin Dietrich darüber, wie es sein könne, dass eine kranke Frau einfach weglaufen würde. Später, als das Projekt schon einige Zeit lief, entschuldigte sie sich allerdings bei der Kornhasen-Leiterin für ihr vorschnelles Urteil. Sie hatte offenbar erkannt, dass der Umgang mit demenzkranken Menschen auch für das Pflegepersonal nicht immer einfach ist. Ein erster Erfolg auf dem Weg zum „demenzfreundlichen Stadtbezirk“.

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