Projekt in Wendlingen Kein Spielraum für Visionäre
Die Internationale Bauausstellung 2027 der Stadtregion Stuttgart findet ohne das Wendlinger Otto-Quartier statt – bei der Stadtverwaltung und den ehemaligen Eigentümern ist das Bedauern groß.
Die Internationale Bauausstellung 2027 der Stadtregion Stuttgart findet ohne das Wendlinger Otto-Quartier statt – bei der Stadtverwaltung und den ehemaligen Eigentümern ist das Bedauern groß.
Das Wendlinger Otto-Quartier gehört nicht mehr zu den Projekten der Internationalen Bauausstellung 2027 der Stadtregion Stuttgart. Die IBA’27 und die Projektträger hätten sich einvernehmlich verständigt, das Vorhaben aus der IBA herauszunehmen, verkündete Intendant Andreas Hofer auf der Jahrespressekonferenz der IBA’27 am Dienstag. Das neue Stadtviertel am westlichen Ortsrand von Wendlingen, wo auf einem rund zehn Hektar großen ehemaligen Industriegelände in den nächsten Jahren ein attraktives Quartier mit einem Mix aus Gewerbe und Wohnen entstehen soll, war im Jahr 2020 als eines der ersten offiziellen IBA-Projekte aufgenommen worden. Jetzt zogen die Verantwortlichen einen Schlussstrich – unterschiedliche Ansichten hinsichtlich des Verfahrensablaufs gaben den Ausschlag.
Der Hintergrund: IBA-Projekte zeichnen sich dadurch aus, dass sie quasi von der Pike auf gemeinsam von der IBA und den Eigentümern geplant werden, und zwar unter Einbeziehung von Architekten und Städteplanern, Studierenden und den Menschen vor Ort. „Wir haben gemerkt, dass es gut ist, wenn wir von vornherein zum Beispiel über Architektenwettbewerbe mit eingebunden sind“, erklärte IBA-Pressesprecher Tobias Schiller. Das sei beim Otto-Quartier aber nicht der Fall gewesen: Der Architektenwettbewerb für das Areal war bereits zuvor über die Bühne gegangen, unabhängig von der IBA wurde nach zähen, über 12 Monate sich hinziehenden Verhandlungen zwischen Stadt und Investor CG Elementum Anfang 2022 ein städtebaulicher Rahmenvertrag geschlossen. Der wiederum gibt architektonischen und städtebaulichen Aspekten nur wenig Spielraum. Zudem hat die CG die zwei größten Baufelder, die laut Rahmenvertrag unter anderem für den Wohnungsbau vorgesehen sind, bereits an den Investor Isaria weiterveräußert. Das Münchner Unternehmen ist eine 100-prozentige Tochter der Quarterback Immobilien AG, einer der deutschen Big Player der Immobilienentwicklung.
Auch bei der Isaria sind die Planungen in Sachen Otto-Quartier, die Projektentwickler Andre Tarasov auf der jüngsten Sitzung des Wendlinger Ausschusses für Technik und Umwelt vorstellte, bereits weit fortgeschritten. Der Investor scharrt quasi mit den Hufen, um endlich loslegen zu dürfen.
Bei der Stadt ist nun das Bedauern groß. „Natürlich hätten wir weiter gerne zwei IBA’27-Projekte in der Stadt gehabt“, sagt Wendlingens Bürgermeister Steffen Weigel mit Blick auf das Neckarspinnerei-Areal im Stadtteil Unterboihingen, das im Portfolio der IBA verbleibt. Allerdings könne er beide Seiten verstehen: „Die IBA geht davon aus, noch Einfluss nehmen zu können. Den Masterplan mit der CG, den städtebaulichen Rahmenvertrag und die Grundlagen des Bebauungsplans gibt es aber schon. Da ist es schwer, noch Veränderungen vorzunehmen.“ Laut Weigel war die Stadt in die jüngste Entwicklung nicht involviert. Dass es immer wieder neue Gesprächsanläufe zwischen CG und IBA gab, habe man registriert. Von der Entscheidung, das Otto-Quartier aus der IBA-Projektliste zu streichen, habe die Stadt bereits einige Tage vor der Pressekonferenz erfahren.
Auch die Verantwortlichen bei der HOS-Gruppe (HOS steht für Heinrich Otto & Söhne), die im Jahr 2019 rund 80 Prozent des Otto-Quartiers an die CG Elementum veräußert hat und die Eigentümerin des Neckarspinnerei-Areals ist, hatten die Entwicklungen aus der Ferne beobachtet. „Überrascht hat uns, dass das Otto-Quartier nicht nur seinen IBA-Projektstatus verliert, sondern aus dem kompletten Netzwerk ausgeschieden ist“, sagt Frank Reiner, der kaufmännische Leiter der HOS. Allerdings könne man die Entscheidung der IBA nachvollziehen: „Die Möglichkeiten der IBA, auf das Projekt einzuwirken, sind sehr begrenzt. Wesentliche Weichenstellungen wie etwa das städtebauliche Konzept wurden schon vor längerer Zeit festgelegt und sind inzwischen baurechtlich fixiert.“ Im Otto-Quartier gehe es bereits um die konkrete Realisierung des Bauprojektes und nicht mehr um konzeptionelle Themen. Gewünscht hätte sich die HOS, die ihren Stammsitz weiter im Otto-Quartier hat und dort aktuell ein Büro- und Parkierungsgebäude erstellt, aber trotzdem, dass der historische Komplex seinen IBA-Projektstatus behält: „Aber das lag letztlich nicht mehr in unserer Hand.“ Dass die CG Elementum Teile des Otto-Quartiers weiter veräußert, hat Reiners indes wenig überrascht: „Das war zu erwarten.“
Bei der HOS liegt der Schwerpunkt weiter auf der Fortentwicklung des Neckarspinnerei-Quartiers (NQ). Aktuell läuft dort der Internationale Architektenwettbewerb, bei dem acht Architekturbüros in Zusammenarbeit von HOS und IBA’27 eingeladen worden sind, die städtebauliche Entwicklung des Areals weiterzuentwickeln. Dabei werden auch neue Gebäude integriert und der unter Denkmalschutz stehende Bestand in den Fokus genommen. Die finale Preisgerichtsitzung ist für den 1. März 2023 angesetzt.
Historische Industrie-Areale
Das Otto-Quartier und das Neckarspinnerei-Areal waren einst im Besitz der HOS-Gruppe. Während jenes zu Großteilen an einen Investor veräußert wurde, blieb die Neckarspinnerei HOS-Eigentum. Die Gruppe blickt auf eine über 200-jährige Unternehmensgeschichte zurück. Im Jahr 1816 gründete Immanuel Friedrich Otto eine Färberei in Nürtingen, in der Blütezeit ab den 1850er-Jahren betrieb die Familie zwischen Neckartenzlingen und Reichenbach/Fils neun Textil-Produktionsstandorte. Heute spielt der Textilsektor kaum noch eine Rolle – in mittlerweile siebter Generation stehen die Geschäftsfelder Immobilien und regenerative Energien im Fokus.
Zukunftstechnologie
Das Otto-Quartier soll nahezu CO2-neutral werden. „Unsere Green Tech-Offensive umfasst Geothermie sowie die Nutzung von Abwasser-Wärme bis hin zu Fotovoltaik“, heißt es bei der CG Elementum AG.