Es war das erste Großprojekt, dass Rainer Ganske als Geschäftsführer der Böblinger Baugesellschaft (BBG) anpackte, als er seinen Posten am 1. April 2017 antrat: die Bebauung der Uferpromenade am Langen See. Die BBG erwarb damals die zwei Baufelder 35 und 36 – und hatte Großes vor. Zwei schwarze Korpusse sollten über dem Langen See prangen mit 168 hochwertigen Wohnungen darin. Im Erdgeschoss am Seeufer sollte eine Promenade mit Gastroflächen entstehen. Im Jahr darauf wollte man Spatenstich feiern. Doch daraus wurde nichts.
Auch 2020 und 2021 verstrichen, ohne dass ein Bagger anrückte. Jetzt zieht Rainer Ganske die Notbremse, sagt: „Die Realisierung ist derzeit zurückgestellt.“ Gleichwohl treibe die städtische Tochter aber die Detailplanung weiter voran.
Die Gründe seien veränderte Rahmenbedingungen in der Baubranche, insbesondere gestiegene Zinsen und Baupreise. Schon im April 2018 präsentierte die städtische Bautochter den Siegerentwurf der Aachener Architekten Kadawittfeld, aus deren Feder auch der Bitzer-Turm und die neue IBM in Ehningen stammen. Damals kalkulierte die BBG mit Baukosten von rund 100 Millionen Euro. Doch durch die Coronapandemie und den Russland-Ukraine-Krieg stiegen zuerst die Rohstoff-, dann die Baupreise und zuletzt die Zinsen deutlich an. Für das Projekt veranschlagt die BBG mittlerweile Baukosten in Höhe von 150 Millionen Euro, also eine Steigerung um die Hälfte. Daher hält sie es derzeit für nicht baubar. Nur, weshalb verzögerte sich das „Pier“ getaufte Projekt so lange?
Laut BBG-Chef Rainer Ganske liegen die Gründe in zähen Dreiecks-Abstimmungen mit dem Zweckverband Flugfeld und den beiden Städten Böblingen und Sindelfingen, aus denen der Verband besteht. Wichtige Detailfragen seien noch immer offen: „Bis jetzt fehlen die finalen Bestätigungen einer freien Möblierung der Außengastronomie.“ Bevor hier keine Klarheit herrsche, könne die BBG naturgemäß nicht in die finale Akquise von gastronomischen Mietern gehen, sagt er. Heißt konkret: Die BBG will zuerst unterschriebene Mietverträge für die Gastroflächen vorliegen haben, bevor sie zu bauen beginnt. Zu groß das Risiko, dass die Flächen hinterher leer stünden.
Strenge Regeln für Gastro-Möbel
Stein des Anstoßes ist unter anderem die im Bebauungsplan vorgegebene Möblierung der Gastroflächen entlang der Uferpromenade. Deren Material müsse „qualitativ hochwertig sein zum Beispiel aus Holz, Metall oder Geflecht und in Form, Maßstab, Gliederung, Material und Farbe aufeinander, auf das Stadtbild und den öffentlichen Raum abgestimmt sein“, besagt der Plan von 2021.
Mit diesen Zwängen seien Interessenten nicht einverstanden, sagt Rainer Ganske. „Zahlreiche Restaurants haben ihr eigenes Erscheinungsbild, das deutschlandweit einen Wiedererkennungswert für ihre Kunden darstellt. Eine einheitliche Möblierung der Außengastronomie entspricht daher nicht den zwingenden Anforderungen vieler Gastronomen. Ohne entsprechende Mieter aus der Gastronomie ist ein solches Projekt jedoch nicht realisierbar“, so der BBG-Chef.
Der Zweckverband Flugfeld unter Geschäftsführer Alexander Grullini spielt den Ball zurück: Auf dem Bebauungsplan „basierende beziehungsweise konkrete Konzepte der BBG zu Möblierung und Werbeanlagen in Zusammenhang mit den Gastronomieeinheiten liegen uns nicht vor“. Es ist offensichtlich, dass man in diesem Punkt noch immer nicht zueinander gefunden hat. Ebenfalls noch nicht einvernehmlich gelöst ist offenbar die Andienung der Lokale durch ihre Lieferwagen. Die BBG als Bauträgerin will lange Laufwege für die Gastronomen vermeiden, fordert eine praktikable Zufahrtsregelung. Hier sei man mit den Ordnungsämtern beider Verbandsstädte sowie der BBG noch in Abstimmung, heißt es vom Zweckverband.
Zweckverband bedauert Verzögerung
Generell bedaure der Zweckverband die Entscheidung der BBG, das Projekt „Pier“ zu verschieben, sagt Geschäftsführer Grullini. „Wir können diese jedoch nachvollziehen und hoffen auf einen baldigen Baubeginn.“ Er verweist auf den im Juni 2021 aufgestellten Bebauungsplan, wodurch die rechtlichen Voraussetzungen für einen Baubeginn gegeben seien. Ob er diesen noch in seiner Funktion begleiten wird, darf allerdings bezweifelt werden. Im Mai teilte der Zweckverband mit, dass Alexander Grullini auf der Suche nach neuen beruflichen Herausforderungen sei und den Zweckverband verlassen werde. Der genaue Zeitpunkt stehe allerdings noch nicht fest, das Verfahren zur Nachbesetzung sei aber bereits eingeleitet.
Wann das Projekt Pier Realität wird, ist derzeit offen. Die Vermarktung der 168 Wohnungen mit zwei bis vier Zimmern liegt genauso auf Eis wie die Akquise von gastronomischen Mietern für die Uferpromenade. Dem Vernehmen nach sind zwischenzeitlich zahlreiche Interessenten wieder abgesprungen, noch kein einziger Mietvertrag sei unterschrieben.
Kommentar von Jan-Philipp Schlecht: An der Realität vorbei
Drei Jahre können teuer sein, sehr teuer. Das zeigt der Fall der schon 2017 angestoßenen Neubebauung des Langen Seeufers durch die Böblinger Baugesellschaft, genannt „Pier“. Zum geplanten Baubeginn 2019 waren noch 100 Millionen Euro Baukosten veranschlagt, nun schätzt die BBG die Kosten auf 150 Millionen Euro. Eine happige Verteuerung um 50 Prozent, die das Projekt derzeit unbaubar macht – und wohl vermeidbar gewesen wäre.
Für Städte oder den Zweckverband mögen die drei Jahre keine lange Zeit sein, die die Aufstellung des Bebauungsplans, der Werbeanlagensatzung oder dem landschaftsplanerischen Wettbewerb offenbar benötigten. Für den Bauträger bedeutet die Verzögerung eine immense Kostensteigerung, die das gesamte Projekt scheitern lassen könnte. Die Tatsache, dass die engen Vorgaben des Bebauungsplans an den Anforderungen der gastronomischen Mieter vorbeigehen, wirft kein gutes Licht auf dieses Verfahren. Die Baudezernate in Böblingen und Sindelfingen müssen sich die Frage gefallen lassen, weshalb sie bei einem Projekt dieser Tragweite und städtebaulichen Bedeutung nicht glücklicher und vor allem zügiger agiert haben. So klafft am Langen See noch auf unbestimmte Zeit eine Baulücke – und 168 Wohnungen bleiben dem ohnehin überspannten Markt vorenthalten.