Der Hauptbahnhof, längst ein Wahrzeichen von Stuttgart, war zu dieser Zeit seit 20 Jahren in Betrieb. Der Architekt Paul Bonatz nannte sein Bauwerk „Umbilicus Sueviae“, den „Nabel Schwabens“. Seine Auftraggeber verwarfen ihren ursprünglichen Plan, einen Durchgangsbahnhof mit Tunneln zu bauen – denn 95 Prozent der Reisenden gaben damals an, Stuttgart sei ihr Ziel. 1922 wurden die ersten vier Bahnsteige des Hauptbahnhofs dem Verkehr übergeben. Sechs Jahre später war die gesamte Anlage mit 16 Gleisen fertig.
Trotz Anweisung aus Nazi-Deutschland blieb Bonatz in der Türkei
Im Nationalsozialismus war der parteilose Bonatz am Bau von Brücken der Reichsautobahnen beteiligt. Doch 1943 verließ er Deutschland. Er hatte das Angebot erhalten, als Berater im Baubüro für technische Schulen des türkischen Kulturministeriums zu arbeiten. Als im August 1944 die zuvor neutrale Türkei ihre diplomatischen Beziehungen zu Deutschland abbrach, blieb er in Ankara und kam trotz Anweisung nicht zurück nach Deutschland, wo weiterhin seine Familie lebte. Nach dem Krieg war Bonatz zunächst Professor an der technischen Universität von Istanbul.
Als der hochgelobte Architekt 1954 in seine Heimat zurückkehrte, sah sein Bahnhof anders aus. Ein Mercedes-Stern leuchtete am Turm. Wie durch ein Wunder ist der Bonatz-Bau im Krieg nur wenig beschädigt worden. Im Gemeinderat war heftig darüber gestritten worden, ob die Leuchtreklame sein darf. Die Sanierung des 52 Meter hohen Turms wurde auf eine halbe Million D-Mark geschätzt. Dies war der Bahn zu viel. Friedrich Bauer, der Inhaber des Reisebüros im Hauptbahnhof, kam auf die Idee, den Turm für Werbezwecke freizugeben und mit dem Geld die Wiederherstellung zu finanzieren. Nach langen Debatten gab es grünes Licht für den Stern, den heute jedes Kind kennt. Am 20. Juni 1952 hat man ihn mit einem Pferdefuhrwerk angeliefert und mit Seilwinden auf den Turm befördert. Damals hatte das Mercedes-Symbol einen Durchmesser von 4,20 Metern. Die kritischen Stimmen verloren sich rasch. Heute misst der Stern, der 1972 ausgewechselt worden ist, fünf Meter. Zu Pflegezwecken ist er hydraulisch kippbar.
Das architektonische Meisterwerk hat seine zwei Flügel verloren
Paul Bonatz war 33 Jahre alt, als er sich 1910 mit Eugen Scholer im Architektenwettbewerb um den Bahnhof gegen 70 Konkurrenten durchsetzte. Der Vorgängerbau unweit des Schlossplatzes war zu klein geworden. Der Bonatzbau, ein architektonisches Meisterwerk, hat für das Projekt Stuttgart 21 seine zwei Flügel verloren, weshalb das Baudenkmal bei Experten als beschädigt gilt.
Mit einer bei Lauffen gebaute Scheinanlage des Stuttgarter Bahnhofs wollte die Wehrmacht die Bomberpiloten täuschen. Ein Attrappe aus Lichtern, Brettern und Strohmatten sollte vom Himmel aus den Eindruck erwecken, es handele es sich um den strategisch wichtigsten Verkehrsknoten. Damit sollten die alliierten Fliegergeschwader vom eigentlichen Ziel des Stuttgarter Bahnhofs abgelenkt werden. Es wäre eine Verfehlung um 33 Kilometer Luftlinie gewesen – so groß ist die Entfernung von Lauffen nach Stuttgart.
Die Wirkung des Scheinbahnhofs wurde schöngeredet
Der Heimatforscher Günter Keller räumt mit einer Legende auf: Nach seinen Forschungen war der bis 1943 eingesetzte Scheinbahnhof in mehrfacher Hinsicht ein „Flop“. Die Nazis hätten die Wirkung der Anlage schöngeredet und zufällige Bombardierungen im Umkreis auf die Wirkung ihrer Attrappen zurückgeführt. Für verfehlte Angriffe der Briten sei jedoch nicht der Scheinbahnhof bei Lauffen ursächlich gewesen, sondern deren „miserable Navigation“. Die dortige Bevölkerung glaubte indes, für Stuttgart bluten zu müssen. Aus heutiger Sicht, so der Heimatforscher, gäbe es dafür keine Anhaltspunkte.
Der Hauptbahnhof selbst findet sich übrigens auf kaum einem der 1942 entstandenen Stuttgart-Fotos. Dafür aber die Gegend rund um den Bahnhofsvorplatz, damals noch Hindenburgplatz genannt. In der Bildergalerie nehmen wir Sie auf einen virtuellen Spaziergang mit.
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