Projekt Ultranet Lärmbelästigung durch neue Stromleitung

Von Walther Rosenberger 

Um Deutschlands Süden in Zukunft mit Energie zu versorgen, setzt die Republik auf die sogenannte Hybrid-Technologie. Die hocheffizienten Stromleitungen haben allerdings einen gravierenden Nachteil. Sie knistern fast immer. Betroffen ist etwa das Projekt Ultranet.

Stromtechniker arbeiten an einer Freileitung. Manche Leitungen haben ein Geräuschproblem Foto: dpa
Stromtechniker arbeiten an einer Freileitung. Manche Leitungen haben ein Geräuschproblem Foto: dpa

Stuttgart - Die Fragen, die die Deutschen beim Thema Stromtrassen umtreiben, gleichen einem kunterbunten Potpourri: „Wie kann man sich vor elektromagnetischen Strahlen schützen“, fragt ein besorgter Bürger auf der Internetseite Bürgerdialog Stromnetz. Ein anderer will wissen, ob man mit schweren Maschinen über Stromkabel fahren kann und einen dritten interessiert, ob „ionisierte Staubwolken“ im Umfeld der Hochspannungsleitungen entstehen und ob sie Lungenkrebs auslösen. Sogar, ob es nicht frustrierend ist, den ganzen Tag all diese Fragen zu beantworten, will jemand wissen. Fürs Thema Lärm durch Stromleitungen interessiert sich dagegen fast niemand.

Das könnte sich aber ändern, denn just die einzige komplett oberirdisch verlegte Mega-Stromtrasse – die quer durch Deutschland verlaufende Ultranet-Leitung – könnte zu Lärmproblemen führen. Führende Fachleute gehen jedenfalls davon aus, dass sich ein Dauerbrummen der Leitung zu einer erheblichen Hürde für die Akzeptanz des Milliardenprojekts entwickeln könnte.

Geräusche bis hin zu akustischer Belästigung

Thomas Benz, Geschäftsführer der Energietechnischen Gesellschaft im Verband der Elektrotechnik, Elektronik und Informationstechnik (VDE), spricht etwa von „lokalen Entladungen“, die entlang den Leitungen die Grenze zur „akustischen Belästigung“ erreichen könnten. Bei entsprechender Witterung könne einem das „auf den Geist gehen“, sagt Benz. Mit seiner Meinung steht Benz, der neben seiner Verbandstätigkeit seit mehr als zwei Jahrzehnten in Diensten des Elektrotechnik-Riesen ABB steht, nicht alleine da. Andere Fachleute wie Martin Weber, Leitungsbauexperte beim Schweizer Stromnetzbetreiber Swissgrid, bestätigen seine Einschätzung. „Wie heißes Fett, das in einer Pfanne prasselt“, beschreibt Weber die knisternden Entladungen, zu denen es um die armdicken Leiterseile kommen kann. Und auch von der Bonner Bundesnetzagentur – sie koordiniert den Trassenbau in Deutschland – heißt es, die Geräuschentwicklung von Ultranet werde „sicher noch ein Thema werden“. Droht dem für die Energiewende kritischen Ausbau der Hochspannungsnetze von Nord nach Süd also ein weiteres Akzeptanzproblem?

Dass Hochspannungsleitungen knacken, knistern und surren, ist nicht neu. Zwar hat die Industrie in den vergangenen Jahrzehnten durchaus Erfolge erzielt, den Anlagen diese auch als Korona-Effekt bekannte Macke auszutreiben – etwa indem immer dickere oder ineinander verflochtene Leiterseile verwendet wurden. Das Grundproblem aber bleibt. Besonders bei regnerischem Wetter entwickelt sich entlang gängiger Anlagen nicht selten ein Knister-Tremolo. Bei Ultranet verschärft die Bauart das Problem. Die vom nordrhein-westfälischen Osterath ins Baden-Württembergische Philippsburg verlaufende Trasse vereint zwei komplett unterschiedliche technische Konzepte auf einem Mast: Wechselstrom- und Gleichstromübertragung. Mag diese sogenannte Hybrid-Leitung aus Gründen der Energiesicherheit und der Effizienz Sinn ergeben, ist sie mit Blick auf etwaige Geräuschbelastungen für Anwohner aber ein Eigentor. Während gängige Wechselstromleitungen vor allem bei feuchter Witterung zu Brummen anfangen, verhält es sich bei moderner Gleichstromübertragung nämlich genau andersherum. Hier surrt, brummt und brizzelt es vor allem bei trockenem Wetter. Im schlimmsten Fall ist das nervtötende Hintergrundrauschen beim Ultranet-Projekt also ständig vorhanden. Speziell in den Sommermonaten, wenn die Leute viel draußen unterwegs sind, könnten die Geräusche als „besonders störend“ empfunden werden, sagt Fachmann Weber von Swissgrid.

Einige Probleme beim Bau der Leitungen ungelöst

Vom federführenden Übertragungsnetzbetreiber, der EnBW-Tochter TransnetBW, heißt es dagegen alle „Effekte seien beherrschbar“. Alle gesetzlichen Vorgaben würden eingehalten. Zur Unterdrückung der Koronageräusche sollen spezielle Schutzringe an den Anlagen montiert werden. Außerdem soll ein dickes Leiterseil dem Knister-Effekt entgegenwirken. In der Schweiz ist man da weniger optimistisch. Nach eigenen Angaben forsche man bei Swissgrid zusammen mit der in Zürich ansässigen Eidgenössischen Technischen Hochschule (ETH) seit einiger Zeit „mit Hochdruck“ an der Geräuschthematik. Einige Probleme seien aber immer noch „ungelöst“, gibt Swissgrid-Mann Weber unumwunden zu. Ziel sei es, gesetzliche Lärmvorschriften, die in der Schweiz tendenziell sogar etwas lockerer seien als in Deutschland, überhaupt erst einmal einzuhalten und gleichzeitig die Kosten der Maßnahmen nicht „zu stark ansteigen“ zu lassen, sagt Weber.

Davon, dass die Experten das Problem schnell in den Griff bekommen, hängt viel ab. Um die in Süddeutschland bis Ende 2022 stillgelegten Kernkraftwerke zu ersetzen, arbeitet die Energiewirtschaft derzeit an drei großen Leitungskorridoren, die Windenergie aus den Küstenregionen in die großen Verbrauchszentren im dicht besiedelten und industriestarken Süden Deutschlands bringen sollen. Im vergangenen Jahr hatte sich die Bundesregierung nach Druck aus Bayern dafür entschieden, die beiden umstrittensten Projekte im Osten und in der Mitte Deutschlands größtenteils unter die Erde zu legen. Nur Ultranet soll oberirdisch geführt werden. Weil so bestehende Masten genutzt werden konnten und sich die Bürgerproteste entlang der Trasse in Grenzen hielten, galt das von den Übertragungsnetzbetreibern TransnetBW und Amprion vorangetriebene Leitungssystem als Vorzeigeprojekt. Dass man durch die gleichzeitige Verlegung von Gleich- und Wechselstrom auf einem Mast technologiesches Neuland betritt, wurde aber offenbar unterschätzt. Weltweit gibt es keine vergleichbar langen Hybridleitungen. Man leiste „Pionierarbeit“, heißt es von TransnetBW.

Ob sich die am Ende auszahlt, ist indes offen. Zumindest werde der Laie am Ende keinen Unterschied zwischen der neuen Ultranet-High-Tech-Leitung und einer gängigen Stromtrasse erkennen, sagt VDE-Experte Benz. Hören wird man den Unterschied vielleicht schon.