Projekt zur Müllvermeidung in Freiburg Mehrwegbecher sind in Stuttgart noch rar

Von Andrea Jenewein 

In Freiburg gibt es seit dieser Woche ein Pilot-Projekt, mit dem gegen die Vermüllung durch Einwegbecher vorgegangen werden soll. Auch die Stadt Stuttgart sieht es als sinnvoll und notwendig an, gegen die Wegwerfbecher vorzugehen.

Einwegbecher vermeinden? In Stuttgart gibt es noch keine Strategie Foto: Lichtgut/Max Kovalenko 6 Bilder
Einwegbecher vermeinden? In Stuttgart gibt es noch keine Strategie Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Stuttgart - Mehrwegbecher sind derzeit in aller Munde - an den Mund führen die meisten Kaffeekonsumenten aber nach wie vor einen Wegwerfbecher, aus dem sie ihren Coffee-to-go schlürfen. Allein in Freiburg steigt derzeit die Zahl der Mehrwegbecher, und zwar dank einer Kampagne, der eine Vorreiterrolle im Land zugeschrieben wird: Auf Coffee-to-go-Becher gibt es in Freiburg Pfand. 15 Café-Betreiber in der Innenstadt machen bei dem Projekt „Freiburg Cup“ mit. Der Becher ist aus spülmaschinenfestem Kunststoff und soll rund 400 Mal benutzt werden können. Die Startauflage beträgt 5000 Stück, das Pfand pro Becher einen Euro. Ähnliche Initiativen laufen in Tübingen, Berlin, Hamburg und Rosenheim.

Das Pilot-Projekt in Freiburg profitiert von einemProjekt, das bereits im Jahr 2012 in Stuttgart an den Start ging. Die Universität Hohenheim führte Keep Cups ein, also Mehrwegbecher. „Damals gab es die in Deutschland noch gar nicht“, sagt Nanette Ströbele-Benschop, Professorin für angewandte Ernährungspsychologie. Sie änderte das: „Das Verbraucherverhalten ist Gegenstand der Ernährungspsychologie und zählt damit zu meinem Fachgebiet – vor allem aber war das Thema mir eine Herzensangelegenheit.“

Denn Einwegbecher stellen ein riesiges Problem dar: In Deutschland werden laut der Deutschen Umwelthilfe stündlich 320 000 Coffee-to-go-Becher verbraucht. Pro Jahr sind das fast drei Milliarden Stück. Um dem entgegen zu wirken, importierte die Professorin als erste die umweltfreundlichen Keep Cups aus Australien über England an die Uni.

Stuttgart war also einst vorbildlich in Sachen Mehrwegbecher – doch wie sieht es heute damit aus? „Ich habe mich umgehört, aber niemand hat einen Stuttgarter Betrieb auf dem Schirm, der Mehrwegbecher anbietet“, sagt Daniel Ohl, Pressesprecher des Hotel- und Gaststättenverbands Dehoga.

Nachfüllen? Kein Gesetz verbietet dies

Einige große Ketten bieten hingegen Alternativen zum Wegwerfbecher an: Starbucks gibt einen Preisnachlass von 30 Cent auf Getränke, wenn Gäste ihre eigenen Becher verwenden. Die Großbäckerei Kamps bietet Mehrwegbecher zum Verkauf an, zudem gibt es einen Rabatt von zehn Cent, wenn man ein Gefäß mitbringt. Einzige Einschränkung: Aus Qualitätsgründen werden nur einwandfrei saubere Becher befüllt. Bei McDonalds können Kunden einen Mehrwegbecher kaufen und bekommen einmalig Rabatt auf ein Heißgetränk. Wollen sie den Becher aber beim nächsten Besuch wieder befüllen lassen, streikt die Fastfood-Kette, angeblich aus hygienerechtlichen Gründen.

„Es gibt kein Gesetz, das das verbietet“, sagt Thomas Stegmanns, der Leiter der städtischen Dienststelle Lebensmittelüberwachung. „Wir erwarten von Cafébetreibern nur, dass sie sicherstellen, dass von dem Produkt, das sie verkaufen, keine gesundheitliche Gefahr ausgeht“, sagt er. Konkret heißt das: Der Kaffeeverkäufer muss sich, nachdem er den Mehrwegbecher angefasst hat, die Hände waschen, damit er an den nächsten Kunden keine Viren weitergibt.

Stadt prüft rechtliche Möglichkeiten

Wenn die Gastronomie keine Konsequenzen aus dem Bechermüllberg zieht, den sie mit verursacht, wäre dann nicht die Stadt gefragt? 2015 stellten die Grünen den Antrag, die Verwaltung solle die Möglichkeiten prüfen, wie Betriebe, die durch die Herausgabe von Einwegverpackungen Müll verursachen, gesondert an den Kosten der Gehwegreinigung in der Innenstadt beteiligt werden können. Doch „eine kommunale Sonderabgabe auf To-go-Verpackungen ist rechtlich nicht möglich. Abfallrecht ist Bundesrecht“, lautete die Stellungnahme von Oberbürgermeister Fritz Kuhn.

Deshalb sei man derzeit – auch sensibilisiert durch das Vorbild anderer Städte – in allen relevanten Ämtern im Gespräch, um zu klären, was die Stadt in Hinblick auf den Einwegbecher unternehmen kann. „Wir haben das im Blick und es ist fast sicher, dass da etwas kommen wird, aber bisher ist noch nichts spruchreif“, sagt Andrea Peyerl, Pressesprecherin der Stadt. Denkbar ist vieles: vom Pfandsystem über eine Verpackungssteuer, ein Verbot oder gar Ermäßigungen. Die Stadt prüfe noch die rechtlichen Möglichkeiten – und inwieweit das jeweils Sache der Stadt oder der Gastronome sei.

Zum Schluss noch zur Gretchenfrage: Würde die Einführung von Mehrwegbechern den Müllberg verkleinern? In Freiburg zeigen sich nach der Einführung des Pfandbechers positive Ergebnisse: Die Abfallwirtschaft muss 10 000 Freiburg-Cups nachordern, die Zahl der teilnehmenden Bäckereien könnte schon bald von 15 auf 50 wachsen. Für eine Studie, die Nanette Ströbele-Benschop im Rahmen des Humboldt- reloaded-Projekts anfertigte, untersuchte sie mit Studenten das Nutzungsverhalten der Kaffeekonsumenten. Das Ergebnis stimmt weniger optimistisch: Die Keep Cups gingen auch an der Uni weg wie warme Semmeln, sie kamen aber nicht zum Einsatz. Der Hauptgrund war Vergesslichkeit, die damals von 93 Prozent der Keep-Cup-Besitzer angegeben wurde. Nun, es gibt Studien, die besagen, dass Kaffee gegen Vergesslichkeit hilft.

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