Projekte zum Schutz der Fledermäuse Das geheime Leben der Mopsfledermaus

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In 100 Höhlen im Land werden derzeit die Bestände aller dort überwinternden Tiere erfasst. Der Trend geht leider deutlich nach unten.

Speläologen und Naturschützer arbeiten gemeinsam (v.l.): Robert Pfeifle, Hannah Mok, Hannes Köble und Dominik Fröhlich Foto: Faltin
Speläologen und Naturschützer arbeiten gemeinsam (v.l.): Robert Pfeifle, Hannah Mok, Hannes Köble und Dominik Fröhlich Foto: Faltin

Stuttgart/Mühlhausen - Eigentlich ist es verboten, was Hannes Köble und seine drei Mitstreiter an diesem Sonntag (noch vor den Ausgangsbeschränkungen) tun: Sie steigen in die gut hundert Meter lange Todtsburger Höhle oberhalb von Wiesensteig (Kreis Göppingen) ein, obwohl dort Fledermäuse überwintern und deshalb bis Ende März niemand den Ort betreten darf. Aber die zwei Speläologen Köble und Dominik Fröhlich sowie die Nabu-Mitstreiter Robert Pfeifle und Hannah Mok haben eine Ausnahmeerlaubnis: Sie zählen die Fledermäuse im Auftrag des Naturschutzes. Während sie durch enge Gänge und durch knöcheltiefes Wasser immer tiefer in die Höhle eindringen, suchen sie mit ihren Taschenlampen die Decken ab, leuchten in jede Ritze und prüfen jeden Spalt. Gesprochen wird nicht, alles geschieht ohne Lärm, denn die Fledermäuse im Winter zu wecken, könnte deren Todesurteil sein. Was Störenfriede anrichten, würden diese übrigens gar nicht mitbekommen: Drei Stunden braucht ein Tier, um aufzuwachen.

Die Bilanz am Ende der Begehung: nur sechs Große Mausohren- und vier Bartfledermäuse. „Insgesamt sind alle Quartiere erheblich schlechter besucht als früher“, sagt Hannes Köble: „Es gibt bei allen Arten einen großen Einbruch.“ Genaue Zahlen hat zwar niemand, weil man nie alle Tiere in den verwinkelten Höhlen entdeckt, aber die Tendenzen sind eindeutig. Die Hufeisennasenfledermaus zum Beispiel war in den 1950er Jahren sehr häufig; mittlerweile ist sie in Baden-Württemberg ausgestorben. Selbst die Zwergfledermaus, deren Bestand lange stabil geblieben war, schwächelt. Auch in der Todtsburger Höhle macht sich der Rückgang bemerkbar: Früher seien es dort oft um die 30 Tiere gewesen, sagt Köble.

Auch alle anderen Tiere in der Höhle werden gezählt

Seit sechs Jahren haben Höhlenforscher und Naturschützer ihre Anstrengungen intensiviert, um die Bestände zu kontrollieren – gerade in Zeiten des Klimawandels sei es notwendig, Entwicklungen frühzeitig zu erkennen. Etwa 100 Höhlen werden im Südwesten geprüft, an neun Höhlen hat die Landesanstalt für Umwelt zudem Fotofallen aufgebaut. Köble, im Hauptberuf Chemiker, ist im Winterhalbjahr fast jedes Wochenende unterwegs, zu viel, wie er selbst findet. Aber es gibt bisher nicht genügend interessierte Leute. Nebenbei zählen die vier in der Höhle auch alle anderen Tiere, die sie entdecken: auch Spinnen wie die Höhlenlangbeine oder Insekten wie die Vierfleck-Höhlenschlupfwespe. Vor der Höhle tippt Hannes Köble alle Zahlen direkt über sein Handy in eine große Datenbank ein, die allen Forschern zur Verfügung steht.

Warum die Bestände der 21 Fledermausarten in Baden-Württemberg stark rückläufig sind, hat viele Gründe. Das Insektensterben ist sicher einer der wichtigsten. Wandernde Arten, etwa die Großen Abendsegler oder Rauhautfledermäuse, kommen oft in den Rotoren der Windräder um; bis zu 200 000 Tiere seien es im Jahr in Deutschland, schätzt der Nabu. Manchen Arten wie dem Großen Mausohr, die ihre Sommerquartiere gerne in alten Dachstühlen beziehen, macht die zunehmende Dämmung der Häuser zu schaffen. Und nicht zuletzt sorgt auch die Missachtung des Betretungsverbots von Höhlen im Winter für Verluste.

Das Image der Fledermäuse lässt noch zu wünschen übrig

Dabei ist das Image dieser fliegenden Säugetiere zwar besser geworden, aber immer noch nicht gut. Nabu-Experte Robert Pfeifle erhält regelmäßig Anrufe von Menschen, die Fledermäuse irgendwo im Haus entdeckt haben und diese „weghaben“ wollen: „Es gibt eine Angst vor Krankheiten, die aber unbegründet ist“, so Pfeifle. Und der Kot der Tiere rieche auch nicht und färbe nicht ab. Er appelliert deshalb an alle, die Fledermäuse zu tolerieren, damit diese im Sommer ihre Jungen aufziehen können. Fledermäuse seien nützlich, betont Pfeifle: „Eine Zwergfledermaus frisst pro Nacht 2000 bis 3000 Stechmücken, obwohl sie selbst nur fünf Gramm wiegt.“

Über manche Arten wissen aber selbst die Biologen noch sehr wenig, weil diese Tiere zwar unter uns, aber sehr im Verborgenen leben. Dazu gehört die etwa sechs Zentimeter kleine und sehr seltene Mopsfledermaus, die ihren schrulligen Namen von ihrer Nase hat, die ein wenig an ein Mopsgesicht erinnert. Die Wochenstuben dieser Tiere liegen hinter abstehenden Rindenschuppen von abgestorbenen Bäumen – ein Wald mit viel Totholz ist deshalb für diese Art unabdingbar, doch erst in jüngster Zeit lassen die Forstreviere wieder häufiger solche Lebensräume zu.

Aufnahmen werden zum Teil per Software ausgewertet

Im Rahmen eines bundesweiten Programms will der Nabu Baden-Württemberg deshalb jetzt mit zehn Bat-Rekordern herausfinden, wo es überhaupt noch Mopsfledermäuse im Land gibt. Stattliche 5,4 Millionen Euro an Fördermitteln stehen bundesweit für dieses und andere Projekte bereit. Diese Aufnahmegeräte sollen jeweils fünf Tage lang in einem Gebiet aufgehängt werden. Damit möglichst viele Flächen erkundet werden können, sucht Robert Pfeifle Freiwillige, gerne auch Privatleute, die je nach Witterung ab April oder Mai die Betreuung für ein oder mehrere Gebiete übernehmen.

Ausgewertet werden die Aufnahmen dann von einer Software, die die charakteristischen Ultraschalllaute der Mopsfledermaus erkennen kann. Unsaubere Aufnahmen müssen aber von zwei bis drei Experten persönlich abgehört werden: „Da wartet Arbeit für einen ganzen Winter“, so Pfeifle. Denn bei einer stark frequentierten Flugstraße können schon mal 30 000 Rufe in einer Nacht zusammenkommen. Er hofft inständig, dass am Ende mehr Habitate entdeckt werden als erwartet: „Im Moment haben wir nicht viele Nachweise.“

Weitergehende Informationen

Projekt
: Wer Interesse hat, sich am Mopsfledermaus-Projekt zu beteiligen, kann sich bei Robert Pfeifle unter der Mailadresse mopsfledermaus@nabu-bw.de melden. Um eine eventuell notwendige Erlaubnis, das Gerät in einem Wald aufhängen zu dürfen, würde sich bei privaten Betreuern der Nabu kümmern.

Höhle:
Die Todtsburger Höhle liegt auf der „Insel“ zwischen den beiden Autobahnsträngen der A 8 am Drackensteiner Hang ganz in der Nähe der Eselshöfe. Sie ist ganzjährig verschlossen. Im Sommerhalbjahr ab dem 1. April darf sie betreten werden – der Schlüssel kann im Rathaus von Mühlhausen oder, wenn es wieder geöffnet ist, auch im Gasthaus Höhenblick ausgeliehen werden. Die Höhle war ab 1895 als Schauhöhle erschlossen, wurde aber wieder aufgegeben. Damals wurden viele Tropfsteine und Sinterbecken zerstört. Sie hat enge Gänge und tiefe Pfützen, ist aber eher einfach zu begehen. Bitte Helm, Gummistiefel und Taschenlampen nicht vergessen.