Projekttag an Filderstädter Gymnasium Holocaust-Überlebende berichtet

Sie habe nicht mit dem Leid hausieren gehen wollen, sagt Ruth Michel. Foto: Christoph Kutzer

Das Sielminger Dietrich-Bonhoeffer-Gymnasium hat Geschichte, Gedenken und rechtes Gedankengut thematisiert. Zu Gast an diesem überaus aktuellen Projekttag war die Holocaust-Überlebende Ruth Michel.

Der Blick aus den Fenstern des Rektorats im Sielminger Dietrich-Bonhoeffer-Gymnasium fällt direkt auf eine Unterkunft für Asylbewerber. Die Nachbarschaft ist nicht anonym. 2014 erhielten Schülerinnen und Schüler aufgrund ihres Engagements für die Geflüchteten den Deutschen Bürgerpreis. Man versuche, den selbst gewählten Namen des Gymnasiums mit Leben zu füllen, sagt Schulleiter Peter Bizer.

 

Zivilcourage und gesellschaftliche Mitverantwortung sind ihm und dem Kollegium wichtig. Am Mittwoch zeigt sich das im Rahmen eines Projekttages unter dem Motto „Gedenken, Erinnern, Demokratie und Antisemitismus“. Angesichts der Enthüllungen über „Remigrations“-Pläne in rechten Kreisen und der anschließenden Proteste wirkt die Themenwahl überaus aktuell. Fremdenfeindlichkeit oder Antisemitismus seien leider immer ein Thema, betont Bizer. Die Vorbereitungen zum Projekttag liefen seit September vergangenen Jahres.

Übergreifendes wie der „Umgang mit rechter Propaganda in sozialen Medien“ und Lokales, wie etwa der Vortrag von Stadtarchivar Nikolaus Back über den Nationalsozialismus in Filderstadt, ergänzten sich. Planspiele und Theaterworkshop wurden angeboten. Zeitzeugen waren zu Gast. Ruth Michel, 1928 als Tochter eines jüdischen Vaters in Königsberg geboren, berichtete den Schülern der zweiten Kursstufe aus ihrem Leben. Vom Umzug ins damals polnische Mikuliczyn, vom Versteck, in dem die Familie nach der deutschen Besatzung untertauchte, und der Verhaftung aller jüdischen Einwohner 1941. 205 Menschen wurden im Wald zwischen Mikuliczyn und Tatarow erschossen: Männer, Frauen, Kinder. „Stellen sie sich vor, sie stehen nackt im Schnee und müssen mit ansehen, wie ihre Tochter oder Mutter ermordet wird und sie wissen, als nächstes sind sie an der Reihe“, versucht Michel das Grauen greifbar zu machen. Lange hat die 95-Jährige nicht über ihre Erlebnisse gesprochen. Sie habe nicht mit dem Leid hausieren gehen wollen, sagt sie. Inzwischen hat Ruth Michel das Buch „Die Flucht nach vorne“ veröffentlicht. Regelmäßig ist sie an Schulen zu Gast. An diesem Mittwoch zum 41. Mal. „Ich habe damals das Hassen gelernt“, bekennt sie offen. Auch der Hass habe sie überleben lassen. Begleitet von Wut. Nicht zuletzt auf jene, die behaupteten, von nichts gewusst zu haben.

„Dafür hätte man hohl im Kopf sein müssen“, so Michel. Dass die jüdischen Nachbarn verschwunden seien, habe jeder mitbekommen. Ob sie die Deutschen hasse, wird Ruth Michel gefragt. „Wie sollte ich das tun?“, gibt sie zurück. „Mensch ist Mensch.“ Sie unterscheide nur, wenn ihr Feindschaft begegne. Es sei schön, mit aufmerksamen jungen Leuten sprechen zu können.

Die Holocaust-Überlebende hat auch ein Buch veröffentlicht

„Es ist etwas Besonderes, wenn jemand vor einem sitzt, der das selbst durchgemacht hat“, stellt Cara (17) nach der Fragerunde sichtlich bewegt fest. Auch der gleichaltrige Levi ist beeindruckt: Schicksalsschläge, Glücksfälle, Verluste – und sogar ein Lachen. Die Begegnung mit Ruth Michel sei ungleich emotionaler gewesen als Berichte in einer Dokumentation.

Am Ende steht die Hoffnung. „Sie können im Moment nichts machen, als sich denen anschließen, die bereits unterwegs sind und sich gegen Kräfte wie die AfD wenden“, sagt Ruth Michel. „Die Welt ist doch groß genug. Da haben wir alle Platz.“

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