Promi Big Brother Restlos ausgequetscht

Von Antje Hildebrandt 

Prominente, die kaum einer kennt, Mutproben, die keine sind: warum die Container-Soap „Promi Big Brother“ auf Sat 1 niemand sehen will.

Der Promi-Container als Saftladen: Natalia und Jan – wer waren die noch mal? –  mühen sich als menschliche Zitronenpresse. Foto: Sat 1
Der Promi-Container als Saftladen: Natalia und Jan – wer waren die noch mal? – mühen sich als menschliche Zitronenpresse. Foto: Sat 1

Stuttgart - Kann man den Unterhaltungswert einer Weintraube unterschätzen? Das ist schwer zu sagen. Aber der Weintraube dabei zuzusehen, wie eine unter verbaler Diarrhö leidende Selbstdarstellerin namens Georgina auf ihr herumtrampelt, um den letzten Tropfen Saft aus ihr herauszuquetschen, das ist immerhin ein Symbol für den Zustand des Bällchensenders Sat 1.

Im Halbfinale der Container-Soap „Promi Big Brother“ konnte man diesen Moment am Freitag erleben. Georgina, wer? Das ist eine verhaltensauffällige Mittzwanzigerin, die die Öffentlichkeit seit ihrem Abstecher in das letzte „Dschungelcamp“ mit grenzwertigen Auftritten verstört. Mal posiert sie mit Designer-Täschchen am Rande der Hochwasser-Katastrophe, dann blamiert sie sich schmerzhaft beim so genannten Promi-Boxen.

Kandidat für eine Peinlichkeitstrophäe

Für das neue Sat 1-Aushängeschild „Promi Big Brother“ ist so eine genau richtig. Denn schon der Name der Show ist eigentlich ein einziger Etikettenschwindel. Denn wer hier einzieht, der kann nur hoffen, dass ihn keiner kennt. Schon mit der ersten Folge dieses lieblos kopierten „Dschungelcamps“ in einem Gewerbegebiet in Berlin-Adlershof qualifizierte sich Sat 1 für die Top 25 der peinlichsten Unterhaltungsshows.

Prominente, die kaum einer kennt. Mutproben, die keine sind. Tonmänner, die taub zu sein scheinen. Zwei Moderatoren außer Kontrolle. Wann sagt einer Oliver Pocher und Cindy aus Marzahn, dass es kaum etwas unlustigeres gibt, als schwächelnde Insassen nachzuäffen?

Zu allem Überfluss zog auch noch David Hasselhoff aus. Der einzige Bewohner, den man vielleicht schon mal gesehen hat, wenn man sich für sprechende Autos interessierte. Dabei passte der Hauptdarsteller aus der US-Serie „Knightrider“ gut in den Container, allein schon optisch, feinstes Glööckler-Barock. Doch wie man hörte, verlangte er mehr Geld, als ihm Sat 1 zu zahlen bereit war. Und deshalb musste ein alter, einsamer Vater in L.A. als Alibi herhalten, damit er schon nach fünf Tagen wieder ausziehen konnte. Shit happens.

Der Urwald fängt gleich vor der Haustüre an

Dabei hatte das Budget für Hasselhoff schon jeden Rahmen gesprengt. Für eine Dramaturgie blieb offenbar kein Cent mehr übrig. Jedenfalls wartete man die ersten Folgen vergeblich darauf, dass irgendetwas passieren würde. Dass Jenny Elvers-Elbertzhagen nach ihrem Alkoholentzug die blauen Flecken auf ihrer Seele entblößte oder die ehemalige RTL-Moderatorin Marijke Amado („Mini-Playbackshow“) ihrem vierbeinigen Begleiter Anti-Depressiva verabreicht, um jene Tierschützer zu besänftigen, die sich ernsthaft um den Zustand des Hundes sorgten. Doch die Kandidaten spielten nicht mit. „Promi Big Brother“, das ist der Fernsehgarten für Menschen, die Arbeit mit Aussitzen und Glamour mit Gammeln verwechseln.

Vielleicht wäre die Soap im Container leichter zu ertragen, wenn der Sender sein Geld in Autoren investiert hätte, die den Bogen schlagen können vom Klein-Klein im Container zum Bundestags-Wahlkampf, vom Pups zur großen Politik. So funktioniert das „Dschungelcamp“. Und RTL zeigt damit: Der Urwald fängt gleich vor der eigenen Haustür an. Die Hölle, das sind immer die anderen.

Die Zuschauer erhalten Schmerzensgeld

Bei Sat 1 aber reicht es nur für schale Gags auf Kosten der Insassen, und man fragt sich, woher denn die 100 000 Leute kommen sollen, die sich angeblich schon den neuen Sat 1-Klingelton mit dem heiseren Schnarchen von WG-Opa Fancy, 67, heruntergeladen haben. Nur noch eine Million schalten abends ein. Die 2000 Zuschauer des Halbfinales in Berlin-Adlershof musste sich der Sender kaufen. Dreißig Euro bekam, wer bereit war, fünf Stunden lang im strömendem Regen auszuharren. Man war geneigt, von einem Schmerzensgeld zu sprechen.

So gesehen kam Georgina genau richtig. Sat 1 steckte die Nachfolgerin von David Hasselhoff erst in ein Dirndl und dann in ein Becken mit Weintrauben. Ihre Motivation hielt sich zwar in Grenzen. „Du musst mehr stampfen“, monierte der Big Brother. „Die Trauben sind noch ganz.“ Doch was zählte, war das Bild. Wer erinnert sich noch an die Bälle aus dem Sat 1-Logo? Der Sender presst lieber Weintrauben aus. Bis zum letzten Tropfen.