Promis, Tote und Skandale Hotels, die Geschichte schrieben

Die Lobby des legendären Hotels Waldorf-Astoria in New York Foto: AFP/Timothy A. Clary

Das Ritz, das Adlon, das Waldorf-Astoria: klingende Namen und Häuser, die Geschichte schrieben. Doch was macht die Faszination Luxushotel aus?

Paris/Berlin - Der Kaiser ist hin und weg. „Adlon, in Ihrem Haus gibt es einfach alles“, schwärmt Wilhelm II., als er 1907 das erste Luxushotel Berlins besichtigt. Für Prunk und Pomp empfänglich ist nicht nur Ihre Majestät, auch der Schriftsteller Ernest Hemingway wähnt sich im Paradies zwischen Pracht und Pagen, Hummer und Humidor. „Wenn ich von einem Leben nach dem Tod im Himmel träume, dann findet es immer im Ritz in Paris statt“, erklärt er seinem Kollegen und Zechkumpan Ezra Pound. Der Himmel, er ist so nah.

 

Ritz, Adlon, Waldorf-Astoria, klingende Namen, die Assoziationen wecken von Luxus und Dekadenz: tiefe Teppiche und hohe Decken, funkelnde Kristallleuchter und prickelnde Champagnerpyramiden. Sehnsuchtsorte, in denen Träume wahr werden.

Luxus allein reicht nicht

„Sag niemals Nein, wenn dich ein Gast um etwas bittet. Selbst wenn du für ihn den Mond beschaffen sollst. Wir können es immerhin versuchen“, bläute César Ritz seiner Belegschaft ein. Der Gründer und Namensgeber des legendären Etablissements an der Place Vendôme, zu Lebzeiten als „König der Hoteliers und Hotelier der Könige“ gefeiert, hatte schnell begriffen, dass Luxus Gäste anzieht, dass es aber mehr braucht, um diese zu halten.

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Der Gast muss das Gefühl haben, dass alles vorhanden und für alles gesorgt ist. Dass die komplette Belegschaft vom Portier bis zum Hoteldirektor rund um die Uhr nichts anderes im Sinn hat, als sicherzustellen, dass es an nichts fehlt.

Das Beste ist gerade gut genug

Dabei ist das Beste gerade gut genug: Die Oreo-Kekse im Waldorf-Astoria verdanken ihre schwarze Farbe natürlich nicht der Chemieindustrie, sondern einem Tintenfisch. Und das Rindfleisch, das auf der Zunge zergeht, stammt selbstverständlich aus dem japanischen Kobe. Alles andere wäre Behelf. Durch das mehrgängige Menü führen gleich mehrere Köche.

Wer einmal in den Genuss solcher Aufmerksamkeit gekommen ist, wird in einem Best Western nicht mehr glücklich. Doch Luxus und perfekter Service allein erklären die Faszination nur unzureichend. „Als die großen Grandhotels entstehen, werben viele Häuser mit ihrer Opulenz, ihrer Größe und Modernität“, sagt Habbo Knoch, Historiker und Autor des Buchs „Grandhotels“.

Berühmtheiten durch ihre Berühmtheiten

„Die Oberschicht kommt, weil sie hier unter ihresgleichen ist. Die nicht ganz so Reichen kommen, um wenigstens eine Nacht im Adlon zu verbringen.“ Beide lockt die Faszination des Neuen an. Der Reiche sieht seinen Lebensstil bestätigt, der nicht ganz so Betuchte erhält die Möglichkeit, in eine fremde Lebenswelt einzutauchen.

„Doch je länger die Häuser existierten, umso mehr Geschichten ihres Erfolgs produzierten sie.“ Die Erfahrung von Luxus wird mit Anekdoten über illustre Gäste kombiniert. Die Hotels werden Berühmtheiten durch ihre Berühmtheiten. Hemingway im Ritz, F. Scott Fitzgerald im Plaza, Grace Kelly im Bel Air, der Kaiser im Adlon.

Hier trifft sich die Crème de la Crème

Sosehr die Hotels von den Anekdoten ihrer Prominenten leben, sind sie gleichzeitig auch ein Garant für Verschwiegenheit. „Dieses Spannungsverhältnis zwischen dem Strahlen nach außen, während nach innen eine Form des Geheimnisses kultiviert wird, ist ein Teil dieser Erfolgsgeschichte.“

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Wo sich die Crème de la Crème und der Jetset ballen, wird Geschichte geschrieben. Ihr Hauch pfeift an wenigen Orten so laut wie hier. Zahlreiche Klassiker der Weltliteratur entstehen in Luxushotels: An der Bar des Hotel Sacher in Wien entwirft Graham Greene das Drehbuch für „Der dritte Mann“. Auch dass F. Scott Fitzgerald den Höhepunkt seines Romans „Der große Gatsby“ ins New Yorker Plaza verlegt, ist kein Zufall.

Spielraum für Identitäten

Internationale Gäste machen die Grand- und Palasthotels zu „Drehscheiben für kulturelle Transfers“. Das Publikum ist laut Knoch ohnehin deutlich diverser als gedacht. „Ohne Gäste, die die billigeren Zimmer belegen, wobei billiger immer noch ziemlich teuer ist, lässt sich ein Grandhotel nicht finanzieren.“

Die Massen ziehe der Drang an, endlich auch mal Teil von etwas zu sein, was nicht zum eigenen Leben gehöre, fern des grauen Alltags. „Diese Erfahrung findet sich auch in vielen Erzählungen wieder. Das Hotel wird zum Spielraum für Identitäten. Da kann man was ausprobieren, da treffen sich viele Lebensläufe. Vicky Baum hat in ihrem Buch ‚Menschen im Hotel‘ ja all die verschiedenen Typen und Charaktere beschrieben.“

Ort der unbegrenzten Möglichkeiten

Vom Gernegroß bis zu Hochstaplern wie Baums Baron Gaigern. Sie alle zieht es an jenen Ort der unbegrenzten Möglichkeiten, an dem man sein kann, was man will – sofern man seine Rolle überzeugend gibt. „Das Hotel ist eine Bühne, die man bespielt, ohne sich dessen immer ganz bewusst zu sein, die man aber auch beobachtet“, sagt Knoch. Der Gast ist Zuschauer und Darsteller zugleich.

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Nicht zuletzt sind Luxushotels Zufluchten. Wer eintritt, wird schon an der Rezeption entschleunigt. Herrscht hier doch ein anderes Tempo und ein anderer Ton. So tragen sämtliche Mitarbeiter der Ritz-Carlton-Gruppe ein kleines Merkblatt mit einem großen Anspruch bei sich. „We are ladies and gentlemen serving ladies and gentlemen“, steht da. Ein Zitat, das César Ritz zugeschrieben wird. Der gab auch das erste Gebot aller Hoteliers aus: „Der Gast hat immer recht – selbst wenn wir ihn vor die Tür setzen müssen.“ Ein Anspruch, der täglich aufs Neue unter Beweis gestellt werden muss.

Hemingway befreit das Ritz

Bis heute zehren die Grandhotels von ihrem Ruf. Hemingway blieb dem Ritz sein Leben lang verbunden. Als er 1944 als alliierter Kriegsberichterstatter die Befreiung von Paris begleitete, eilte er sofort in seine alten Stamm-Bars. Sie seien mit den ersten Truppen nach Paris gekommen und hätten am ersten Nachmittag den Travellers Club und das Ritz befreit, berichtete Hemingway stolz: „Finest time ever had in my life“ – die schönste Zeit meines Lebens. Eine „Heldentat“, die er mit 51 Martinis gefeiert haben soll.

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