Prostitution Der Kommissar und das Rotlichtmilieu

Manfred Paulus kennt die Schattenseiten der Prostitution. Foto: Paulus/privat

Manfred Paulus kennt die dunkle Seite der Prostitution aus seiner Zeit bei der Polizei. Inzwischen kämpft er Seit an Seit mit Alice Schwarzer für die Bestrafung von Freiern.

Familie/Bildung/Soziales: Hilke Lorenz (ilo)

Ulm - Das hätte er sich früher nicht vorstellen können. Manfred Paulus, der Mann mit dem grauen Schnauzer und dem etwas knurrend klingenden Ulmer Dialekt, kämpft Seit an Seit mit Alice Schwarzer. Wo der heute 77-Jährigen doch früher immer seine Sträuße mit den Feministinnen ausgefochten hat. Er, der Ulmer Kriminalkommissar, der die weiblichen Opfer von organisierter Kriminalität im Rotlichtmilieu verhört hat. Und die Frauen, die meinten, er solle sich lieber um die Täter kümmern. Die Opferbetreuung sei ihre Sache.

 

Manfred Paulus hat weiter mit den Opfern von Zuhältern und Schlägern gesprochen. Er wollte verstehen und vor allem aufklären, was im Milieu geschieht, das immer noch von vielen verniedlichend als das älteste Gewerbe der Welt bezeichnet wird. „Das Milieu ist seit Jahrhunderten immer auch kriminell“, sagt er an die Adresse der Rotlichtromantiker. Die Gesellschaft müsse endlich begreifen, dass es nicht um Sitte oder Moral gehe. „Es geht um brutalste Verbrechen an Frauen und Kindern.“ Beim Zuhören und Ermitteln ist seine Wut gewachsen.

Den thailändischen Zuhältern auf der Spur

Mit den thailändischen Prostituierten und ihren Zuhältern in Ulm fing es in den 1990er Jahren an. Paulus verfolgte die Täter bis nach Thailand. Prinz Marcus von Anhalt stellte sich bei ihm vor, als er in Ulm einen Puff eröffnen wollte. Paulus hat viel erlebt. Nachdem er pensioniert wurde, war er im Auftrag der Europäischen Kommission in Weißrussland und anderen osteuropäischen Ländern unterwegs. Immer im Blick: der Frauen- und Kinderhandel und der Weg, auf dem die Opfer nach Deutschland kommen.

Man kann seinen Ruhestand ruhiger leben. Stattdessen kritisiert Paulus die Sicht der Politik auf Prostitution. Schon allein das Wort gefalle ihm nicht. Es gehe von Freiwilligkeit aus. „Aber dabei kann man doch bei 90 Prozent Frauen aus armen Ländern nicht sprechen.“ Mit dem Begriff „sexuelle Dienstleistung“ kann er noch viel weniger anfangen. „Das ist doch eher Beihilfe zum Verbrechen“, was die Politik da betreibe. Dabei „sind das doch Kinder, die mit den gleichen Wünschen und Träumen geboren werden wie unsere Jugendlichen“.

Ein Satz, der nachhallt. Paulus ist längst Großvater. Aber wäre jetzt nicht Corona, wäre er in den letzten Monaten sicher wieder unterwegs gewesen in Moldawien oder Rumänien. Überall dort, wo Mädchen glauben, in Deutschland könnte ihr Traum von einem besseren Leben in Erfüllung gehen. Dort steht Paulus dann oft in Zusammenarbeit mit den Aalener Soroptimistinnen, einer engagierten Frauengruppe, in Schulaulen und erzählt von der Loverboy-Methode. Von Jungs, die die große Liebe vorspielen und die Mädchen dann in die Prostitution zwingen – als Beweis ihrer Liebe. Er erzählt, dass nichts dran sei an den Versprechen von einem guten Job in der Gastronomie. Zynisch sei es, wenn Zuhälter sagen, es sei Entwicklungshilfe, die sie den jungen Mädchen bieten.

Kritik an der aktuellen Gesetzeslage

Was den Mann, der sich ein Arbeitslebenlang für die Einhaltung des Rechts eingesetzt hat, zunehmend erzürnt, ist, „was in unserem Rechtsstaat möglich ist“. Paulus meint die in Deutschland seit 2008 liberalste Prostitutionsgesetzgebung, die Prostitution zu einem Gewerbe wie jedes andere gemacht hat. Paulus redet Tacheles auf Kongressen und Menschenhandeltagungen.

Und irgendwann fand er sich dann 2018 zusammen mit Alice Schwarzer auf dem Mainzer Weltkongress gegen Menschenhandel und prangerte die Prostitution an. Ja, fordert gar das nordische Modell, also die Bestrafung von Freiern und die Ausstiegshilfen für Frauen. „Es gibt für mich in absehbarer Zeit keinen anderen Weg, um diesen unerträglichen Zustand zu ändern.“

Er weiß, dass seine Kritik an den korrupten Strukturen ihn in den Ländern, aus denen viele Prostituierte kommen, ins Gefängnis bringen könnte. Deshalb nimmt er das Bundesverdienstkreuz seines Landes, das er am Freitag bekommen soll, nun doch nach reichlicher Überlegung an.

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