Stuttgart - Sandra Noraks Erfolgsgeschichte ist noch nicht zu Ende. Auch wenn alles bereits jetzt nach einem glücklichen Ende aussieht und der Drache und das keltische Kreuz auf ihrem Rücken, diese letzten Relikte eines Lebens in Unfreiheit, bald Vergangenheit sein werden. Auch wenn sie nur noch entscheiden muss, ob sie das Drachen-Tattoo weglasern oder ihm eine mächtige Justitia zur Seite stellen lässt, die ihn besiegt. Das Tattoo hat ihr, nachdem sie bei ihm eingezogen war, ihr 20 Jahre älterer Zuhälter stechen lassen.
Es markierte die junge Frau damit als seinen Besitz – und er erklärte ihr, es sei zu ihrem Schutz, wenn für jeden sichtbar sei, wem sie gehöre. Da hatte sie sich schon von den Liebesschwüre des Mannes täuschen lassen und für ihn angeschafft. Stell dich nicht so an, es ist doch ein Beruf wie jeder andere, durch das Prostitutionsgesetz legal, sagte er, als sie anfangs nicht wollte. Sandra Norak hatte zu diesem Zeitpunkt bereits die Schule und alle sozialen Kontakte abgebrochen. Nachts Kunden zu bedienen und tagsüber zu lernen, das ging über ihre Kräfte. In verschiedenen Clubs wurde sie zu Nicole oder wie ihr Zuhälter sie sonst noch nannte. Aus war’s mit dem Mädchentraum, Meeresbiologin zu werden.
Jura als Waffe gegen Zuhälter
Heute ist Sandra Norak 31 Jahre alt und seit dem Frühjahr Diplom-Juristin. Justitia hat längst gegen den Drachen gesiegt. Sie lacht meist sehr herzlich. Zum Beispiel wenn sie sagt, sie habe Jura studiert, weil sie noch im Bordell gewusst habe, dass sie das brauche, um irgendwann mal was gegen die Zuhälter unternehmen zu können. Sie meint das sehr ernst. Trotz des Lachens. „Ich will die Gerechtigkeit, die ich selbst nicht erlebt habe, anderen bringen.“
Ihre Studienschwerpunkte waren das Strafrecht und der Internationale Menschenrechtsschutz. Beides hat sie nicht zufällig gewählt. Geht es in dieser Erfolgsgeschichte doch um weit mehr als das persönliche Happy End einer jungen Frau. Sandra Norak will mehr als nur eine Betroffene sein, die eine Horrorgeschichte voller grausamer und frauenverachtender Details abliefert und dann das Expertentum und die Schlussfolgerungen den anderen überlässt. Es soll sich etwas ändern im Land. Dazu will sie beitragen. Sie will in den Augen anderer nicht immer nur das Oper eines Loverboys sein, der das orientierungslose und damit schutzlose Mädchen gezielt umworben und schließlich ausgebeutet hat. Damit sich etwas ändert, tauscht sie sich mit Staatsanwälten und Ermittlern aus, berät mit anderen über Strategien gegen die im europäischen Vergleich liberalste Prostitutionsgesetzgebung in Deutschland. „Wer drinnen war, das überstanden hat, kann ja oft die viel besseren Lösungsansätze entwickeln“, sagt sie.
Wütend über die Medien
Drinnen, das ist die Welt des Rotlichts, der Zuhälter und der Profiteure. Noraks Vision ist, in Deutschland mit anderen Mitstreitern und Mitstreiterinnen zu erreichen, was in vielen anderen europäischen Ländern längst gilt. Sandra Norak will helfen, politische und gesellschaftliche Mehrheiten für das nordische Modell zu finden, für die Bestrafung von Freiern und für Ausstiegshilfen für Prostitution also.
Sie weiß, wie allein man sich fühle, wenn einem keiner hilft. Und warum Frauen nicht gehen, obwohl sie nicht festgehalten werden. „Man baut eine Bindung zu dem Mann auf, obwohl man ausgebeutet wird“, sagt sie. „Ich hätte auch gesagt, dass ich selbstbestimmt arbeite, wenn man mir in dieser Situation ein Mikrofon hingehalten und mich befragt hätte“, sagt sie mit Blick auf viele Medienberichte. Richtig wütend machen sie Reportagen, die nicht weiter nachbohren und sich nicht bemühen, die Zusammenhänge zu erkennen.
Nur deshalb hat sie sich im Jahr 2017 entschieden, in der Fernsehdokumentation „Bordell Deutschland“ mitzumachen. Nicht für den Grusel oder den Rotlichtkitzel bei den Zuschauern. Aber seit diesem Outing muss sie auch den Blick der Öffentlichkeit aushalten. Zum Schutz hat sie sich den Nachnamen Norak zugelegt. Er ist ein Kunstname und zugleich eine Reminiszenz an eine Prostituierte und liebevolle Frau, die sie in einem Flatrate-Bordell kennenlernte und von der sie sich fragt, was aus ihr wohl geworden ist.
Die Bordellbetreiberlobby wird nervös
Sandra Noraks Entschiedenheit und ihr langer Atem macht die Bordellbetreiberlobby zunehmend nervös. Sie halten dagegen, versuchen Norak zu denunzieren, indem sie ihr vorhalten, sie habe nie ein Bordell von innen gesehen. Auch, dass Norak sich brillant ausdrücken kann, sagen kann, was sie meint, verunsichert ihre Gegner. Aber genau das und ihre Expertise sind ihre Waffen. Sie gibt denen einen Stimme, die kein Deutsch sprechen und nicht in die Talkshows eingeladen werden. Sandra Norak ist zusammen mit anderen Aussteigerinnen die Gegenstimme zu jenen Frauen, die sich selbstbewusst Sexarbeiterinnen nennen, in Fernsehrunden sitzen und davon berichten, dass sie freiwillig und selbstbestimmt arbeiten. 90 Prozent der Frauen, so belegen kriminalpolizeiliche Ermittlungen, arbeiten jedoch nicht freiwillig als Prostituierte.
Sandra Norak, die heute mit beigen Sneakers, kurzen Fingernägeln und Jeans im Café sitzt, war sechs Jahre lang Prostituierte. Sie hat sich aus eigener Kraft aus dem Milieu herausgearbeitet. Von ganz unten. Von dort, wo man keine Bekannten, Freunde schon gar nicht, außerhalb des Milieus hat – und auch kein Selbstbewusstsein mehr. Von dort, wo man ganz bei null anfängt. „Ich habe mich total gesellschaftsunwürdig gefühlt“, sagt sie. Und dass sie nur gewinnen konnte. Also versuchte sie, den irgendwann noch im Bordell gefassten Plan umzusetzen und nahm Kurs auf das Jurastudium.
Panikattacke, wenn es an der Tür klingelt
Aber sie wusste, dass sie irgendwie eine große Lücke in ihrem Lebenslauf füllen musste. Sie bewarb sich für unbezahlte Praktika im Zoo – und mistete erst mal nur die Gehege aus. Bekam Schwielen an den Händen und Sehnenscheidenentzündungen in den Gelenken. Aber die Tiere gaben und geben ihr Halt. Bis vor Kurzem war ihre Hündin an ihrer Seite. Wenn die nachts ruhig weiterschlief, wusste ihre Besitzerin, dass keine Gefahr drohte. Das Vertrauen zu den Menschen war und ist in manchen Situationen immer noch zutiefst erschüttert. Sandra Norak hat in die Abgründe der Gesellschaft geblickt, wo „brave Familienväter zu Monstern werden“, wie sie sagt.
Über ein weiteres Praktikum als Pferdepflegerin und eine feste Stelle gelang ihr schließlich der Ausstieg. Ohne fremde Hilfe. Anderen soll es leichter gehen. Sie sollen nicht an Beratungsstellen geraten, wo man ihnen hilft, sich besser in ihrem Job einzurichten, statt ihnen beim Ausstieg zu helfen.
Lange Zeit hatte sie Panikattacken, ohne zu wissen, dass es Panikattacken sind und sie von den vielen Gewalt- und Bedrohungserfahrungen traumatisiert war. Oft saß sie in der Notambulanz, weil sie unter für sie unerklärlicher Atemnot litt. Der Ton einer Klingel konnte diese Angst auslösen. Denn es bedeutete in den Jahren zuvor, dass ein Kunde vor der Tür stand. Das Milieu, bestätigen Experten, ist kriminogen, zum Teil von Rockergruppierungen kontrolliert. „Das waren keine freundlichen Leute, von denen ich da umgeben war“, sagt sie heute im Rückblick.
2019 hat Sandra Norak ihren Zuhälter wegen Menschenhandel angezeigt. Ohne Erfolg. Es war ein bitterer Tag, als der schriftliche Einstellungsbescheid der Staatsanwaltschaft bei ihr eintraf. Die Opfer von Menschenhandel empfinden die nüchterne juristische Sprache oft als brutal und verstörend. Aber zumindest hat sie jetzt schwarz auf weiß aus der Ermittlungsakte, dass sie sechs Jahre als Prostituierte gearbeitet hat. Sie muss über diesen Irrsinn lachen, der sie eigentlich traurig und wütend stimmt. Aber die Geschichte ist ja noch nicht zu Ende.