In Deutschland ist Prostitution erlaubt – Sexarbeit gilt als offizieller Beruf. Trotzdem sind die Zustände im Milieu verheerend. Einige Grüne aus Baden-Württemberg wollen mehr Schutz für die Frauen und Männer durchsetzen. 

Kultur: Adrienne Braun (adr)

Stuttgart - Wenn es um Prostitution geht, fällt fast immer reflexhaft die Formulierung vom ältesten Gewerbe der Welt. Das älteste Gewerbe – da schwingt Ehrfurcht mit, das klingt wie ein Mythos aus hehren Vorzeiten. Als sei es ein Gütesiegel, ein Synonym für ehrwürdig und schützenswert. Aber sind nicht auch Henker, Buckelkrämer und Sklaventreiber alte Gewerbe? Scharfrichter und Folterknecht?

Vor elf Jahren wurde in Deutschland ein neues Prostitutionsgesetz beschlossen, um dieses älteste Gewerbe der Welt auf solide Füße zu stellen, um den Sexarbeitern, wie es heute sachlich heißt, rechtliche und soziale Sicherheit zu bringen. Man wollte sich verabschieden von einer piefigen Sexualmoral und aus dem käuflichen Sex einen seriösen Wirtschaftszweig machen. Sogar eine Existenzgründung im Rahmen einer Ich-AG ist heute möglich.

Damit hat Deutschland weltweit eine der liberalsten gesetzlichen Regelungen – Stricher und Hure sind laut Gesetz gewöhnliche Berufe wie Koch oder Bibliothekar. Trotzdem würde nach wie vor kaum ein Mann öffentlich eingestehen, dass er zu Huren geht. Die Berufsberatung rät jungen Menschen natürlich nicht, es doch mal auf dem Strich zu versuchen, wenn es mit einem Ausbildungsplatz nicht klappt. Und was würden die Eltern sagen, wenn ihre Tochter nach dem Abi Prostituierte werden will, weil sie meint, so mit Menschen zu tun zu haben und Erfahrungen machen zu können bei verlässlichem Einkommen?

Mit der Legalisierung wurde nicht das Erhoffte erreicht

Das Prostitutionsgesetz ist liberaler als die Gesellschaft. Prostitution ist nach wie vor kein Beruf wie jeder andere – aus nachvollziehbaren Gründen. Denn Sexualität ist ein zutiefst intimer Akt, das Eindringen in das Körperinnere ist immer eine Grenzüberschreitung, die mit Scham verbunden ist und unmittelbar an die Würde des Menschen rührt. Ist das Gesetz also zu liberal für uns?

Tatsache ist: mit der Legalisierung wurde nicht erreicht, was man sich erhofft hatte. Die Zustände im Gewerbe und auf dem Strich haben sich nicht verbessert, sondern sogar deutlich verschlechtert. Fast 90 Prozent der offiziell tätigen Prostituierten mögen angeblich krankenversichert sein, laut einer EU-Studie ist der Menschenhandel aber seit der Legalisierung deutlich gestiegen. Die Polizei hat kaum mehr eine Handhabe, Frauen aus den Fängen ihrer Zuhälter zu befreien. Die Szene, berichten Insider, sei zudem noch krimineller geworden.

„Es passieren Dinge vor unserer Haustür, die für mich zum Himmel schreien“, sagt Thekla Walker. Die Landesvorsitzende von Bündnis 90/Die Grünen Baden-Württemberg gehört zu einer kleinen Gruppe innerhalb der Grünen, die überzeugt ist, dass es „wirklich Handlungsbedarf“ gibt. Sie wollen das Gesetz nachbessern und zum Beispiel durchsetzen, dass Freier Kondome benutzen müssen und das Schutzalter, das erst 2008 von 16 auf 18 Jahre angehoben wurde, noch auf 21 Jahre hinaufgesetzt wird. „Für ein Mädchen von 18, 19 Jahren kann es nicht das Ziel ihres Lebens sein, für zwanzig, dreißig Euro ungeschützten Sex zu machen“, sagt Walker.

Diese kleine baden-württembergische Bewegung will auch eine Debatte lostreten über die Zu- und Missstände – über Flatrate-Sex ( „Für 70 Euro so oft und so lange Sex haben bei freier Frauenauswahl“) oder die Ausbreitung von Geschlechtskrankheiten (Hepatitis, Tuberkulose, ausgedehnte Scheideninfektionen, Tripper). Aber Thekla Walker hat bereits feststellen müssen, dass man bei diesem Thema „dicke Bretter bohren“ muss. Sie ist nicht die Einzige, die über ein Verbot der Prostitution nachdenkt – wie es zum Beispiel in Schweden existiert. Große Hoffnung macht sich Thekla Walker aber nicht. „Da sehe ich keine Chance“, sagt sie, „in Deutschland ist eine Debatte absolut unmöglich.“

Der Staat ist verpflichtet, seine Bürger zu schützen

Aber warum eigentlich? Sollte sich eine moderne, kritische Gesellschaft nicht wenigstens die Frage erlauben, ob das älteste Gewerbe der Welt nicht allmählich überaltert ist und abgeschafft gehört? Man kann über Krankenversicherung und Kondompflicht reden, aber müsste man sich nicht erst einmal grundsätzlich fragen, ob es in einer Zivilisation noch vertretbar ist, dass Menschen ihren Körper verkaufen?

Rot-Grün wollte mit dem Prostitutionsgesetz den freien Willen des Einzelnen stärken. Das entspricht dem damaligen Zeitgeist: Dem Individuum sollten größtmögliche Freiheit und Selbstbestimmung eingeräumt werden. Dahinter steckt die Annahme, dass die Frauen – und rund fünf Prozent Männer – sich freiwillig für diesen Beruf entscheiden, dass sie also sorgsam abwägen zwischen zum Beispiel Zahnarzthelferin, Grundschullehrerin und Hure.

Allerdings ist diese Annahme nicht nur falsch, sondern auch grob fahrlässig. 18-Jährige sind oft noch nicht in der Lage, vernünftige und vor allem weitsichtige Entscheidungen zu treffen. Thekla Walker sagt: „Auch die jungen Frauen, die sich im Stuttgarter Leonhardsviertel für zwanzig Euro verkaufen, haben Hoffnungen, Sehnsüchte, Träume“. Aber selbst wenn sie älter sind, können sie die Folgen dieses Berufs realistisch einschätzen? Wer jeden Tag fünf, sechs, sieben Freier bedient, tut das in den seltensten Fälle aus Freude am Job, sondern aus wirtschaftlicher Not heraus.

Der freie Wille wird hochgehalten

Rund 30 Prozent der Prostituierten sind illegal in Deutschland und dadurch besonders wehrlos. Sie sind oft extrem brutalen Sexpraktiken ausgesetzt. Selbst wenn man diese Gruppe außen vor lässt: kann man bei den übrigen 70 Prozent von Freiwilligkeit ausgehen? Definitiv nein, meint Manfred Paulus. Der ehemalige Kriminalhauptkommissar und Buchautor geht davon aus, dass „98 Prozent der Frauen in der deutschen Prostitution fremdbestimmt“ sind.

Nicht nur die Polizei, auch die Wissenschaft hat längst belegt, dass die Hypothese der Freiwilligkeit schlicht falsch ist. Diverse Studien zeigen, dass die meisten Prostituierten schwer und oft mehrfach traumatisiert sind. Kindlicher Missbrauch und Prostitution stehen in engem Zusammenhang. Frauenhilfswerke können viele Geschichten erzählen von Frauen, die derartig oft vergewaltigt wurden, dass sie sagen: Jetzt ist eh alles egal.

Allen Argumenten zum Trotz wird hier der freie Wille des Individuums hochgehalten – selbst wenn er in anderen gesetzlichen Regelungen ganz selbstverständlich hintanstehen muss. Wir dürfen auf Autobahnen nicht so schnell fahren, wie viele es wollen. Frauen müssen sich bei der Abtreibung eines Kindes, das sie nicht wollen, an Regeln halten. Der freie Wille gilt keineswegs immer als Maß aller Dinge. Er mag bei manchen Gesetzen und Regeln Vorrang haben, oft genug aber muss er sich anderen Maßstäben unterordnen. Es kann kein pauschales Recht darauf geben, individuelle Wünsche realisieren zu dürfen. Selbst wenn also Prostituierte ihre Arbeit für richtig halten, kann das nicht maßgeblich für die ganze Gemeinschaft sein.

Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt. So steht es im Grundgesetz. Der Staat verpflichtet sich damit, seine Bürgerinnen und Bürger zu schützen, mitunter auch vor sich selbst. Deshalb werden zum Beispiel Menschen, die sich – aus freiem Willen – umbringen wollen, in eine psychiatrische Klinik zwangseingewiesen. Wenn der Staat Prostitution erlaubt, scheint er also davon auszugehen, dass die Beteiligten dabei keinen Schaden nehmen. Aber ist das so?

Was sind die Werte unserer Gesellschaft?

Thekla Walker ist davon überzeugt: „Prostitution hat negative gesundheitliche und psychische Konsequenzen.“ Laut Bundesfamilienministerium sind 40 Prozent der Prostituierten drogenabhängig. Wer im Gewerbe arbeitet, manövriert sich zudem ins gesellschaftliche Aus und wird stigmatisiert. Die Rückkehr in die gesellschaftliche „Normalität“ ist nur unter größten Schwierigkeiten möglich. Warum aber werden speziell Sexarbeiterinnen und -arbeiter nicht geschützt? Warum herrscht nicht einmal Kondomzwang? „Selbst Erzieherinnen müssen Plastikhandschuhe anziehen, um ein Kind zu wickeln“, sagt Walker.

Wenn es um die Reglementierung der Prostitution geht, wird oft gefragt: Wer will die Verbote kontrollieren? Wie soll man überwachen, ob ein Freier ein Kondom benutzt? Und vor allem: wenn man die Prostitution verbietet, würde sie dann nicht in die Illegalität abgedrängt? Schließlich geht auch mancher Schwede weiterhin in den Puff – nur jetzt eben im Ausland.

Eine Argumentation, auf die man in anderen Debatten nie käme. Harte Drogen sind sehr wohl verboten – obwohl sie weiterhin illegal gehandelt und konsumiert werden. Missbrauch und Vergewaltigung stehen unter Strafe – auch wenn sie noch in der Illegalität stattfinden. Obwohl es immer Eltern geben wird, die ihre Kinder ohrfeigen oder schlagen, wurde Gewalt an Kindern unter Strafe gestellt. Es wird immer Diebstahl, Mord, Betrug geben, soll man sie deshalb legalisieren? Natürlich nicht.

Auf die ethische Debatte kann man nicht verzichten

Unabhängig davon, ob sich Missstände beseitigen lassen, geht es vielmehr darum, ein Signal zu setzen und eine Position zu formulieren – man könnte auch den etwas aus der Mode gekommenen Begriff „Werte“ verwenden. In Gesetzen manifestieren sich die Werte einer Gemeinschaft.

Würden Politik und Gesellschaft allerdings ihre eigenen Werte ernst nehmen und auch auf die Prostitution übertragen, kämen sie schnell in Erklärungsnot. Da sich kaum ethische Gründe für den Verkauf von Körpern finden lassen, zieht man sich auf einen durch und durch kapitalistischen Standpunkt zurück: Da Sexarbeiter Geld bekommen, glaubt man, auf die ethische Debatte verzichten zu können.

Rund 400 000 Prostituierte arbeiten in Deutschland – und verdienen übrigens meist nur bescheidene 2000 Euro pro Monat. Schätzungen zufolge nehmen täglich etwa 1,2 Millionen Männer sexuelle Dienstleistungen in Anspruch. Der Bedarf ist also groß – und man weiß schon, dass durch die Bauarbeiten zu S 21 die Zahl der Prostituierten in Stuttgart stark steigen wird. Bloß: legitimiert die Nachfrage das Angebot? Gibt es in unserem Land tatsächlich einen Anspruch auf Geschlechtsverkehr?

Auch hier landet man wieder bei der Frage: dürfen die Wünsche Einzelner zur Grundlage der Gesetzgebung gemacht werden? Zivilisation bedeutet immer auch Kontrolle und Triebverzicht. Deshalb sind Sodomie und Inzest verboten, Sexualität mit Abhängigen und Minderjährigen – selbst wenn das manchen Spaß macht.

Höchste Zeit, über ein Verbot der Prostitution zu sprechen, auch wenn es definitiv unpopulär ist. Prostitution ist ein Gewerbe aus alten Zeiten und steht dem Ringen um zeitgemäße, reife Beziehungen im Wege. Wir tun in unserer Gesellschaft viel dafür, dass Menschen einander auf Augenhöhe begegnen, auch sexuell. Dazu passt definitiv nicht, schutzbedürftige Menschen zur Handelsware zu erklären. Auch dann nicht, weil einzelne ihre Beziehungen nicht sexuell befriedigend gestalten können – und deshalb lieber auf die Macht des Geldes setzen.

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