Prostitution in Deutschland Zivilisation heißt eben auch Verzicht

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In Deutschland ist Prostitution erlaubt – Sexarbeit gilt als offizieller Beruf. Trotzdem sind die Zustände im Milieu verheerend. Einige Grüne aus Baden-Württemberg wollen mehr Schutz für die Frauen und Männer durchsetzen. 

  Foto: Gottfried Stoppel
  Foto: Gottfried Stoppel

Stuttgart - Wenn es um Prostitution geht, fällt fast immer reflexhaft die Formulierung vom ältesten Gewerbe der Welt. Das älteste Gewerbe – da schwingt Ehrfurcht mit, das klingt wie ein Mythos aus hehren Vorzeiten. Als sei es ein Gütesiegel, ein Synonym für ehrwürdig und schützenswert. Aber sind nicht auch Henker, Buckel­krämer und Sklaventreiber alte Gewerbe? Scharfrichter und Folterknecht?

Vor elf Jahren wurde in Deutschland ein neues Prostitutionsgesetz beschlossen, um dieses älteste Gewerbe der Welt auf solide Füße zu stellen, um den Sexarbeitern, wie es heute sachlich heißt, rechtliche und soziale Sicherheit zu bringen. Man wollte sich verabschieden von einer piefigen Sexualmoral und aus dem käuflichen Sex einen seriösen Wirtschaftszweig machen. Sogar eine Existenzgründung im Rahmen einer Ich-AG ist heute möglich.

Damit hat Deutschland weltweit eine der liberalsten gesetzlichen Regelungen – Stricher und Hure sind laut Gesetz gewöhnliche Berufe wie Koch oder Bibliothekar. Trotzdem würde nach wie vor kaum ein Mann öffentlich eingestehen, dass er zu Huren geht. Die Berufsberatung rät jungen Menschen natürlich nicht, es doch mal auf dem Strich zu versuchen, wenn es mit einem Ausbildungsplatz nicht klappt. Und was würden die Eltern sagen, wenn ihre Tochter nach dem Abi Prostituierte werden will, weil sie meint, so mit Menschen zu tun zu haben und Erfahrungen machen zu können bei verlässlichem Einkommen?

Mit der Legalisierung wurde nicht das Erhoffte erreicht

Das Prostitutionsgesetz ist liberaler als die Gesellschaft. Prostitution ist nach wie vor kein Beruf wie jeder andere – aus nachvollziehbaren Gründen. Denn Sexualität ist ein zutiefst intimer Akt, das Eindringen in das Körperinnere ist immer eine Grenzüberschreitung, die mit Scham verbunden ist und unmittelbar an die Würde des Menschen rührt. Ist das Gesetz also zu liberal für uns?

Tatsache ist: mit der Legalisierung wurde nicht erreicht, was man sich erhofft hatte. Die Zustände im Gewerbe und auf dem Strich haben sich nicht verbessert, sondern sogar deutlich verschlechtert. Fast 90 Prozent der offiziell tätigen Prostituierten mögen angeblich krankenversichert sein, laut einer EU-Studie ist der Menschenhandel aber seit der Legalisierung deutlich gestiegen. Die Polizei hat kaum mehr eine Handhabe, Frauen aus den Fängen ihrer Zuhälter zu befreien. Die Szene, berichten Insider, sei zudem noch krimineller geworden.

„Es passieren Dinge vor unserer Haustür, die für mich zum Himmel schreien“, sagt Thekla Walker. Die Landesvorsitzende von Bündnis 90/Die Grünen Baden-Württemberg gehört zu einer kleinen Gruppe innerhalb der Grünen, die überzeugt ist, dass es „wirklich Handlungsbedarf“ gibt. Sie wollen das Gesetz nachbessern und zum Beispiel durchsetzen, dass Freier Kondome benutzen müssen und das Schutzalter, das erst 2008 von 16 auf 18 Jahre angehoben wurde, noch auf 21 Jahre hinaufgesetzt wird. „Für ein Mädchen von 18, 19 Jahren kann es nicht das Ziel ihres Lebens sein, für zwanzig, dreißig Euro ungeschützten Sex zu machen“, sagt Walker.

Diese kleine baden-württembergische Bewegung will auch eine Debatte lostreten über die Zu- und Missstände – über Flatrate-Sex ( „Für 70 Euro so oft und so lange Sex haben bei freier Frauenauswahl“) oder die Ausbreitung von Geschlechtskrankheiten (Hepatitis, Tuberkulose, ausgedehnte Scheideninfektionen, Tripper). Aber Thekla Walker hat bereits feststellen müssen, dass man bei diesem Thema „dicke Bretter bohren“ muss. Sie ist nicht die Einzige, die über ein Verbot der Prostitution nachdenkt – wie es zum Beispiel in Schweden existiert. Große Hoffnung macht sich Thekla Walker aber nicht. „Da sehe ich keine Chance“, sagt sie, „in Deutschland ist eine Debatte absolut unmöglich.“