Gesundheitsamtsmitarbeiterin Sabine Constabel macht trotz Ruhestand weiter im Cafe „La Strada“ im Leonhardsviertel. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko
Sabine Constabel berät seit 34 Jahren Prostituierte beim Gesundheitsamt. Mit dem Verein Sisters hilft sie Frauen beim Ausstieg. Für ihr Engagement wird sie nun ausgezeichnet.
Nur nicht täuschen lassen. Mit Rotlichtromantik hat ihr Bekenntnis wenig zu tun. Und vielleicht würde man es auch nicht unbedingt der Frau zuschreiben, die unbeirrt den Finger in die Wunde legt, wenn es um das große Geschäft mit Frauen geht und die das eine Menschenrechtsverletzung nennt. 34 Jahre lang war Sabine Constabel im Bereich Prostitutionsberatung beim Gesundheitsamt der Stadt Stuttgart tätig. Nie war sie auf einer anderen Stelle. „Dort“, sagt sie, „habe ich mich in die Huren verliebt“, wenn man sie fragt, wo ihr unermüdliches Engagement seinen Ursprung habe. Es ist eine Liebe, die anhält.
„La Strada“ ist eine Anlaufstelle für Prostituierte im Leonhardsviertel. Foto: Lichtgut/Oliver Willikonsky
Die Frauen ließen Constabel teilhaben an ihren Erfahrungen. Eine davon war, dass sie durch Missbrauchserfahrungen gelernt hatten, „dass ihr Körper gekauft werden kann“. Constabel konnte gar nicht anders als zu reden. Sozialarbeit hat für sie immer bedeutet, „Lebenswelten, die für andere nicht sichtbar sind, sichtbar werden zu lassen“. Denn diese Geschichten kommen in den strahlenden Erzählungen der Sexindustrie nicht vor.
Hilfe zum Ausstieg aus der Prostitution ist das Ziel
„Ich war im Milieu, ohne anzuschaffen“, beschreibt Constabel den Prozess ihrer Wissensaneignung. „Die Frauen haben mich dorthin mitgenommen.“ Die Freier erlebt sie aus deren Perspektive, größtenteils einer der Verachtung. Die Liebe zu den Frauen hört jetzt nach ihrer Pensionierung noch nicht auf. Sie hat verlängert bei der Stadt. Einen Tag in der Woche ist sie weiterhin im Café „La Strada“ tätig, der 1996 zusammen mit der Caritas gegründeten Anlaufstelle des Gesundheitsamts für Prostituierte. Mitten im Leonhardsviertel gelegen. Und natürlich bei Sisters, dem inzwischen zehn Jahre alten Verein „Für den Ausstieg aus der Prostitution“, den sie gegründet hat. Dort geht es darum, den Frauen, die nicht berichten können, eine Stimme zu geben und sie zu unterstützen, wenn sie aufhören wollen, weil sie das Leben in der Prostitution nicht mehr ertragen.
All das hat Constabel über Stuttgart hinaus zu einer bundesweit anerkannten Expertin gemacht. Ihre Stimme wurde früh gehört – mit ausdrücklicher Unterstützung der damaligen Sozialbürgermeisterin Isabel Fezer. In Stuttgart, sagt Constabel fast schwärmerisch, gebe es ein bundesweit einmaliges Beratungsnetz, das sich einig sei, dass Prostitution grausam sei. Im Vorfeld der Änderung des Prostitutionsgesetztes 2017 gehörte Constabel zu den Fachfrauen, die der Bundestag hörte. Für ihr politisches Engagement bekommt sie nun in der baden-württembergischen Landesvertretung in Berlin am 4. November den Heldinnen-Award der Alice-Schwarzer-Stiftung verliehen. Die Laudatio wird die Bundestagspräsidentin Julia Klöckner (CDU) halten.
Ein Zufall führte Sabine Constabel nach Stuttgart
Dabei kam die Sozialarbeiterin 1991 zunächst nur für eine Krankheitsvertretung ins Amt nach Stuttgart. Zwei Kinder hatte sie da. Sie war geschieden und alleinerziehend, hatte ein paar Jahre in Bayern gelebt und wäre dort um ein Haar Töpferin geworden, hätte der Chef der Töpferei nicht gesagt, das sei nichts für Frauen. Zurück in Esslingen jobbte sie in der Altenpflege, lebte in mehr oder weniger prekären Verhältnissen, machte die Fachhochschulreife nach, um dann soziale Arbeit an der dortigen Fachhochschule zu studieren. Bei der Wahl des Studienfaches ging sie pragmatisch vor. Die Fachhochschule war in Laufnähe, die Kinderbetreuung ebenfalls. Außerdem gründete sie auch noch die Wildwasser-Gruppe Esslingen, begann sofort mit der Beratung für Frauen, die als Kind oder Jugendliche sexualisierte Gewalt erfahren haben.
Schwer misshandelte Mädchen – die Geschichten berühren Sabine Constabel
In der Beratungsstelle für Prostituierte imponierte ihr dann die Stärke der Frauen und ihr Überlebenswille. 1991, als sie dort anfing, war die Szene noch bestimmt von deutschen Frauen oder von Frauen, „die sich hier orientieren konnten“. Constabel hörte ihnen zu, tauchte ein in ihre Leben. Sie erfuhr viel, was sie faszinierte, aber eben auch berührt hat. So geht es ihr auch heute noch, wenn sie im „La Strada“ junge Frauen trifft. Heute seien das hochtraumatisierte junge Frauen, „in denen ich immer ein Mädchen sehe, das schwer misshandelt wurde“. Darunter sind auch solche, „die hat die Prostitution so zerstört, dass sie überhaupt nicht mehr auffangbar sind“. Deren Verlorenheit in der Welt berühre sie noch immer. Das sind die Momente, in denen ihr wieder klar wird, dass jeder Tag, „den ich mich dafür einsetze, dass dieses fürchterliche System Prostitution nicht mehr legalisiert weiterlaufen kann“, ein wichtiger Tag sei. Es dürfe nicht noch mehr dieser völlig zerstörten Mädchen geben.
Frauen aus Osteuropa – viele Prostituierte sprechen kaum Deutsch
Denn die Zeiten haben sich durch die liberalisierte Prostitutionsgesetzgebung geändert. Das Gesetz fiel in die Zeit der EU-Osterweiterung. Sexarbeit sei Arbeit, lautete das Versprechen in einer Welt, in der viele Frauen in Osteuropa besser bezahlte Arbeit suchten. „Viele dachten, okay, ich arbeite in der Erotikindustrie, ich habe ein schickes Schwarzes an, sitze hinter einer Bar und verdiene damit Geld.“ Aber sie seien in einer Prostitutionsindustrie aufgeschlagen, „die überhaupt nicht schick war“. Was die Frauen erlebten, sei bestialisch gewesen. Die, welche die Kraft dafür aufbringen konnten, waren schnell wieder weg. Ihnen folgen die mit „weniger Ressourcen“. Mit dem Ergebnis, dass sich der Markt völlig geändert habe. Früher hätten sich die Frauen noch gegenseitig eingelernt, auch in Sachen Eigensicherung. Heute erzähle man ihnen, da komme ein Mann, der wolle Sex. Und sie habe zu gehorchen. Und so kamen die, die am wenigsten zu verlieren hatten. Junge Frauen, die kaum deutsch sprachen, aber für viel weniger Geld als ihre Vorgängerinnen alles mitgemacht haben. „Die Freier lernten schnell und die Bordelle wurden mit Osteuropäerinnen geflutet.“
Darum hat Sabine Constabel Hoffnung auf ein neues Gesetz
Diesen Wandel erlebte Constabel bei ihrer Arbeit in Echtzeit. Mit manchen Frauen, die den Ausstieg geschafft haben, hat sie jetzt noch Kontakt. Das sind die guten Geschichten. Sie haben sie nicht milde gemacht. Wütend über die Zustände ist sie immer noch. Glaubt sie an Veränderung und eine Chance auf politische Mehrheiten für das Ende der legalisierten Prostitution? „So aufgeregt wie die Lobby ist, ja“, sagt sie lachend. Manch einer der Zuhälter oder Bordellbetreiber wird sich schon öfters gewünscht haben, der bayrische Töpfer hätte sie damals nicht weggeschickt.
Auszeichnung
Preisträgerinnen Susanne Constabel bekommt den Heldinnen-Award der Alice-Schwarzer-Stiftung für Ihr Engagement gegen Prostitution. Mit ihr wird Cathrin Schauer aus Plauen (Sachsen) ausgezeichnet. Sie hat den Verein Karo gegründet und unterstützt als Streetworkerin seit 1994 an der deutsch-tschechischen Grenze jungen Frauen, die sich dort prostituieren.