Ärger im Leonhardsviertel: Die Bewohner hadern mit den Sexclubs.  "Hier herrscht die übelste Form der Prostitution", sagt die Bezirksvorsteherin.

Lokales: Mathias Bury (ury)

Stuttgart - Nach jahrelangen Protesten, nach einer Unterschriftensammlung und einer Demonstration hatte die Bürgerinitiative "Rettet das Leonhardsviertel" Erfolg: Der Stuttgarter Gemeinderat beschloss einen langen Katalog von Maßnahmen, mit denen das Sexgewerbe aus dem Altstadtquartier zwar nicht vertrieben, aber doch gezügelt werden sollte. So wollte man in Zukunft keine neuen Vergnügungslokale mehr genehmigen, Hausverkäufe mit einem städtischen Vorkaufsrecht belegen, in Einzelfällen Häuser erwerben. Und die Stadt wollte ihren Immobilienbestand in dem Viertel selbst modernisieren, um dort die Wohnqualität zu verbessern.

Das war im Juli 1984. Eine "heile Welt" werde man im Leonhardsviertel zwar nicht einrichten können, sagte damalige Oberbürgermeister Manfred Rommel in der entscheidenden Ratssitzung, aber es solle doch verhindert werden, dass sich die Lebensqualität der dort lebenden Bürger noch weiter verschlechtere.

Die Klagen aus dem Quartier mehren sich

Manches ist seither geschehen, zweifellos, aber nicht nur Gutes. Inzwischen mehren sich die Klagen aus dem Quartier über die Zustände wieder. Sprachrohr dieser Stimmen ist die Bezirksvorsteherin Veronika Kienzle (Grüne), die seit Längerem fordert, dass sich die Stadt der Probleme des Viertels wieder stärker annimmt. "Hier herrscht die übelste Form der Prostitution", stellt Kienzle fest. "Keiner will das Milieu herausdrängen", betont sie. "Aber das Nebeneinander von Milieu und Bürgern funktioniert nicht mehr."

Die Verhältnisse im Leonhardsviertel haben sich seit einigen Jahren verändert, besser gesagt: verschärft. Der Straßenstrich ist intensiver geworden. Inzwischen sind die Prostituierten, die vor allem aus Rumänien, Bulgarien und Ungarn stammen, in dem Quartier rund um die Uhr anzutreffen. "Früher gab es auch Zeiten, da war da tote Hose", sagt ein langjähriger Beobachter des Gewerbes. "Jetzt gibt es keine Ruhezeiten mehr." Ein weiteres Indiz für die Entwicklung: der Preisverfall bei den Sexdiensten, die Freiern inzwischen schon für 30 Euro, mitunter bereits für 20 oder 15Euro angeboten werden. "Das hat's früher nicht gegeben", sagt ein Insider. "Selbst die Junkies, die Outlaws des Gewerbes, haben sich nicht so billig verkauft."

Prostituierte werden dirigiert und drangsaliert

Im Leonhardsviertel ist heute auch ein früher nicht bekannter Typus von Zuhälter anzutreffen. Er ist ebenfalls osteuropäischer Herkunft und hält sich nicht mehr im Hintergrund, sondern ebenfalls auf der Straße auf, um dort die Prostituierten zu dirigieren und zu drangsalieren. Diese Aktivitäten beeinträchtigen das Leben der Anwohner und das Geschäft der Gastronomie in dem Quartier. Die negative Entwicklung hat verschiedene Gründe.

Die Osterweiterung der Europäischen Union ist eine Ursache, aber auch Gesetzesänderungen in Berlin haben daran mitgewirkt. So habe das Prostituiertengesetz der rot-grünen Bundesregierung aus dem Jahr 2002, das die rechtliche und soziale Lage der betroffenen Frauen verbessern sollte, sein Ziel tatsächlich verfehlt, das Handeln der Behörden gegen Auswüchse des Sexgewerbes aber nachhaltig erschwert, sagen Fachleute. So gilt Prostitution heute als Dienstleistung, Zuhälterei ist nicht mehr strafbar, sofern sie nicht mit der Ausbeutung der Dirnen verbunden ist.

Die Stadt hat Fehler gemacht

Auch die Landeshauptstadt hat in den vergangenen Jahren Fehler begangen. So hat die Verwaltung dazu beigetragen, dass die Zahl der Bordelle zugenommen hat. Die Verwaltung räumt in der Antwort auf eine Anfrage der Grünen-Fraktion ein, dass das Liegenschaftsamt sowie die städtische Wohnungsgesellschaft SWSG, die beide zum Referat von Finanzbürgermeister Michael Föll (CDU) gehören, in den vergangenen zehn Jahren insgesamt 15Gebäude im Leonhardsviertel verkauft haben. Zwar hat man, wie 1984 beschlossen, die Verträge mit einer sogenannten Rotlichtklausel versehen, die Bordellbetriebe in den Häusern unter Androhung von Geldstrafen untersagt, aber in der Praxis sind die Dinge offenbar anders gelaufen als in der Theorie. In zwei Fällen - in den verkauften Gebäuden befinden sich heute Bordelle - führt die Stadt schon seit etwa eineinhalb Jahren Prozesse, bisher mit begrenztem Erfolg.

Auch wenn jedem Laien, der vor einem der Häuser steht, sofort klar ist, was in den Mauern vor sich geht, ist der juristische Nachweis schwierig. Zeuginnen, die bereit sind zur Aussage, finden sich kaum oder sind plötzlich verschwunden. Durch den Einsatz von Strohmännern lässt sich mancher Betrieb trotz juristischen Drucks lange aufrechterhalten. Inzwischen ist auch noch dem Letzten in der Verwaltung klar, dass man das eine oder andere Objekt an einen schillernden Immobilienhändler veräußert hat und doch besser auf die kritischen Stimmen gehört hätte, die es im Rathaus im Einzelfall durchaus auch gab.

Am Dienstag, 24. Mai, treffen sich wieder die Beteiligten zu einem Runden Tisch in Sachen Leonhardsviertel. In absehbarer Zeit dürfte sich auch der Gemeinderat, aus dessen Reihen man in den vergangenen Jahren keine lauten Protestrufe gegen die genannten Immobilienverkäufe in dem Rotlichtbezirk vernommen hat, wieder mit dem Quartier befassen. Einstweilen gilt, was der damalige CDU-Bezirksvorsteher Eberhard Palmer 1984 gesagt hat: "Im Leonhardsviertel ist manches falsch gelaufen, woran die Stadt nicht unbeteiligt war."

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