Saarbrücken bekämpft engagiert die Prostitution, erwirbt gleichzeitig jedoch den Ruf als Hochburg des billigen Sexkaufs. Zumal das Saarland wegen der deutschen Freizügigkeit im Rotlichtbereich ohnehin schon viele Freier aus dem nahen Ausland anlockt.

Politik: Matthias Schiermeyer (ms)

Saarbrücken - Triebe kennen keine Verwaltungsvorschriften. Also herrscht schon vor 22 Uhr erhöhtes Verkehrsaufkommen an der Abzweigung mitten im Saarbrücker Waldgebiet, wo das stille Sträßchen Deutschmühlental von der viel befahrenen Dr.-Vogeler-Straße abweicht. In der Dunkelheit sind zwei Frauen zu erkennen. Zehn Minuten vor der erlaubten Zeit hält ein Auto. Ein kurzer Dialog, dann steigt eine der Frauen ein. Der dunkle Wagen entschwindet im Deutschmühlental, wo keine Laterne die Fahrbahn beleuchtet.

Andreas Neumüller sowie Hannelore Meier, zwei CDU-Vertreter aus Burbach, sind unzufrieden mit den Maßnahmen gegen Prostituierte. Foto: Schiermeyer

Die zweite Frau am Straßenrand legt noch ihre Arbeitskleidung an. Die dunkle Hose und die helle Bluse streift sie ab, um beides gegen ein bauchfreies Oberteil, einen Minirock aus Plüsch und halterlose Strümpfe – alles in Weiß – auszutauschen. Die Plastiktüten, in denen sie ihre Alltagskleidung verstaut, versteckt sie in den Büschen. Es ist nun zehn Uhr. Sie tritt näher: „Hallo, alles klar?“, erkundigt sie sich und kommt mit dünner Stimme gleich zur Sache: „Blasen, ficken?“, fragt sie. „Blasen dreißig, blasen und ficken vierzig.“ Der Ton am Straßenstrich ist rau, und für mehr Informationen reicht ihr Deutsch nicht.

Der Audi mit der Kollegin kommt aus der Dunkelheit zurück. Die Frau steigt aus und tritt näher: „Alles klar?“, erkundigt sie sich ritualhaft und nennt gleich ihre Preise. Aufreizend wippt sie am Fahrerfenster mit der Oberweite im rosafarbenen Einteiler. „Schöne Mädchen“, sagt sie. „Komm, Baby. Ficken ist gut. Probier einmal.“ 20 Jahre sei sie alt, aus Bulgarien und seit zwei Monaten in Saarbrücken. So leicht lässt sie sich nicht abschütteln. Verkehr ohne Kondom? Macht 200 Euro – als erstes Angebot.

Huren dürfen an drei Straßenabschnitten stehen

Der Abend nimmt Fahrt auf. Mittlerweile stehen hier sechs Frauen am Straßenrand. Autos jeder Größe mit unterschiedlichen Kennzeichen nähern sich. Hin und wieder wird die schnelle Nummer vereinbart. Kaum zurückgekehrt, wischen sich die Frauen ihre Hände mit Feuchttüchern ab. Wenn die Blase drückt, hocken sie sich ungeniert an den Fahrbahnrand. Junge Franzosen johlen im Vorbeifahren aus dem Autofenster heraus. Die Grenze ist nur noch wenige Steinwürfe entfernt. Weiter vorne verkauft eine 26-Jährige aus Valencia ihren Körper schon für 30 Euro. „Spanien ist Scheiße“, sagt sie. Ihr Kind, das derzeit bei den Eltern untergebracht ist, will sie bald nach Deutschland holen.

Seit dem 1. April gilt Saarbrücken als Sperrbezirk. Davon ausgenommen sind drei Straßenabschnitte – und dies nur noch nachts. An diesen Standorten ist Prostitution von 22 Uhr bis sechs Uhr morgens erlaubt, im Winter ab 20 Uhr. Nachdem die Prostitution nachmittags in den Wohn- und Verkehrsstraßen immer mehr Bürger auf die Barrikaden gebracht hatte, musste die Stadt handeln. Der Saarbrücker Kampf gegen die Prostitution schlug hohe Wellen. Charlotte Britz (SPD), seit 2004 Oberbürgermeisterin, schaffte es sogar in die TV-Talkrunde von Günther Jauch. Der massive Einsatz von Stadt und Landesregierung beförderte die Debatte über ein strengeres Prostitutionsgesetz in Deutschland. Zugleich weckt die Berichterstattung die Begierde triebgesteuerter Männer und lockt Kunden an. Nun gilt die Stadt bundesweit als Hochburg des käuflichen Sex.

Die Nähe zu Frankreich polarisiert

Die Stadtoberen werden die Geister nicht mehr los. „Wir äußern uns zu diesem Thema nicht mehr“, grollt der Medienreferent Thomas Blug. OB Britz werde „auf gar keinen Fall“ noch mehr Interviews dazu geben. „Wir sind der Meinung, dass es jetzt auch mal reicht.“ Allzu oft werde der Eindruck vermittelt: überall in Saarbrücken stehen Prostituierte. Einige Medien hätten gar behauptet, Britz würde aus ihrem Büro heraus auf ein Bordell schauen. „Das stimmt einfach alles nicht“, sagt Blug.

Am Taxistand berichtet ein Fahrer, dessen Auto für einen FKK-Club wirbt, von einem französischen Kunden. Der sei Tage zuvor für 29 Euro im TGV von Paris nach Saarbrücken gefahren, um hier Sex zu kaufen. „Die Puffs hier laufen wie verrückt“, sagt der Chauffeur. Bordelle sind im Nachbarland verboten, somit nutzen Franzosen den kleinen Grenzverkehr im freizügigen Deutschland. Dies dürfte weiter zunehmen, wenn in Paris die Freierbestrafung mit drastischen Bußgeldern beschlossen wird – noch wird darum gerungen.

Jürgen Rudloff, der Betreiber des FKK-Clubs Paradise in Echterdingen bei Stuttgart, baut fest auf die Gesetzesverschärfung im Nachbarland, weil sie seinen Gewinn mehrt. Er hat in einem Saarbrücker Gewerbegebiet 4,5 Millionen Euro in eine weitere sogenannte Wellness-Oase investiert, mit 4500 Quadratmetern größer als alle anderen Bordelle im Saarland. Der Puffkönig mit dem Saubermannimage verkauft Prostitution am liebsten als Lifestyle-Artikel. Unlängst war Premiere. Bis zu 50 Frauen schaffen in der Paradise-Filiale an, formal selbstständig. Rudloff stellt sich als ihr Retter dar: Wenn er die Frauen nicht beschäftige, „schaffen sie auf der Straße oder in irgendwelchen Hinterhöfen“. Trotzdem gab es Proteste Dutzender Einheimischer vor dem Gebäude – assistiert von drei barbusigen Aktivistinnen der Gruppe Femen, die als Evas auftraten. Weil das Trio die Paradise-Eröffnungsgäste mit Äpfeln bewarf, bevor die Polizei eingriff, geriet selbst der stets auf seine Werbewirkung bedachte Schwabe Rudloff in Rage.

In Burbach stehen die Frauen trotz Verbots

Ein 23-jähriger Kommunalpolitiker, der an der katholischen Hochschule Sozialarbeit studiert, kanalisiert den Protest der Wutbürger: Andreas Neumüller, Vorsitzender des CDU-Ortsverbandes Burbach, ist anders als OB Britz sofort zur Auskunft bereit. „Das Großbordell wirft uns zurück“, klagt er beim Ortstermin. Es sei eine „schwere Beeinträchtigung des Umfeldes“. Er sei nicht grundsätzlich gegen Prostitution, doch sähe er anstelle des „Aktionismus“ der Oberbürgermeisterin gerne drastischere Maßnahmen. Der Ortsteil bleibe ein Magnet für Sextouristen, schimpft Hannelore Meier aus dem Bezirksrat.

Auf einer Rundfahrt passiert sie das Wohngebiet inklusive der Kita, gut 500 Meter vom Saunaclub entfernt. „Dass Burbach so in Verruf kommt, regt die Leute auf.“ Denn die Bürger sehen noch ein weiteres Problem: Trotz Verbots gehen die Straßenhuren weiterhin schon am Nachmittag ihrem Gewerbe nach, auch weil die Polizei nicht mehr so stark kontrolliert wie von April bis Juni und weil das Ordnungsamt sich dazu außerstande sieht. Die 19-jährige Olga Perwych klagt: „In den Abendstunden kann ich nicht mehr an der Bushaltestelle stehen, ohne dass Autofahrer anhalten und nach dem Preis fragen.“

Burbach ist ein Arbeiterstadtteil, die Mieten sind niedrig. Beide Faktoren begünstigen die Prostitution armer Osteuropäerinnen, die die Kunden von der Straße direkt in ihre Wohnung lotsen wollen. Mitten im Ort zeigt sich, was Neumüller gemeint hat: Scheinbar arglos schlendern zwei Frauen gegen 18.30 Uhr die Burbacher Straße entlang. Ihr kurzer Wink verrät Autofahrern aber eindeutige Absichten. Eine dritte Frau lässt jegliche Vorschriften außer Acht und überquert die Straße: „Hallo, was machst du?“, erkundigt sie sich am Beifahrerfenster. 40 Euro lautet das Angebot der 33-Jährigen aus Budapest. Verbote scheren sie nicht: „Polizei ist egal. Ich zeige meine Passport, dann gehen sie.“

Äußerlich weicht die rundliche Frau in eng anliegendem giftgrünem Rock und orangefarbenem Shirt unübersehbar von den anderen schlanken Huren ab. Die schiefen Zahnreihen weisen Lücken auf. „Kommst du jetzt, mein Schatz?“, fragt sie und begibt sich, weil die Aufforderung folgenlos bleibt, zu einer Gruppe von Männern im Eiscafé – um mit deutlicher Geste zu berichten, dass da jemand nur beobachtet. Vier Kinder, etwa sechs Jahre alt, schlendern Eis schleckend vorbei – von den Prostituierten nehmen sie keinerlei Notiz.

Polizei: Neue Regelung schadet dem Gewerbe

800 bis 1000 Huren sollen in Saarbrücken anschaffen – doppelt so viele im ganzen Saarland. Jörg Wagner, stellvertretender Leiter der größten Polizeiinspektion des Landes, lässt sich da nicht festlegen: Es gebe keine validen Zahlen für die Prostitution, sagt er. „Die Hurerei ist kein eingetragener Verein.“ 90 Prozent der Frauen auf dem Straßenstrich stammen aus Osteuropa. Die vollständige Grenzöffnung für Bulgaren und Rumänen Anfang dieses Jahres habe die Zahlen nicht verändert. Die Sperrbezirksverordnung hat den Sexkauf weniger sichtbar gemacht. Früher haben die Huren die Schichtwechsel der Saarbrücker Industriebetriebe abgepasst, heute ist das Geldverdienen nur noch in wenigen Nachtstunden möglich. „Das hat dem Gewerbe sehr geschadet“, sagt der Polizeirat.

Allerdings wächst nun auch der Konkurrenzdruck, was dazu führen kann, dass die Preise weiter sinken. Auch die Revierkämpfe zwischen den Nationalitäten – ausgetragen mit Mund und Fäusten – nehmen zu. Dies will die Polizei genauer beobachten. Der 58-jährige Beamte ist seit 23 Jahren in diesem Bereich tätig. Zweimal im Monat gibt er sich selbst als Freier am Straßenstrich aus, um die Szene im Auge zu behalten. Seine Frau ist als Polizistin ebenso für Prostitution zuständig.

Wagner pocht nicht nur auf die Verbote, er zeigt auch viel Verständnis für die Huren, „die auch nur ihre Arbeit machen“, wie er sagt. Die Bürger seien schnell dabei, alle Belästigungen diesen Frauen in die Schuhe zu schieben – eine „Hexenjagd“ sei das. Ein Verbot der Prostitution lehnt Wagner ab. „Dies würde die Frauen aus dem Schutz der Legalität in einen konspirativen Bereich drängen, wo sie noch stärker gefährdet wären“, befindet er. „Es gibt keine Gesellschaft ohne Prostitution.“

Ähnliche Ansichten sind bei Aldona zu vernehmen. Wenn Betroffene die öffentlich geförderte Hurenberatungsstelle aufsuchen, fallen sie kaum auf. Am Eingang wird nur auf das Haus Afrika und das Diakonische Werk verwiesen. Die Treppe rauf, dann über ein Flachdach. Sichtgeschützt können die Prostituierten ihre Sorgen loswerden. Anonymität ist in diesem Gewerbe üblich – auch mit der Presse mag keine Hure reden.

Die Freier bevorzugen es „tabulos“

Oft klagen die Frauen bei Aldona darüber, dass immer mehr Männer der Porno-Industrie folgen und Praktiken ohne Schutz verlangen. „Tabulos“, wie die Diplompädagogin Sabrina Burkhart sagt. Laut Polizei wünschen drei von vier Freiern ungeschützten Verkehr – trotz des Kondomzwangs, der am 1. April mit der Sperrbezirksverordnung eingeführt wurde. Überprüft wird diese Vorgabe nicht: Anders als in Bayern schickt das Saarland keine Testfreier zur Kontrolle ins Rotlichtmilieu. Die Kondompflicht soll die Frauen vor allem darin bestärken, ihre Rechte im Auge zu behalten. Jeder Bordellbetrieb muss den Paragrafen sechs der Hygiene-Verordnung sichtbar aushängen.

Burkhard zufolge lernen gerade Roma-Frauen trotz magerer Schulbildung schnell dazu, so dass sie ihre Preise mit den Freiern rasch in Deutsch aushandeln können. Dennoch scheint die Unwissenheit vieler osteuropäischer Prostituierten groß zu sein. Neulich rief ein Bordellbetreiber bei Aldona an mit der Bitte, seine vier Neuzugänge aufzuklären – die Frauen seien zuvor in einem anderen Club tätig gewesen, müssten aber noch über übertragbare Krankheiten und ihre Rechte informiert werden, bevor sie für ihn arbeiten können.

Ähnlich wie Wagner sieht Sabrina Burkhard Saarbrücken nicht als Hochburg der Käuflichkeit. Vielmehr seien auf der Straße nur noch knapp 40 Frauen an den drei erlaubten Abschnitten tätig – vor einem Jahr seien es 200 gewesen. Nicht die Zahl der Prostituierten habe stark zugenommen, sondern die öffentliche Wahrnehmung.

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