Protest aus Dekanat Esslingen-Nürtingen Katholiken lehnen sich gegen ihren Bischof auf

Die Kirche müsse mehr auf die Zeichen der Zeit hören, um auch wieder mehr junge Menschen anzusprechen, sagen Dekanatsreferentin Simone Jäger und Dekan Paul Magino. Foto: Roberto Bulgrin

Wegen seiner „rückwärtsgewandten Haltung“ zu Streitthemen wie Zölibat und Frauen für das Priesteramt kritisiert das katholische Dekanat Esslingen-Nürtingen Bischof Gebhard Fürst.

Kreis Esslingen - Er vertritt nicht mehr die Mehrheit der Katholiken in seiner Diözese.“ Es sind harsche Worte, die der Plochinger Pfarrer Bernhard Ascher in den Mund nimmt. Aber er trifft damit offenbar die Stimmung in vielen Kirchengemeinden. Dass sich Bischof Gebhard Fürst in einem Interview mit unserer Zeitung ausdrücklich für das Weiterbestehen des Zölibats für Priester ausgesprochen und Frauen lediglich das Diakonatsamt zugestehen will, hat dem Oberhirten der Diözese Rottenburg-Stuttgart viel Kritik eingebracht. Auch Paul Magino, der seit vielen Jahren als Dekan dem Dekanat Esslingen-Nürtingen vorsteht, hält die Aussagen des Bischofs für rückwärtsgewandt. Fürst habe in einer Zeit, in der viele Katholiken wegen der Missbrauchsskandale sowieso schon höchst aufgebracht seien, ohne Not weiter Öl ins Feuer gegossen. Führende Amtsträger aus dem Dekanat haben sich deshalb für eine ungewöhnliche Reaktion entschieden. In einem offenen Brief an Bischof Fürst drücken sie ihr ganzes Unbehagen über die aktuelle Situation aus.

 

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„Heute schon erleben wir Frustration, Wut und Abkehr von vielen Frauen und auch Männern von dieser Kirche. Für die nächste Generation wird diese Kirche noch mehr in der Bedeutungslosigkeit verschwinden, wenn sie es nicht schon größtenteils ist“, heißt es in dem Brief, in dem sich der geballte Frust vieler Verantwortlicher aus dem Pfarrgemeinden im Landkreis widerspiegelt.

Gläubige reagieren mit Entsetzen

Wenige Tage nach der dritten Vollversammlung des Synodalen Weges, die einen guten Diskussionsweg zu Veränderungen in der katholischen Kirche aufgezeigt habe, sei es „unverständlich, wie Sie sich so kurz danach in Ihren Stellungnahmen zum Beispiel zu einer Veränderung der Zugangsbedingungen zum Priesteramt so dezidiert verschließen oder die Zeichen der Zeit, die ein so wesentlicher Bestandteil der Debatte der Synodalversammlung waren, so wenig Beachtung finden“. Als solche Zeichen sehe man „das gegenwärtige Streben in unserer Gesellschaft nach Gleichberechtigung von Frau und Mann und die große Anstrengung und Einsicht nach notwendigen Veränderungen in Gesellschaft, Wirtschaft und Politik“.

„Das ist eine Katastrophe“

Unverständnis zeigt auch Dekanatsreferentin Simone Jäger. Zumal in der Diözese Rottenburg-Stuttgart bisher schon vieles möglich sei, was anderswo nicht denkbar wäre. Bischof Fürst habe mit seinen Äußerungen einen Weg aufgezeigt, „den wir in unserer Diözese nicht gewohnt sind“. Die Stellungnahmen des Bischofs seien unbedacht gewesen, sagt Emanuel Gebauer, der Leiter der katholischen Erwachsenenbildung im Kreis Esslingen. Denn sie liefen „hoffnungsvollen Entwicklungen“, die er überall beobachte, zuwider. Er erfahre eine „neue Kultur des Austauschs“. Als sie das erste Mal Fürsts Statements im Radio mitbekommen habe, habe sie zunächst an einen Hörfehler gedacht, berichtet Martina Jäger, die als Gemeindereferentin in der Seelsorgeeinheit Neckar-Aich tätig ist. Gläubige in ihren Pfarrgemeinden hätten mit Entsetzen reagiert. „Das ist eine Katastrophe.“ Ihre drei Töchter seien hellhörig geworden und sie gefragt: „Mama, weißt du eigentlich, was in deiner Kirche los ist.“ Vielen engagierten Katholiken raube das Kraft und Energie. Jäger: „Überall in unserer Gesellschaft geht es Richtung Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau.“ Die katholische Kirche halte dagegen an alten Denkmustern fest.

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Diakon Rainer Wagner aus Kirchheim spürt wie Pfarrer Ascher, „dass die Mehrheitsverhältnisse an der Basis heute andere sind“. Die Christen in den Gemeinden seien, „meilenweit entfernt von den Positionen des Bischofs“. Gerade engagierte Gläubige gäben deshalb auf, weil sie seit 30 Jahren kämpften und von den Kirchenoberen immer noch die gleichen Antworten hörten.

Kritik an starren, hierarchischen Strukturen

„Die Gemeinden sind in Aufruhr“, berichtet Pfarrer Bernhard Ascher. „So etwas habe ich noch nicht erlebt.“ Es gebe einen großen Gesprächsbedarf. Heftige Kritik höre er allenthalben, weil die Aufarbeitung des Missbrauchsskandals seit 2010 immer wieder verschleppt worden sei. Trotz aller Kritik und Abkehr von der Kirche stellt Ascher bei vielen Menschen einen „großen spirituellen Hunger“ fest. Davon weiß auch Gemeindereferentin Jäger zu berichten. „Viele Menschen leben ihren Glauben heute woanders, in kleinen Gruppen.“ Diakon Wagner bereitet große Sorge, „dass wir die Jugend eigentlich schon verloren haben“. Deshalb brauche es „klare Signale, dass sich unsere Kirche auf den Weg macht“.

Er registriere mit Schrecken, dass nun auch Christen austreten, die zur Mitte der Gemeinde gehörten und seit vielen Jahren aktiv seien, sagt Dekan Paul Magino. Doch habe er die Hoffnung auf gute Ergebnisse des Synodalen Wegs noch nicht aufgegeben. Vor allem die Zukunft des Priestertums müsse man weiter diskutieren. Für einen breiten Diskurs macht sich auch Dekanatsreferentin Simone Jäger stark. „Wir leben in demokratischen Strukturen. Das prägt uns zutiefst.“ In der Kirche erlebe man dagegen nach wie vor starre hierarchische Strukturen. Unter diesen Bedingungen gehe viel Energie verloren. Den Brief an den Bischof sieht Jäger als Signal. „Wir wollen unsere Stimme für Veränderungen erheben.“

Der Synodale Weg

Die Aufgabe
 Als Reaktion auf die Erschütterungen der katholischen Kirche nach der Veröffentlichung der Studie zum sexuellen Missbrauch an Minderjährigen entschieden sich die deutschen Bischöfe 2019 für einen sogenannten Synodalen Weg. Gemeinsam wolle man Antworten auf die Situation suchen und Schritte zur Stärkung des christlichen Zeugnisses überlegen.

Die Themen
 In vier Foren geht es darum: „Macht und Gewaltenteilung in der Kirche – Gemeinsame Teilnahme und Teilhabe am Sendungsauftrag“, „Leben in gelingenden Beziehungen – Liebe leben in Sexualität und Partnerschaft“, „Priesterliche Existenz heute“, „Frauen in Diensten und Ämtern in der Kirche“.

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