Zwischen 300 und 500 Menschen haben am Sonntag in Neckarwestheim gegen die Laufzeitverlängerung der deutschen Atomkraftwerke demonstriert. Die Teilnehmer marschierten von Kirchheim am Neckar bis zum Reaktorblock 2.

Es wäre fast schon ein gewohnter Protestmarsch gegen Atomkraft. Sonst finden die Kundgebungen des Bundesverbands Bürgerinitiativen Umweltschutz (BBU) rund um den Jahrestag der Reaktorkatastrophe im japanischen Fukushima um den 11. März herum statt. Doch dieses Jahr ist alles anders. Plötzlich kommt der von Kernkraft-Gegnern erhoffte und lang erkämpfte Ausstieg aus der Atomkraft ins Stottern. Unter Federführung des Bündnisses der Neckarwestheimer Anti-Atomkraft-Initiativen wurde daher am Sonntag zum Protestmarsch vom Bahnhof in Kirchheim am Neckar nach Neckarwestheim aufgerufen.

Mit Trommelwirbel, Trillergepfeife, Protestplakate und Fahnen schwenkend, ging es im Gänsemarsch vom Kirchheimer Bahnhof über die zeitweise gesperrte Kreisstraße 1625 durch die Weinberge hinauf zu den Reaktorblöcken. Hier versammelten sich die Protestierenden auf dem Parkplatz des EnBW-Geländes. Nur vereinzelte Zuschauer verfolgte das Geschehen in Kirchheim und auf dem Weg nach Neckarwestheim.

Ärztin spricht von Hochrisikotechnologie

Die Ärztin Angelika Claußen, Vorsitzende der Organisation „Ärzte (und Ärztinnen) zur Verhütung gegen den Atomkrieg“ brachte ihre Forderungen bei der Kundgebung so auf den Punkt: „Wir protestieren gegen die Laufzeitverlängerung für drei deutsche Atomkraftwerke über den 31. Dezember diesen Jahres hinaus.“ Atomkraft sei eine Hochrisikotechnologie, argumentierte die Gastrednerin. „Abschalten, Abschalten!“, skandierte die Menge zustimmend.

Doch dazu komme, dass die grün-rote Regierung – von vielen völlig unbemerkt – eine eine Unterstützung des Konzerns Uniper einleite, warnte die Ärztin Angelika Claußen. Damit beteilige sich die Bundesregierung nicht nur am Neubau eines Atomkraftwerks, sondern auch an zwei bestehenden Atomkraftwerken in Schweden, außerdem an Kohlekraftwerken in Russland und in den Niederlanden, nebst einer Klage gegen den vorzeitigen Kohleausstieg in den Niederlanden. Das sei absolut inakzeptabel, sagte Claußen dazu. Gleichzeitig betonte die Ärztin ihre Forderung des „No First Use“, also eines kompletten Verzichts auf den Ersteinsatz atomarer Waffen.

Demonstranten fürchten neue Brennelemente

Ursprünglich sollte bei der Kundgebung auch der als Schwarzwälder „Energie-Rebell“ bekannte Sebastian Sladek sprechen, der Chef der Schönauer Elektrizitätswerke. Der jedoch fiel krankheitsbedingt aus und so übernahm Pressesprecher Herbert Würth vom Neckarwestheimer Bündnis diesen Part.

„Wir brauchen jetzt eine weitere Energiewende“, betonte Würth. Nach Entschluss des Bundeskanzlers solle jedoch Block 2 der Neckarwestheimer Reaktorblöcke länger, möglicherweise bis April 2023 weiterlaufen. „Wir schließen auch nicht mehr aus, dass neue Brennelemente für den weiteren Betrieb angeschafft werden“, teilte der Sprecher seine Bedenken mit dem Publikum. Für diesen Fall kündige man schon heute Warnblockaden vor den Toren des EnBW-Atomkraftwerks am 26. November an.

Kritik an Bundes- und Landesregierung

Seit 2017 werde für die Energiewende durch kurzfristige Gesetzesänderungen jegliche Planungssicherheit fehlen, beklagte Würth. Er machte auch die amtierende rot-grüne Bundesregierung für den schleppenden und seiner Ansicht nach viel zu langsamen Umstieg auf erneuerbare Energien verantwortlich.

Und auch der grün-roten Landesregierung in Baden-Württemberg stellte Würth ein Armutszeugnis in Sachen Energiewende aus. Baden-Württemberg liege als Flächenland bei der Windkraft ganz hinten und sei Schlusslicht, kritisierte Würth die mangelnden Ambitionen der Landespolitiker.

Polizei und Veranstalter zählen unterschiedlich viele Menschen

Über die Anzahl der Teilnehmer gab es unterschiedliche Auffassungen. Während Ines Eixelsberger vom Aktionsbündis „Castor-Widerstand Neckarwestheim“ sowie Herbert Würth vom Bündnis Neckarwestheimer Anti-Atom-Initiativen von 500 Mitmarschierenden ausgingen, zählte die Polizei 300 Protestierende. „Es hat einen Zugausfall aus Richtung Stuttgart gegeben hat, sonst wären noch viel mehr Menschen gekommen“, bedauerte Ines Eixelsberger vom Organisationsteam.