Protest gegen katholische Kirche Abschied aus Enttäuschung

Konrad Körte vor der Pallotti-Kirche: Auch wenn der Beschluss für den Abriss bereits gefallen ist, will der Birkacher weiter dagegen kämpfen. Allerdings nicht mehr als Kirchengemeinderat. Das Amt hat er vor einem Monat hingeworfen. Foto: Judith A. Sägesser
Konrad Körte vor der Pallotti-Kirche: Auch wenn der Beschluss für den Abriss bereits gefallen ist, will der Birkacher weiter dagegen kämpfen. Allerdings nicht mehr als Kirchengemeinderat. Das Amt hat er vor einem Monat hingeworfen. Foto: Judith A. Sägesser

In Birkach und in Heumaden stellen Ehrenamtliche ihr Engagement ein – aus Protest. Die Auslöser dafür, dass es an der Basis bröckelt, sind unterschiedliche. Geeint sind die Leute in der Unzufriedenheit über den Kurs der katholischen Kirche in Stuttgart.

Filderzeitung: Judith A. Sägesser (ana)
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Filder - Für Konrad Körte gab es keine Alternative. Am 8. November, 15.57 Uhr, ist der Birkacher aus dem katholischen Kirchengemeinderat ausgetreten. Körte weiß das so genau, weil er zu diesem Zeitpunkt den Rücktritt per Mail erklärt hat. „Ich habe mich natürlich schwer getan“, sagt er einen Monat später. „Es geht mir sehr nahe.“ Aber er konnte nicht anders. Wie hätte er seinem Protest gegen den Abriss der Vinzenz-Pallotti-Kirche noch Ausdruck verleihen sollen? Am 10. Oktober hat der Kirchengemeinderat mehrheitlich beschlossen, dass die Kirche an der Aulendorfer Straße aufgegeben werden soll. Das Argument: Sie lohnt sich nicht mehr.

Die Versammlung war für ihn eine Offenbarung

Bekanntlich sollen auf dem Grundstück, Wohnungen gebaut werden. Für Studierende, Flüchtlinge und andere Wohnungssuchende. Zudem ist geplant, dass der katholische Kindergarten auf vier Gruppen erweitert werden soll. Von einem Gebetsraum für jene Katholiken, denen die Antonius-Kirche in Hohenheim zu weit weg ist, sei inzwischen keine Rede mehr, sagt Körte. „Abgesehen von dem Kindergarten geht die katholische Kirche komplett aus Birkach weg, darum geht’s“, sagt er. Am 20. November war eine Info-Veranstaltung zum Thema, der Saal sei „rappelvoll“ gewesen. Und sein Eindruck war, dass eigentlich alle gegen die Pläne waren. „Die Versammlung war für mich eine Offenbarung.“

Konrad Körte ist evangelisch getauft worden. Als er im Grundschulalter war, sind seine Mutter und er zur katholischen Kirche konvertiert. Wie alt er heute ist, behält er für sich. Aber wer ihm gegenüber sitzt, weiß, dass er nicht erst seit gestern katholisch ist. Wegen der Entwicklungen der vergangenen Jahre sah er sich gezwungen, darüber nachzudenken, ob er sich die Kirchensteuer künftig sparen soll. Seine Rechnung kommt simpel daher: Wer keine eigene Kirche mehr hat, braucht auch keine Kirchensteuer zu zahlen. Körte berichtet, dass er mit dieser Kalkulation nicht allein dasteht; er sei in letzter Zeit immer wieder von anderen darauf angesprochen worden.

Beide sind mit dem Kurs der katholischen Kirche uneins

Fünf Kilometer von Körte entfernt wohnt Alexander Feil. Der Heumadener ist mindestens so frustriert wie der Birkacher. Beide sind mit dem Kurs ihrer Kirche uneins, auch wenn die Auslöser verschiedene waren. Feil sagt, er sei einer von sieben Kirchengemeinderäten der Sankt-Thomas-Morus-Gemeinde, die bei den Wahlen im März nicht mehr antreten werden. „Alle aus dem gleichen Grund“, sagt der 38-Jährige. „Es geht um den Umgang des Stadtdekanats mit den Ehrenamtlichen.“

Im vergangenen Jahr sind die Gemeinden in Heumaden, Sillenbuch, Ruit und Kemnat – sie bilden noch bis zum Jahreswechsel eine Seelsorgeeinheit – um ein Votum gebeten worden. Ob sie beieinander bleiben wollen, oder ob Ruit und Kemnat künftig eigene Wege gehen sollen, während sich Sillenbuch und Heumaden mit Degerloch, Birkach und Plieningen zusammentun. Die Heumadener stimmten für den Status quo, ebenso wie die beiden Ostfilderner Gemeinden. Das letzte Wort hatte der Bischof, und der entschied anders. Die Abstimmung sei „nur pro forma“ gewesen, sagt Feil. Das hat der Motivation der Ehrenamtlichen geschadet. Feil, der sich seit seiner Kindheit für die Kirche engagiert, hätte als Kirchengemeinderat gern noch eine Weile weitergemacht. Stattdessen sagt er: „Ich ziehe die Konsequenz.“

Verantwortungsvoll für die Zukunft planen

Dass die Stimmung an der Basis mitunter nicht die beste ist, „nehmen wir auch wahr“, sagt Alexander Lahl vom katholischen Stadtdekanat in Stuttgart. Die katholische Kirche befinde sich im Umbruch, und Veränderungen seien notwendig, „um verantwortungsvoll in die Zukunft zu planen“. Damit täten sich manche leichter und andere schwerer. „Veränderungen bringen Verunsicherungen, Ängste und Fantasien, das ist menschlich“, sagt Lahl. Das Stadtdekanat sei deshalb darum bemüht, darauf einzugehen. „Wir wollen die Leute nicht vor den Kopf stoßen, sondern sie dafür gewinnen, an der Zukunft mitzuarbeiten.“

Das Problem: Die Heumadener Kirchengemeinderäte wünschen sich eine andere Zukunft. Genauso wie Konrad Körte aus Birkach. „Das ist typisch katholische Kirche“, sagt er. Erst sei alles geheim, dann werde entschieden, und die Menschen würden erst hinterher eingeweiht. „Das ist völlig unmöglich“, sagt Körte. „Die Kirche muss sich fragen: Welche Schäfchen hat sie überhaupt noch?“ In Birkach gebe es Leute, die sich überlegen, eine Art Bürgerinitiative gegen den Kirchenabriss zu gründen. Er sei „sehr aufgeschlossen“, das wäre vielleicht eine Alternative für ihn.




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