Protest gegen „Landesfirma“ Alete Mit Babybrei in die Bredouille

Foodwatch-Aktivisten protestieren vor Kretschmanns Staatskanzlei. Foto: dpa
Foodwatch-Aktivisten protestieren vor Kretschmanns Staatskanzlei. Foto: dpa

Weil das Land mittelbar an der Firma Alete beteiligt ist, gerät es ins Visier von Verbraucherschützern: Das Land sei verantwortlich für die Produktion von Babybrei, vor dem das Verbraucherministerium warne. Ein Fall von Doppelmoral?

Titelteam Stuttgarter Zeitung: Andreas Müller (mül)
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Stuttgart - Der Ministerpräsident war nicht zuhause. Als die unerbetenen Besucher am Montag an der Pforte des Staatsministeriums klingelten, saß Winfried Kretschmann (Grüne) bereits im Flugzeug nach Kalifornien, um im Silicon Valley an seinem Image als Wirtschaftsversteher zu arbeiten. Auch sonst mochte in Stuttgart niemand die Aktivisten der Verbraucherorganisation Foodwatch („Die Essensretter“) empfangen. „Hier haben Sie keinen Zutritt“, beschied sie eine weibliche Stimme aus der Sprechanlage.

Also inszenierten die Foodwatch-Leute ihren Protest eben auf der Straße vor der Regierungszentrale. Ein Mitstreiter mit Kretschmann-Maske vor dem Gesicht nahm die Negativauszeichnung entgegen, die eigentlich dem Ministerpräsidenten zugedacht war: den „Goldenen Windbeutel“ für die „dreisteste Werbelüge des Jahres“. Als solche wurde die „Mahlzeit zum Trinken“ von Alete angeprangert, die als babygerecht vermarktet werde, obwohl sie den Empfehlungen von Kinderärzten krass widerspreche.„Wir können alles. Außer Babynahrung“, stand auf einem Transparent, das zwei junge Damen für die Kameras aufspannten. Und eine wandelnde Alete-Packung bekundete: „Herr Kretschmann, ich will keine Werbelüge mehr sein.“

Falscher Adressat für Windbeutel?

Der so Angesprochene sei ein „offensichtlich unzutreffender Adressat“, hatte Staatskanzleichef Klaus-Peter Murawski seinen Chef bereits vorab in Schutz genommen; schon deshalb lehne man den Windbeutel ab. Direkt ist Alete zwar in der Tat kein „Unternehmen des Landes Baden-Württemberg“, wie es auf dem Transparent stand, indirekt aber sehr wohl: Zum Jahreswechsel wurde der Babykosthersteller vom Schweizer Nahrungskonzern Nestle verkauft – mehrheitlich an die BWK GmbH Unternehmensbeteiligungsgesellschaft in Stuttgart. Deren Gesellschafter wiederum sind, neben der Württembergischen Versicherung und Lebensversicherung, die Landesbank Baden-Württemberg (LBBW) und die L-Bank, die teilweise oder ganz dem Land gehören. Die BWK-Führung war ziemlich stolz, als der Coup im vorigen Herbst publik wurde: Mit Alete und Milasan übernehme man zwei renommierte Traditionsmarken, die viel Potenzial besäßen; man wolle sie pflegen und fortentwickeln.

Potenzieller Ärger war indes schon damals absehbar: Der „Goldene Windbeutel“ wurde 2014 zunächst Nestle zuerkannt, von dem Konzern aber ausgeschlagen. Mit dem neuen Besitzer erhielt Foodwatch eine noch lohnendere Zielscheibe für seinen Protest. Die Aktivisten konnten dem mittelbar zuständigen Ministerpräsidenten nicht nur einen Satz aus dem Grünen-Wahlprogramm unter die Nase reiben. „Den Etikettenschwindel bei sogenannten Kinderlebensmitteln wollen wir unterbinden“, hieß es darin. Sie entdeckten sogar Passagen in Broschüren des Grünen-geführten Verbraucherministeriums, in denen just von „Mahlzeiten zum Trinken“ abgeraten wird: Die flüssigen Breie eigneten sich wegen ihrer Zusammensetzung „weder für Säuglinge noch für das ältere Kind“; Milchzahnkaries und schlechtes Essverhalten drohten als Folge. Fazit: Erkenntnis und Handeln klafften beim Land arg auseinander.

Aufsichtsräte sollen Einfluss nehmen

„Aufgrund wissenschaftlicher Erkenntnisse“ könne man die Trinkbreie für Säuglingen in der Tat nicht empfehlen, bestätigte Staatskanzleichef Murawski. Doch für die Produktgestaltung von Alete sei vorrangig die Geschäftsleitung der Alete GmbH zuständig, schrieb er an Foodwatch. Die Landesregierung habe auf ihre „mittelbare Unterbeteiligung“ schon aus rechtlichen Gründen keinen Einfluss, nehme die Kritik aber ernst. Man habe die BWK-Kontrolleure von Landesbank und L-Bank, Hans-Jörg Vetter und Manfred Schmitz-Kaiser, daher gebeten, „Ihr Anliegen im Aufsichtsrat zu thematisieren“, mit dem Ziel einer „verbraucherfreundlichen Lösung“. Mehr sei nicht machbar.

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