Der Vertreter des einstigen Fürstenhauses und der Vorsitzende des Bauernverbands erkennen in dem avisierten Biosphärengebiet im Namen betroffener Grundeigentümer „eine zusätzliche dauerhafte Einschränkung ihrer wirtschaftlichen Handlungsfreiheit“. Den Kommunen, so schreiben sie, würden durch das Biosphärengebiet „vermeintliche touristische Entwicklungschancen in Aussicht gestellt“. Doch der Boom von Sport und Tourismus gehe auf Kosten der Landeigentümer. „Wir müssen die wild wie Pilze aus dem Boden sprießenden Mountainbikestrecken erdulden, ohne davon im Mindesten zu profitieren.“ Es würden „noch mehr erholungsbedürftige Menschen aus den Ballungszentren die vermeintliche Idylle des Landes entdecken und für ihre Bedürfnisse gestalten wollen“.
Der Zorn der alten Fürsten
Für einen „konstruktiven Dialog“, so heißt es in dem Schreiben an Kretschmann weiter, stehe man zur Verfügung, doch müsse dieser mehr sein als eine Politik des Gehörtwerdens. „Seien Sie aber auch versichert: Jeglichen zusätzlichen Belastungen und Einschränkungen werden wir mit aller Entschiedenheit entgegentreten.“ Die weiteren Absender des Briefes sind: Johannes Fürst zu Waldburg-Wolfegg-Waldsee, Ferdinand Graf von Waldburg-Wolfegg, Karl Friedrich Fürst von Hohenzollern, Carl Herzog von Württemberg, Maximilian Graf zu Königsegg-Aulendorf, Stiftung Liebenau, Forstverwaltung Adelegg Dornier, der Verband der Jagdgenossenschaften, Familienbetriebe Land und Forst Baden-Württemberg, Forstkammer Baden-Württemberg.
Aber was ist ein Biosphärengebiet? Der Begriff findet sich im Bundesnaturschutzgesetz. Im Land werden Biosphärengebiete vom Umweltministerium per Verordnung auf der Basis des Landesnaturschutzgesetzes ausgewiesen. Sie umfassen drei Zonen: 1. eine kleine Kernzone, die sich selbst überlassen bleibt; dazu 2. eine Pflegezone mit dem Status von Natur- oder Landschaftsschutzgebieten; 3. eine Entwicklungszone, die den größten Anteil einnimmt. Dort soll das stattfinden, was ein Biosphärengebiet ausmacht: wirtschaftliche Entwicklung unter Einbeziehung regionaler Produkte und kultureller Eigenheiten.
Der Ministerpräsident antwortet
In einem zweiten Schritt kann die Auszeichnung als Biosphärenreservat der Unesco erfolgen, was kein Geld, aber Aufmerksamkeit und Ruhm eintragen soll – also Geld und Arbeitsplätze. Die Mindestgröße eines Biosphärengebiets beträgt 30 000 Hektar, maximal 150 000 Hektar. Wichtig: Das Unesco-Siegel setzt eine Mitsprache vor Ort voraus, konkret: einen Gemeinderatsbeschluss über den Beitritt zum Biosphärengebiet.
Im Dezember am Nikolaustag antwortete der Ministerpräsident den besorgten Oberschwaben und Allgäuern. „Dass Sie so offen und strukturiert alle kritischen Punkte und bestehenden Fragen gleich zu Beginn des Prozesses auf den Tisch bringen, ist sehr wertvoll für den konstruktiven Dialog, den es jetzt braucht.“ Das klingt nach Kanzleitrost des Adelsverstehers Kretschmann, der vor Jahren zum Adelsgipfel ins Neue Schloss geladen hatte. Immerhin: Noch vor Weihnachten reisten Vertreter des Umweltministeriums in den Süden, um in der Bauernschule in Bad Waldsee Rede und Antwort zu stehen.
„Mogelpackung“ aus Stuttgart
Dass ein Mann wie der Bauervorsitzende Schönberger gemeinsame Sache mit den einstigen Fürstenfamilien macht, mutet – in historischer Perspektive – seltsam an. Immerhin schlachtete der Waldburg-Zeiler Truchseß Georg III. (der „Bauernjörg“) einst die aufständischen Bauern ab. Aber gut, der Bauernkrieg liegt bald 500 Jahre zurück. Die Knechtung der Bauern durch den Adel ist indes noch nicht so lange Vergangenheit. Schönberger sagte unserer Redaktion: „Wir denken in Generationen, das verbindet uns mit den Fürsten.“ Er ortet die Gegner heute in Brüssel, Berlin und Stuttgart: Bürokraten, die den Bauern die Luft zum Atmen nehmen.
Schönberger sieht im württembergischen Allgäu und in Oberschwaben keinen Bedarf für eine Biosphärengebiet. Die Natur werde in den verschiedensten rechtliche Ausprägungen geschützt, es gebe ausreichend Förderprogramme, außerdem floriere die Region. Die touristische Nachfrage sei enorm, Landflucht kenne man nicht. Im Gegenteil, der Zuzug sei groß, die Boden- und Immobilienpreise stiegen unaufhörlich. Der Begriff Biosphärengebiet klinge den Großstädtern lieblich in den Ohren, tatsächlich handle es sich um „Lug und Trug“ – eine „Mogelpackung“.
CDU-Abgeordneter zwischen den Fronten
Am Donnerstag debattierte der Landtag über das Projekt. Der Grünen-Abgeordnete Markus Rösler sagte: „Das Thema ist virulent und interessiert viele Leute.“ Auch der Redner der CDU-Fraktion fand warme Worte für das Biosphärengebiet. Aber: „Alle müssen es wollen“, sagte Manuel Hailfinger, „dafür drücke ich die Daumen.“ Weniger enthusiastisch sieht Hailfingers CDU-Kollege Raimund Haser aus dem Wahlkreis Wangen das Projekt. In einem Brief an die regionalen Entscheidungsträger diagnostiziert er: „Die Stimmung vor Ort ist deutlich skeptischer als kolportiert.“ Fazit: „Bis zur Errichtung eines Biosphärengebiets Oberschwaben ist es noch ein weiter Weg.“