Die Schulreform in Italien soll 102 000 Lehrern in prekären Jobs endlich die Festanstellung bescheren. Jetzt regt sich Protest – weil manche vielleicht umziehen müssen, berichtet unser Korrespondent Paul Kreiner.
Rom - Bis zu 13 Wochen Sommerferien – traumhaft. So etwas gibt’s in Italien. Es sind die längsten in Europa, aber auch sie gehen einmal zu Ende. Am Montag hat Südtirol als erste Region seine Schulen wieder geöffnet, im Lauf von zehn Tagen folgen die anderen. Traumhaft – so geht’s für 102 000 Lehrer weiter. In einem haushaltspolitischen Kraftakt ist die Regierung von Matteo Renzi dabei, sie aus „prekären“ Beschäftigungsverhältnissen – Anstellung nur schuljahresweise und die langen Ferien unbezahlt – in einen lebenslangen, gesicherten Beamtenjob zu überführen. 38 000 haben ihre Zusage bereits, im Lauf des Schuljahres folgen weitere 55 000.
Jubel sollte also herrschen in einem Italien, in dem das Leben im Prekariat neben der kaum abnehmenden Arbeitslosigkeit als die Geißel der Epoche gilt. Nur jubelt außer der Regierung keiner. Stattdessen herrscht ein grauer Nörgelton, und die ersten sammeln schon wieder Unterschriften für ein Volksbegehren zur Abschaffung von Renzis Schulreform.
Ein Umzug nach Bologna – „traumatisch“
Schwer zu verstehen, das alles. Bei der Festanstellung von Lehrern hat der Protest mit zwei Faktoren zu tun: Erstens mitden Gewerkschaften, denen die 102 000 Übernahmen nicht weit genug gehen. Zweitens hat sich bei der Zuteilung der Jobs herausgestellt, dass mindestens 7000 Pädagogen der letzten Tranche ihren Traumjob nicht heimatnah bekommen, sondern kreuz und quer über den Stiefelstaat hinweg. Berufsorganisationen sprechen von „Deportation“, und im Netz sind die Foren voll von Klagen. Eine Sizilianerin beschwert sich, sie müsse „eigens für eine Festanstellung“ ins mittel-nördliche Bologna umziehen: „Das wäre traumatisch.“ Die Frau macht geltend, sie habe zwei kleine Kinder. Lehrerehepaare schreiben, sie würden auseinandergerissen: „Da bleiben wir lieber ohne Festanstellung.“ Eine Musikerin sieht ihren Job in einem adriatischen Stadtorchester davon schwimmen, weil sie als Lehrerin in Sizilien anfangen soll: „Wer bezahlt mir die Fahrten nach Hause?“