Protest gegen Stuttgart 21 Eine Entschuldigung und viele Vermutungen

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Auf einer Pressekonferenz zweifeln Mitglieder des Aktionsbündnisses gegen Stuttgart 21 die Polizeiangaben zur letzten Montagsdemo an.

Das Aktionsbündnis gegen Stuttgart 21 präsentiert Zeugen, die schildern, wie sie die teilweise gewaltsamen Ausschreitungen nach der Montagsdemo auf dem Gelände des Grundwassermanagements erlebt haben. Die Version der Polizei wird dabei angezweifelt. Foto: dpa 2 Bilder
Das Aktionsbündnis gegen Stuttgart 21 präsentiert Zeugen, die schildern, wie sie die teilweise gewaltsamen Ausschreitungen nach der Montagsdemo auf dem Gelände des Grundwassermanagements erlebt haben. Die Version der Polizei wird dabei angezweifelt. Foto: dpa

Stuttgart - Vier Tage nach der Besetzung der Baustelle am Bahnhof kommt die Entschuldigung. "Es ist Gewalt passiert. Dafür entschuldigen wir uns bei den Menschen, die zu Schaden gekommen sind", sagte Berthold Frieß, der Landesgeschäftsführer des Bundes für Umwelt- und Naturschutz (BUND), am Freitag vor der Presse. "Gewalt als Methode, um Interessen durchzusetzen, ist abzulehnen", sagte auch Matthias von Herrmann, der Sprecher der Parkschützer, die Teil des Aktionsbündnisses gegen Stuttgart 21 sind.

Die Projektgegner bedauern nun doch, was nach der letzten Montagsdemonstration geschah, als mehrere Hundert Demonstranten den Bauzaun am Gelände des Grundwassermanagements niederrissen und einen Schaden von rund 1,5 Millionen Euro anrichteten. Es tue ihnen auch leid, dass neun Polizisten verletzt wurden. Acht erlitten laut der Polizei ein Knalltrauma, als ein Böller explodierte. Einer wurde bei einer Schlägerei schwer verletzt. Von Herrmann distanzierte sich auch von seiner Mitteilung, die er am Abend verfasst hatte. "Im Nachhinein beurteile ich die Dinge anders", sagte er am Freitag. Am Montag hatte er von "gelöster Feierabendstimmung" gesprochen. "Dass ein Mensch zu Schaden gekommen ist, ist die Auseinandersetzung um diesen Tiefbahnhof nicht wert", fügte Frieß hinzu. Der Protest werde weitergehen - aber friedlich, wie es Konsens unter S-21-Gegnern sei.

Ermittlungen wegen versuchten Totschlags

Trotz des offiziellen Bedauerns stellt das Aktionsbündnis die Ereignisse weiterhin völlig anders dar als die Polizei und neutrale Beobachter. Nach wie vor zweifeln sie die Schwere der Verletzungen an. Von Herrmann zeigte am Freitag auf einem Foto, wie groß der Abstand der Polizisten, die ein Knalltrauma erlitten, zu dem Böller gewesen sein soll: nämlich sechs Meter. Das Aktionsbündnis führte mehrere Zeugen an, die näher am Explosionsort standen, aber keine Schäden hätten.

Nicht nur über die Knalltraumata der acht Beamten tobt seit Montagabend ein Streit im Internet. Auch über die Schlägerei, bei der ein zivil gekleideter Polizist eine Gehirnerschütterung und eine Prellung am Kehlkopf durch Schläge und Tritte erlitten hat, wird diskutiert - die Staatsanwaltschaft ermittelt wegen versuchten Totschlags. Laut der Polizei entzündete sich der Streit, als der Zivilbeamte die Personalien eines Mannes feststellen wollte, der Luft aus dem Reifen eines Baufahrzeugs abließ. Seitens des Aktionsbündnisses wird eine andere Version verbreitet: Der Polizist sei beobachtet worden, wie er Rohrteile über den Zaun geworfen und Demonstranten dazu angeregt habe, Rohre vom Stapel zu zerren, um sie danach dabei zu filmen und der Sachbeschädigung zu überführen. Auch dafür benennt das Aktionsbündnis Zeugen. Einer habe sich, nachdem er ein Video mit der Schlägerei gesehen hatte, gemeldet, und den Polizisten als "Provokateur" erkannt, den er zuvor bei den Rohren gesehen haben will. Wegen des Filmens sei der Polizist von wütenden Protestlern angegriffen worden - so schildern es die vom Aktionsbündnis benannten Zeugen.

Augenzeuge stellt Beginn der Schlägerei anders dar

"Das ist völlig absurd", sagt der Polizeisprecher Stefan Keilbach. "Wir waren auf Deeskalation aus. Unseren Zivilbeamten, die unterwegs waren, um die Stimmung einzuschätzen, würde so was nie einfallen."

Es hat sich auf der Internetseite der Parkschützer auch ein Augenzeuge zu Wort gemeldet, der den Beginn der Schlägerei anders darstellt. Er gibt sich mit vollem Namen zu erkennen als derjenige, dessen Personalien von dem Zivilbeamten aufgenommen wurden. Er schreibt, er habe gelesen, "dass das Theater um den angeblich schwer verletzten Zivilen damit begann, dass dieser zusammen mit einem Kollegen einen Demonstranten wegen des Verdachts auf Sachbeschädigung überprüfte. Das ist richtig. Dieser Demonstrant war ich. Habe mit einem Kugelschreiber einen Reifen des Baulasters um ein wenig Luft erleichtert." Damit bestätigt er die Darstellung der Polizei, wonach die Schlägerei begann, als ein Mann kontrolliert wurde, der sich am Reifen eines Baufahrzeugs zu schaffen machte. Dem Sprecher der Parkschützer, auf deren Internetseite die entlarvende Stellungnahme nachzulesen ist, war selbige nicht bekannt; das räumte er nach der Pressekonferenz ein.