Im Hallschlag in Bad Cannstatt gehen Mieter gegen Mieterhöhungen der Stuttgarter Wohnungs- und Städtebaugesellschaft (SWSG) auf die Barrikaden. „Mit dieser Erhöhung muss ich jeden Groschen noch einmal mehr umdrehen“, sagt eine der Bewohnerinnen.

Bad Cannstatt - Sie waren laut, sie waren gut sichtbar – und sie haben bei ihrem Marsch durch das Quartier mit dem Zielpunkt direkt den Adressaten ihres Protestes angesteuert: die Stuttgarter Wohnungs- und Städtebaugesellschaft (SWSG). Vor dem Service-Zentrum an der Rostocker Straße machten die nach eigenen Angaben rund 100 Protestierenden – laut SWSG-Pressesprecher Peter Schwab waren es 50 Personen – ihrem Unmut gegen die zum 1. Juli anstehenden Mieterhöhungen um sechs Prozent lauthals Luft. Von Ursel Beck angeführt, forderte die Gruppe den Verzicht auf die Anhebung – und darüber hinaus einen generellen Mietpreisstopp bei der SWSG.

Der Protest richtete sich aber auch gegen den Plan der SWSG, im Hallschlag „weitere Wohnungen zu Gunsten von teureren Neubauten abzureißen“, wie Beck formulierte. Sie schloss ihre Protestrede mit den Worten: „Es darf nicht sein, dass es in Stuttgart bald keinen Stadtteil mehr gibt, in dem es für Gering- und Durchschnittsverdiener, Rentnerinnen und Rentner oder sozial Benachteiligte keine bezahlbare Wohnung gibt.“

Noch nie zuvor auf einer Demo gewesen

Ein paar Tage danach ist der Zorn noch nicht verraucht. Im Gegenteil. Schon die Tatsache, dass zum ersten Mal überhaupt Mieter öffentlich für ihre Interessen demonstriert haben, wird in dem kleinen Kreis, der sich an der Straße zum Austausch trifft, als Erfolg gewertet: „Ich war noch nie auf einer Demo“, sagt die Rentnerin Adelheid Matheis. „Ich weiß auch von anderen, dass sie denken, das bringe ihnen Nachteile. Aber jetzt reicht es einfach. Mit dieser Erhöhung muss ich jeden Groschen noch einmal mehr umdrehen. Und je mehr wir werden, umso besser.“

Auch für die Rentnerin Kirsten Wießmann war es eine Demo-Premiere: „Bisher habe ich mich machtlos gefühlt. Nun werde ich wohl auf meine alten Tage noch zur Rebellin.“ Für ihre Wohnung an der Düsseldorfer Straße muss sie ab dem kommenden Monat 18 Euro mehr bezahlen: „Dann muss ich bei der Verwandtschaft betteln gehen.“ Den Hinweis aus dem Kreis, dass sie beim Sozialamt Unterstützung erhalten könne, registriert sie mit gesenktem Blick. Dass die Frauen auch jetzt öffentlich zu ihrem „Aufbruch“ stehen, darin sieht Ursel Beck „ein Zeichen für die überfällige Politisierung der Mieter“. Das zeige doch, wie sehr ihnen das Problem unter den Nägeln brenne. Und das seien keine Einzelfälle.

An solchen hat Horst Fleischmann vom Mieterbeirat der SWSG einen ganzen Packen parat. Beim Durchgehen von Details wie fehlerhaften Eingruppierungen, dem Umgang mit Einsprüchen „und sonstigem Kleinkrieg“ (Fleischmann) bekommt der Zorn in der Gruppe weitere Nahrung. „Und dabei haben wir noch gar nicht das Fass mit überteuerten und intransparenten Nebenkosten aufgemacht“, meint etwa ein Mittdreißigerin, die mit ihrem Mann an der Düsseldorfer Straße wohnt.

Auf Kosten der Mieter Profit machen

Das Ganze ballt sich in einem Bündel an Vorwürfen: Die SWSG ziehe Mieter über den Tisch, schikaniere und sei unfair im Umgang mit Mietern. „Und unerträglich ist, dass hier ein Unternehmen in öffentlicher Trägerschaft wie ein Privatunternehmen agiert und auf Kosten der Mieter Profit macht“, sagt Fleischmann. Vorhaltungen, die der Pressesprecher Peter Schwab in einem umfangreichen Schreiben zurückweist. „Die SWSG ist sich über die Belastung, die mit steigenden Mieten einhergehen, für Menschen mit geringen Einkommen bewusst.“ Kappungsgrenzen sorgten dafür, dass „keine Miete höher als 35 Euro steigt“. Generell sei „die Mietenpolitik der SWSG sozial ausgerichtet“. Auch im Umgang mit den Mietern sei man ein „kooperativer Vermieter“ und suche „die möglichst beste Lösung für die jeweiligen Bedürfnisse“. Entschieden weist Schwab die „Pauschalkritik“ zurück, die SWSG agiere wie ein privater Anbieter.

Darüber hinaus stellt Schwab fest, dass Ursel Beck „ die sogenannte Mieterinitiative immer wieder als Plattform für politische Agitation“ nutze. Dazu meint Beck: „Ich weiß, dass ich für die SWSG ein rotes Tuch und die meistgehasste Person bin. Ich betrachte das inzwischen als Ehrentitel.“