Die kanadische Ureinwohnerin Theresa Spence befindet sich seit 32 Tagen im Hungerstreik. Ihr Protest, der sich gegen die Politik der kanadischen Regierung richtet, zeigt, wie gespalten das riesige Land in Nordamerika ist.

Montreal - Seit nunmehr 32 Tagen verharrt Theresa Spence hungernd in einem Tipi nahe des politischen Machtzentrums Kanadas. Weniger als einen Kilometer entfernt vom kanadischen Parlament in Ottawa hat sie ihr temporäres Heim aufgeschlagen, auf der Insel Victoria. Bei Temperaturen von durchschnittlich minus fünf bis zehn Grad Celsius wärmt lediglich das Feuer in einem gusseisernen Ofen das Zelt. Nur wenige Vertraute haben sich um sie versammelt in dieser schwierigen Zeit. Die 49-Jährige kämpft für ein höheres Ziel: dass ihre Stammesgenossen von der kanadischen Bundesregierung nicht weiter unberücksichtigt bleiben.

 

Spence ist Oberhaupt des Attawapiskat-Stammes im Nordosten der kanadischen Provinz Ontario. Die Gemeinde gehört zu jener Gruppe von Kanadiern, deren Vorfahren die kanadischen Weiten bereits vor der Ankunft der ersten Europäer bewohnten, und umfasst gegenwärtig etwa 2000 Mitglieder. Ähnlich wie andere Stämme schloss der Clan in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts einen Vertrag mit der britischen Krone, in der Stammesgebiete zur Besiedlung und zum Berg- sowie Eisenbahnbau freigegeben wurden. Gleichzeitig wurden dem Stamm für die Zukunft finanzielle Hilfen, Ausbildung und Gesundheitsvorsorge zugesagt.

Erbärmliche Lebensbedingungen

Spences symbolträchtiger Hungerstreik hingegen macht einmal mehr deutlich, mit welchen erbärmlichen Lebensbedingungen isolierte Indianerstämme im wohlhabenden Industrieland Kanada zu kämpfen haben. Attawapiskat ist eines der heruntergekommensten Dörfer Kanadas. Laut dem Ministerium für die Angelegenheiten der Ureinwohner leben zurzeit etwa 1800 Menschen in dem Ort, tausend Kilometer nördlich von Toronto. Geld für die Entwicklung der Gemeinschaft fehlt hingegen an allen Ecken und Enden. Bestehende Häuser sind größtenteils ohne Wasser und Elektrizität. Neue Immobilien sind nicht finanzierbar. So wurde zum Beispiel der dringend benötigte Bau einer neuen Schule über Jahre hinweg hinausgeschoben, während Bewohner aufgrund des Wohnungsmangels wieder damit beginnen mussten, in einfachen Zelten, Hütten oder unbeheizten Wohnwagen Unterkunft zu finden. Als die Krise Ende 2011 dramatische Ausmaße annahm und Attawapiskat offiziell den Notstand ausrief, ernannte die konservative kanadische Regierung unter Premierminister Stephen Harper für kurze Zeit einen unabhängigen Kontrolleur, der die Ausgaben von Attawapiskats Finanzmittel, bereitgestellt vom kanadischen Fiskus, überwachen sollte. Bereits diese Intervention wurde von Chief Spence als Einschränkung Kanadas in die Rechte der Ureinwohner empfunden.

Spences Hungerstreik, den sie am 11. Dezember 2012 begann, ist eine weitere Eskalation dieser Notlage. Er fällt zudem zusammen mit einer kanadischen First Nations-Bewegung, die unter dem Slogan „Idle No More“ (Nie mehr untätig) von Tag zu Tag mehr Anhänger gewinnt und die kanadischen Medien in Atem hält. Gegründet von vier indianischen Frauen aus der Provinz Saskatchewan im Oktober vergangenen Jahres kritisiert „Idle No More“ die vorgeblich ressourcenverschwenderische und naturausbeuterische Politik der Harper-Regierung und pocht auf Mitbestimmung der First Nations bei der Zukunftsgestaltung Kanadas. Tatsächlich hatte Ottawa im abgelaufenen Jahr ein Gesetz verabschiedet, das die wirtschaftliche Nutzung von bisherigen Naturschutzgebieten und protektierten Wasserwegen einschloss, ohne zuvor die Zustimmung der indigenen Stämme einzuholen.

Eisenbahnlinien werden blockiert

Aktivisten riefen seitdem vorwiegend über soziale Medien zu zahlreichen Protesten rund um das Land auf, um den Druck auf Harper zu erhöhen. Vereinzelt wurden Eisenbahnlinien blockiert und Verkehrsadern in der Millionenmetropole Toronto lahmgelegt. Die Nahrung verweigernde Spence hat dem vorwiegend jungen Protest ein Gesicht gegeben. Sie fordert ein persönliches Treffen mit Stephen Harper und Generalgouverneur David Johnston, dem Vertreter der britischen Krone in Kanada, um die „Vertragsangelegenheiten“ zwischen First Nations und der Krone zu klären. Einem Gesprächsangebot des Premierministers für Freitag heute zusammen mit anderen First Nations Häuptlingen hat sie zuerst zugewilligt, vor zwei Tagen aber wieder abgesagt. Das Kräftemessen zwischen kanadischer Zentralregierung und indigener Bevölkerung hält also an. Einmal mehr tut sich eine tiefe Kluft auf in dem Patchwork-Land Kanada.