Die demonstrierenden Eltern in Ludwigsburg sind gefrustet: Die Kitabeiträge sind kaum noch zu stemmen, gleichzeitig werden die Betreuungszeiten immer unzuverlässiger. Foto: Emanuel Hege
Eltern und Kinder haben am Samstag mit einer Demo von Ludwigsburg aus eine Botschaft an die Landespolitik gesendet. Fünf Eltern berichten, wie schwierig der Alltag inzwischen ist.
Steigende Gebühren, kürzere Betreuungszeiten, überlastetes Personal – in den Kitas des Landkreises Ludwigsburg spitzt sich die Lage immer weiter zu. Qualitätsoffensiven von Bund und Land scheitern oft an der Realität vor Ort. Aus Protest und Sorge haben am Samstagvormittag rund 100 bis 150 Eltern und Kinder auf der Ludwigsburger Bärenwiese demonstriert.
Unter dem Motto „Gemeinsam für unsere Kinder!“ forderte der Landkreiselternbeirat (LKEBK) eine verlässliche und auskömmliche Finanzierung der frühkindlichen Bildung durch das Land. Denn gerade im Kreis Ludwigsburg sind die Zustände alarmierend – mit Folgen, die längst über die Familien hinausreichen und auch die regionale Wirtschaft betreffen. Vier Eltern erzählen, was der moderne Kita-Alltag für sie bedeutet:
1. Markus Linnow, Vater und Elternbeirat aus Sachsenheim
„Alle reden über die Bedeutung der Vereinbarkeit von Familie und Beruf“, Markus Linnow Foto: Emanuel Hege
Die Gebühren in Sachsenheim sind mittlerweile so hoch, dass es Familien ernsthafte finanzielle Sorgen bereite, sagt Markus Linnow. Fast 900 Euro zahlt er künftig für Betreuung und Mittagessen – und das pro Kind und Monat. „Das bringt Familien ernsthaft in Bedrängnis“, sagt er. Gleichzeitig nehme die Verlässlichkeit der Betreuung ab: Immer wieder müsse er oder seine Frau die Tochter früher abholen, weil Personal fehle. „Ich habe Glück mit meinem Arbeitgeber, der Verständnis zeigt – aber was machen Eltern im Schichtdienst?“
Linnow ärgert sich über die politischen Lippenbekenntnisse: „Alle reden über die Bedeutung der Vereinbarkeit von Familie und Beruf, und der schnellen Rückkehr in den Job – aber uns Eltern werden dabei ständig Steine in den Weg gelegt.“
2. Anna Radermacher, Mutter und Landeselternbeirätin aus Kornwestheim
„So schaffen wir uns den Fachkräftemangel in der Wirtschaft selbst“, Anna Radermacher. Foto: Emanuel Hege
Auch in Kornwestheim zahlen Eltern laut Anna Radermacher für Betreuung und Essen bald fast 700 Euro im Monat. „Wenn das so weitergeht, fragen sich die Eltern, ob sie sich das noch leisten können.“ Das grundgesetzlich garantierte Recht auf frühkindliche Bildung drohe angesichts der finanziellen Last zu einer Frage des Einkommens zu werden.
Immer mehr Eltern überlegen sich laut Radermacher, ob es sich lohne, überhaupt noch zu arbeiten – um mehr Zeit für die Kinder zu haben und gleichzeitig weniger Gebühren zahlen zu müssen. „So schaffen wir uns den Fachkräftemangel in der Wirtschaft selbst.“
Ihr Appell: Das Land müsse die Kitas endlich auskömmlich finanzieren – für Personal, Material, Betriebskosten. Nur so können die Kommunen die Belastung für Familien spürbar senken.
3. Sara H., Mutter aus Ludwigsburg
Sara H. hat Glück – der Kindergarten ihres Sohnes funktioniert gut, das Team sei engagiert und gebe trotz Personalmangel täglich alles. „Manchmal über alle Maße hinaus“, sagt sie anerkennend. Doch sie weiß: Ihr Fall ist die Ausnahme, nicht die Regel.
„Doch das Problem reicht weit über die Kita-Frage hinaus“, betont sie. Ob Geburt, Hebamme oder Kinderarzt – Eltern stünden überall vor Hürden. „Kinder und Familien werden in dieser Gesellschaft vernachlässigt.“ Die viel zitierte Floskel von den Kindern als Zukunft nimmt sie ernst: „Ich weiß, das sagen alle – aber genau darum müsste man doch endlich auch entsprechend handeln.“
4. Anna Borisova, Mutter und Elternbeirätin aus Korntal-Münchingen
„Wegen der eingeschränkten Betreuungszeiten musste ich im Job von 75 auf 65 Prozent reduzieren“, Anna Borisova. Foto: Emanuel Hege
In Korntal-Münchingen ist der Personalmangel an Kitas längst Alltag – und die Situation spitzt sich weiter zu. „Die Stadt hat vieles ausprobiert, aber nichts hat wirklich geholfen“, sagt Anna Borisova. Ein runder Tisch mit der Stadtverwaltung und Elternvertretungen sollte eigentlich regelmäßig stattfinden – doch inzwischen habe sich die Stadt zurückgezogen. Für sie ein Zeichen, dass man sich der Situation ein Stück weit geschlagen gibt.
Die Folgen spürt sie direkt. Wegen der eingeschränkten Betreuungszeiten musste sie ihre Teilzeitstelle von 75 auf 65 Prozent reduzieren. Auch die Kinder litten unter der fehlenden Stabilität: In manchen Einrichtungen seien die Schlafstunden gestrichen worden – Alltagsroutinen sind durcheinander. „Und das spüren die Kinder deutlich.“
5. Christophe Jund, Vater aus Ludwigsburg
„Ich zahle immer mehr Steuern und Kitagebühren – aber die Leistung wird schlechter“, Christophe Jund. Foto: Emanuel Hege
Christophe Jund und seine Frau sind beide berufstätig – umso wichtiger ist für sie eine verlässliche Kinderbetreuung. Doch genau daran hapert es zunehmend: „Mittlerweile ist jede zweite Woche irgendein Vorfall, und wir müssen die Kinder früher abholen“, sagt der Ludwigsburger. Krankheitsbedingte Ausfälle könne er verstehen – das eigentliche Problem sei aber die chronische Unterbesetzung, die den Kita-Alltag ständig ins Wanken bringt.
Jund zeigt sich frustriert: „Ich zahle immer mehr Steuern und Kitagebühren – aber die Leistung wird schlechter.“ Er würde sogar mehr Geld für die Kita zahlen, solange er sich auf die Betreuungszeiten verlassen könnte, sagt Jund.
Die Landkreiseltern
LKEBK Den Landkreiselternbeirat Ludwigsburg gibt es seit rund drei Jahren, er ist der erste und immer noch einzige dieser Art in Baden-Württemberg. Der Vorstand und die Helfergruppe sehen es als ihre Aufgabe, die Interessen der kommunalen Elternbeiräte zu bündeln und Druck auf die Landespolitik auszuüben. Es geht aber nicht nur um Kritik, der LKEBK will konstruktiv arbeiten und Stadtverwaltungen sowie der Landesregierung dabei helfen, die Situation in der frühkindlichen Bildung zu verbessern.
Unterstützung Die Arbeit des LKEBK basiert vollständig auf ehrenamtlichem Einsatz. Um bis zur Landtagswahl noch mehr Aufmerksamkeit auf die angespannte Lage an den Kitas zu lenken, sucht der Vorstand weitere Unterstützer. Wer mithelfen möchte, kann sich per E-Mail melden: info@lkeb-lb.de.