Protestaktion Frieren für mehr Frauenrechte

Versandfertig verpackt, versteigert und verschickt – Frauenhandel ist Alltag. Das soll die Aktion verdeutlichen. Foto: Uwe Steinert
Versandfertig verpackt, versteigert und verschickt – Frauenhandel ist Alltag. Das soll die Aktion verdeutlichen. Foto: Uwe Steinert

Terre des femmes sammelt Unterschriften für mehr Frauenrechte – mit ungewöhnlicher Hilfe: Drei Schauspieler inszenieren auf dem Schlossplatz den Menschenhandel.

Böblingen: Marc Schieferecke (eck)
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S-Mitte - Michael Behrendt riskiert mitten auf dem Schlossplatz ein paar Backpfeifen. „Los, ausziehen. Na los, du sollst dich ausziehen, hab ich gesagt.“ Die Frau, die Behrendt zur Nacktheit kommandiert, zieht sich tatsächlich aus, bis auf die Unterwäsche. Sie beginnt zu zittern. Zwei Männer sind stehengeblieben, in offensichtlicher Absicht. Hätte Behrendt sich nicht in diesem Moment sein Mikrofon gegriffen, auf dass mehr Publikum ihn hört, hätte er die Backpfeifen nicht nur riskiert, sondern kassiert.

Die beiden Herren, die hilfsbereit mit Körpereinsatz für die Rechte der Frau einstehen wollen, sind die Ausnahme. Eben deswegen spielt Behrendt den Zuhälter. Mareike Wenzel und Jenny Steenken mimen zwei Russinnen, die verschachert werden. Die drei Darsteller sind professionelle Schauspieler. Die Hilfsorganisation Terre des femmes hat sie engagiert, um Publikum zu Unterschriftensammlungen zu locken. In Stuttgart hilft außerdem die Diakonie. Bei den Auftritten „geht es selbstverständlich auch darum, Aufmerksamkeit zu erregen“, sagt Wenzel. Keine 50 Meter weiter umzingelt Publikum eine Hip-Hop-Show. Mit freundlichen Damen, die Fußgänger ansprechen, um Unterschriften gegen Menschenhandel zu sammeln, ist auf der Königstraße kaum jemand anzuhalten.

2000 Euro sind ein gängiger Preis

Die Szene beginnt von vorn: Los, ausziehen. Her mit deinem Pass. Behrendt ruft 2000 Euro pro Frau als Gebot aus. Das, sagt er, ist ein gängiger Preis. Die Ware wird versandfertig in Klarsichtfolie verpackt, mit Preisschild versehen, auf einen Handwagen verladen und weggekarrt. Abgesehen von der Aufmerksamkeit geht es auch darum klarzumachen, dass dies hier kein Schauspiel ist, sondern Alltag. Etwa 2,3 Millionen Menschen werden jährlich verschleppt und verkauft, die meisten sind Frauen. Zwei Drittel von ihnen werden zur Prostitution gezwungen. So ruft es Wenzel zum Schluss jedes Auftritts ins Publikum.

Das Thema ist in Stuttgart durchaus aktuell. Erst drei Tage zuvor hatte die Polizei im Kreis Esslingen eine 14-Jährige befreit, die als Sklavin gehalten wurde. Die Ermittlungen zu der Razzia hatte ein Jahr zuvor der Fall einer 15-Jährigen ausgelöst, mit der die Kripo ihre Mühe hatte. Das Mädchen war bedroht, misshandelt und vergewaltigt worden. Alles freiwillig – wie sie lange versicherte.

Die meisten Opfer schweigen aus Angst

Ziemlich genau darum geht es. Die meisten Opfer schweigen aus Angst vor den Tätern. Weigern sie sich auszusagen, werden sie zwar nicht versandfertig verpackt, aber verzögerungsfrei zurückgeschickt in ihre Heimatländer. Sagen sie aus, verlängert sich ihr Bleiberecht bis zum Ende des Prozesses gegen die Menschenhändler. So oder so schickt die Bundesrepublik Deutschland die Frauen zurück zu denjenigen, die sie verschleppt haben. Eben dies will Terre des femmes ändern. Die Organisation fordert ein unbegrenztes Bleiberecht für die Opfer von Menschenhandel plus einer psychologischen Betreuung. Dies sei ein Gebot der Menschenrechte.

Die Aktion auf der Königstraße ist nach zwei Stunden beendet. Wenzel streift sich Jeans, Pullover und eine Winterjacke über. Das Zittern müssen die Darstellerinnen nicht spielen. Sie frieren tatsächlich für die Frauenrechte. Es ist kalt, auch für diejenigen, die mehr am Leib tragen als ein hautfarbenes Leibchen. Die Unterschriften-Tour führt durch elf Städte in ganz Deutschland. Die nächsten Stationen sind Tübingen, Augsburg und München, danach ist in Leipzig Schluss. Beim Beginn der Aktion vor dem Brandenburger Tor in Berlin „war es noch angenehm“, sagt Wenzel. „Aber für morgen in Tübingen ist schon Schnee angesagt.“




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