Protestanten Kirche stellt Weichen für die Zukunft
In keiner Landeskirche Deutschlands ist die Demokratie so stark wie in Württemberg. Am Sonntag darf das Kirchenvolk abstimmen.
In keiner Landeskirche Deutschlands ist die Demokratie so stark wie in Württemberg. Am Sonntag darf das Kirchenvolk abstimmen.
Stuttgart - Ungewöhnlich ist der Werbespot zumindest: Ein langhaariger Jesus sitzt in einer Cocktailbar. Er lässt sich einen Drink nach dem anderen mixen und hat Pech: Immer wenn er das Glas anfasst, wandelt sich das Getränk in Wein. Mit dieser Szene trommelt die evangelische Landeskirche Württembergs für die Kirchenwahl an diesem Sonntag. Der Heiland hat beim Getränk leider keine Wahl, aber das Kirchenvolk hat sie – am 1. Dezember. Das soll die Botschaft des Filmchens sein, das in Kinos läuft und im Internet abrufbar ist. Aufregung und Aufmerksamkeit verursacht der Spot bereits. Das Video sei „Gotteslästerung“, das Heiligste werde in den Schmutz getreten, schimpft ein Pfarrer in der „Bild“-Zeitung.
Andere Theologen schütteln den Kopf. „Der Spot lässt mich schlicht ratlos zurück“, meint eine Religionslehrerin. „Das Video hat eine gewisse Selbstironie“, erklärt der Pressesprecher der Landeskirche Oliver Hoesch und weist so Vorwürfe ab. Man hoffe damit auch jene zu erreichen, die nicht regelmäßig in die Kirche gehen. „Die Reaktionen sind bis auf ganz wenige Ausnahmen sehr positiv“, betont Hoesch. Immerhin lassen sich die Verantwortlichen einiges einfallen, um die Protestanten zur Wahl zu motivieren. Rund 1,8 Millionen Kirchenmitglieder dürfen am 1. Advent darüber entscheiden, wer künftig in den mehr als 1200 Gemeinderäten die Geschicke der Pfarreien lenkt und wie sich die Synode zusammensetzt.
Dieses „Parlament“ wird in keiner anderen der 20 Landeskirchen Deutschlands direkt vom Volk gewählt. Der Einfluss der Basis ist hier also groß, dennoch geht traditionell nur rund jeder Vierte zur Abstimmung. Jetzt sollen es mehr werden – dafür der Wahlspot, ein Wahlsong und das zentral gesteuerte Verschicken aller Wahlunterlagen. Auch deshalb kostet die Wahl insgesamt etwas mehr als 1,3 Millionen Euro.
Der Aufwand scheint gerechtfertigt. Denn die rund 90 Synodalen treffen wichtige Entscheidungen. Sie bestimmen nicht nur über die Verwendung der Kirchensteuern und damit zuletzt über rund 770 Millionen Euro, sondern auch über heiß diskutierte Themen wie die Trauung für alle. Da gelang im vergangenen Frühjahr nach zähen Debatten eine Reform. Nun dürfen gleichgeschlechtliche Paare in einer öffentlichen Feier vor den Altar treten und den Segen empfangen, sofern die jeweilige Gemeinde die Voraussetzungen schafft. Mittlerweile streben 160 Pfarreien eine solche Änderung ihrer Gottesdienstordnung an. Wenn es noch mehr werden, muss die Synode erneut darüber befinden. Dann bislang soll die Segnung nur in maximal 25 Prozent der Gemeinden erlaubt sein.
Regelmäßig schlagen die Wogen auch hoch, wenn die Synode den neuen „Pfarrplan“ beschließt. Der regelt, wie viele Geistliche wo noch eingesetzt werden können. Spannend dürfte es darüber hinaus im Frühjahr 2022 werden. Dann steht die Wahl eines neuen Landesbischofs oder erstmals einer Landesbischöfin an. Frank Otfried July, der seit 14 Jahren dieses Amt innehat, muss 2022 altersbedingt aufhören. Seinen Nachfolger zu küren wird wegen der nötigen Zweidrittelmehrheit ein heikles Unterfangen. In der Vergangenheit hat das Kirchenparlament nämlich häufig mehrere Kandidaten durchfallen lassen und damit verschlissen.
Denn in der Theorie sollen die Synodalen zwar, so der Wortursprung, „gemeinsam auf dem Wege“ sein, in der Praxis gibt es aber beträchtliche Spannungen zwischen den „Gesprächskreisen“ im Kirchenparlament. Traditionell am stärksten ist die konservativ-pietistisch geprägte Lebendige Gemeinde (LG). Aus ihren Reihen kam der größte Widerstand gegen die Trauung für alle. „Wir sind mit dem jetzigen Gesetz nicht zufrieden, möchten aber, dass erst mal Erfahrungen damit gemacht werden“, sagt Ralf Albrecht, der Vorsitzende. Die LG will die größte Gruppe in der Synode bleiben. Inhaltlich macht sie sich dafür stark, dass die Gemeinden in ihrer missionarischen Ausstrahlung gefördert werden. Es gehe um „Bibellesen, Beten, Gottesdienst und Gemeinschaftserlebnis vor Ort“, sagt der Dekan Albrecht.
Auf der anderen Seite des Spektrums steht die liberal-progressive Offene Kirche (OK). Sie möchte, dass homosexuelle Paare überall die gleichen Rechte genießen wie heterosexuelle. Eine reguläre „Trauung“ soll möglich werden. „Die Gesellschaft ist bei dieser Frage doch schon weiter als die Synode“, sagt Martin Plümicke, der Leiter des Gesprächskreises. Ein wenig träumt die OK davon, künftig die größte Gruppe im Kirchenparlament zu stellen. Sie will, dass die Landeskirche Klimaneutralität bereits 2035 erreicht, in den sozialen Wohnungsbau einsteigt und möglichst eine Frau zur Bischöfin macht.
Zwischen diesen beiden Polen steht in der Regel die Gruppe Evangelium und Kirche. „Wir wollen Brücken bauen“, sagt ihr Vorsitzender Ernst-Wilhelm Gohl. Kirche müsse zeigen, dass sie unterschiedliche Positionen etwa zur Frage der Homosexualität vereinen kann. Die programmatischen Differenzen zwischen den Gesprächskreisen hält Gohl für überschaubar. „Wir wollen wie andere, dass die Kirche sich in die Gesellschaft einmischt und gleichzeitig ihr Profil wahrt.“ Einerseits sollten neue Wege in der Glaubensvermittlung beschritten werden, andererseits komme der Tradition großes Gewicht zu.
Dagegen präsentiert sich die kleinste Gruppe als größter Erneuerer: Kirche für morgen, erst 2001 gegründet, schreibt sich den Aufbruch auf die Fahnen. „Wir sind die Reforminitiative in der Kirche“, sagt der Stuttgarter Tobi Wörner selbstbewusst. Die Gruppe plädiert für mehr innovative Glaubensvermittlung. So sollten zehn Prozent aller Kirchenmusikstellen für moderne Angebote reserviert sein. Auch möchte sie die Kirchenverfassung umkrempeln und die Macht des Oberkirchenrats beschneiden. Ob die starken Forderungen nun der Gruppe den Durchbruch bringen, wird sich zeigen. Zuletzt hatte sie lediglich sieben Mandate.