Proteste der Gelbwesten in Frankreich Die Wut der Vergessenen
In Frankreich gehen die Gelbwesten auf die Straße. Sie sind die Boten einer Entwicklung, die der Soziologe Pierre Bourdieu schon vor vielen Jahren beschrieben hat.
In Frankreich gehen die Gelbwesten auf die Straße. Sie sind die Boten einer Entwicklung, die der Soziologe Pierre Bourdieu schon vor vielen Jahren beschrieben hat.
Stuttgart - Was erschreckt, ist die Wut, diese seit Jahren aufgestauten Emotionen, die bei manchen in Hass umschlagen. Was erstaunt ist, dass es ganz normale Menschen mit Durchschnittsberufen sind, die in Frankreich seit Wochen auf die Straße gehen. Es ist der Mittelstand, der aufbegehrt und aus ihm spricht eine große Unzufriedenheit, manchmal sogar schiere Verzweiflung. Als Erkennungszeichen haben sich die Menschen gelbe Westen übergezogen. Soll heißen: Achtung – wir sind hier und wir weichen nicht! Es ist ein grelles Signal an „die da oben“, allen voran den ungeliebten Präsidenten Emmanuel Macron, der die Kraft dieser Bewegung völlig unterschätzt hat.
Vielleicht erstaunt es nicht, dass die Elite Frankreichs die zerstörerische Wucht der Proteste verkannt hat. Aber eigentlich hätte man längst wissen können, was den Zorn des Volkes motiviert. Ein Name wird in diesen Wochen des Wütens immer wieder genannt: Pierre Bourdieu. Frankreichs im Jahr 2002 verstorbener eigensinniger Gelehrte, weltweit angesehener Soziologe und – so behaupten manche – Europas vielleicht meistzitierter Wissenschaftler. Er war es, der Anfang der 1990er Jahre mit einer Handvoll Mitarbeitern die französische Provinz durchmaß und den Menschen geduldig zuhörte und immer wieder Fragen stellte. Am Ende stand ein Buch mit dem Titel „Das Elend der Welt“, ein Wälzer von fast tausend Seiten, der in Frankreich schnell zu einem Bestseller wurde und sich innerhalb eines Jahres mehr als 100 000 Mal verkauft hat.
Diese groß angelegte Untersuchung hat nun plötzlich wieder an Aktualität gewonnen. In jenem Werk aus dem Jahr 1993 sind die Antworten auf die Frage zu finden, weshalb die Menschen in diesem Wochen zu Zehntausenden auf die Straßen gehen. Es ist eine Studie über menschliche Ausgrenzung, sozialen Abstieg und fehlende Zukunftsperspektiven.
In 40 Interviews erzählen frustrierte Lehrer, erschöpfte Schichtarbeiterinnen, überforderte Beamte, verzweifelte Kleinunternehmer und frustrierte Bauern über ihre kleinen und großen Sorgen. Befragt wurden Menschen, die damals schon lebten wie heute Priscilla Ludosky, die junge Frau aus Savigny-le-Temple unweit von Paris. Sie hat mit einer Online-Petition gegen die Anhebung des Benzinpreises Anfang dieses Jahres die Bewegung der Gelbwesten erst angestoßen, die nun den Präsidenten Emmanuel Macron ins Wanken bringt.
Der Soziologe Bourdieu hat schon damals sehr genau das Gefühl in weiten Teilen der Gesellschaft beschrieben, das die Franzosen heute auf die Straße treibt. Sie sind überzeugt, dass sich die Elite des Landes nicht für ihre Lage interessiert und sich aus diesem Grund auch nichts ändern wird. Es war eine Art Warnschuss und die Politik in Paris nahm diesen sogar kurz zur Kenntnis. Der spätere Präsident Jacques Chirac machte Mitte der neunziger Jahre mit dem Thema der sozialen Ungleichheit Wahlkampf. Er versprach seinen Landsleuten, die tiefen Gräben in Frankreich endlich überwinden zu wollen. Passiert ist danach freilich sehr wenig, die Schere zwischen Arm und Reich ging im Zuge der Globalisierung sogar noch weiter auseinander.
Neu an dem Buch von Bourdieu war, dass er das „Elend“ nicht nur auf materielle Entbehrungen und ökonomische Armut bezog. Es geht ihm vielmehr um die Vielfalt sozialer Marginalisierung, Ausgrenzungen und Konfrontationen. Das Buch operiert dabei nicht mit den bekannten Unterscheidungen zwischen relativer und absoluter Armut. Gerade diese hierarchisierende Trennung wollte Bourdieu nicht machen. Er ist der Ansicht, dass angesichts der großen Armut in dieser Welt die „kleinen Nöte“ irgendwie nichtig erscheinen mögen – allerdings würden sie die Sicht des Individuums auf seine Umwelt bestimmen.
Es geht Bourdieu um das „positionsbedingte Elend“, welches sich aus der Perspektive derer ergibt, die es erfahren. Es handelt sich also um ein sehr persönlich empfundenes Leid, welches anhand der Lebensgeschichte der befragten Personen rekonstruiert wird. Auf diese Weise soll zugleich das Individuelle und Subjektive wie das Allgemeine und Typische herausgearbeitet werden. Pierre Bourdieu folgt bei seiner Analyse dem von ihm selbst formulierten Grundsatz: „Nicht bemitleiden, nicht auslachen, nicht verabscheuen, sondern verstehen.“
Auf diese Weise zeichnet Pierre Bourdieu ein fast erschreckend dunkles Bild des ländlichen Frankreichs oder auch der Banlieus, jener nicht integrierten Vorstädte und Siedlungen, denen alleine eine schlechte ökonomische Lage gemeinsam ist. In den kurzen Begleittexten zu den Interviews kritisiert der Soziologe denn auch mehrfach die staatliche Wohnungsbaupolitik der Siebzigerjahre. „Sie ist im Wesentlichen verantwortlich für das Entstehen von Orten gesellschaftlichen Abstiegs“, ist er überzeugt.
Aber Bourdieu beschreibt nicht nur die seiner Ansicht nach falsche Förderung durch die Politik, sondern auch die „Abdankung des Staates“, der sich aus vielen Gebieten der Daseinsfürsorge und der Daseinsvorsorge zurückgezogen habe. Auch das ist eine der vielen Klagen, die in diesen Wochen von den Gelbwesten immer wieder bei ihrem Kampf ins Feld geführt wird, wenn sie von gestrichenen Bus- und Zugverbindungen, schlechter Kinderversorgung oder geschlossenen Postschaltern sprechen. Der „Staatsadel“, so schreibt Bourdieu, tue als herrschende Elite zu wenig gegen diese Misere. Auch diese Ansicht einer realitätsfernen Politik wird von den Gelbwesten geteilt.
Gelang es zu jener Zeit, in der Bourdieu für seine Studie recherchierte, fast nur Gewerkschaften oder anderen Interessenvertretungen, die unzufriedenen Massen zu mobilisieren, können sich die Frustrierten Frankreichs nun Mithilfe des Internets eine scheinbar geeinte Stimme geben. Diese aufbegehrenden Menschen agieren lieber in einer Art anarchischem Zustand, als eine Führung zu wählen – was zeigt, wie tief das Misstrauen gegenüber den bestehenden Hierarchien und der Demokratie im Allgemeinen ist, von denen sie sich seit Jahrzehnten missachtet fühlen.
Neu ist also nur die Form, wie die Wut geäußert wird. Die Probleme selbst sind seit Jahrzehnten offen auf in den Straßen Frankreichs zu finden. Pierre Bourdieu hat sie in seinem Buch minutiös beschrieben. Kein Staatschef kann also sagen, er sei nicht gewarnt gewesen.