Proteste gegen Vincent Bolloré Macht er den nächsten Präsidenten Frankreichs?
Der französische Milliardär und Medienmogul Vincent Bolloré bläst zum Kulturkampf. Wer ist dieser Mann, der sich immer offener als Strippenzieher der Rechten betätigt?
Der französische Milliardär und Medienmogul Vincent Bolloré bläst zum Kulturkampf. Wer ist dieser Mann, der sich immer offener als Strippenzieher der Rechten betätigt?
Vincent Bolloré schweigt, auch wenn er zum großen Schlag ausholt. Beim renommierten französischen Buchverlag Grasset feuerte er den langjährigen Chef Olivier Nora. 200 Autoren, unter ihnen Frédéric Beigbeder, Virginie Despentes oder Bernard-Henri Lévy kündigten daraufhin ihre Zusammenarbeit auf. Doch da hatte der Milliardär und Medienmogul schon sein nächstes Ziel im Visier: Beim Filmfestival von Cannes bekundete sein Bezahlsender Canal Plus – der größte Filminvestor Frankreichs – vor wenigen Tagen sein Interesse an der Kinokette UGC. 600 Kunstschaffende wie die Schauspielerinnen Juliette Binoche und Adèle Haenel unterzeichneten eine Petition gegen Bolloré. In der Erklärung heißt es: „Wenn wir das französische Kino einem Rechtsextremisten überlassen, droht uns eine faschistische Kontrolle der kollektiven Bilder.“
Die Wortwahl ist krass, doch der Adressat reagiert nicht darauf. Vincent Bolloré sieht sich nicht als öffentliche Person. Man weiß von ihm nicht eben viel. Der 74-Jährige geschiedene Vater von vier Kindern entstammt einer bretonischen Unternehmerfamilie, die stark im Katholizismus verwurzelt ist. Seine Laufbahn begann er bei der Investmentbank Rothschild; seine ersten Millionen machte er in den ehemaligen französischen Kolonien Westafrikas. Dort handelte er mit Hafen-Konzessionen und Bier, obwohl er selber kaum Alkohol trinkt. Oft profitierte er von seinen Beziehungen zu Nicolas Sarkozy, der viele afrikanische Potentaten kennt. 2007 empfing er den damals frischgewählten französischen Staatspräsidenten auf seiner Jacht. Während Sarkozy vor den Fotografen schamlos protzte, hielt sich Bolloré wie immer diskret zurück.
Später erhielt der „brutale“ und gefürchtete Geschäftsmann – so schildern ihn Bekannte – den Zuschlag für die Ausrüstung des Pariser Autoverleihs Autolib mit seinen elektrischen „Bluecars“. Das Projekt war ein kommerzieller Reinfall und wurde eingestellt. Bolloré versuchte daraufhin, mit Silvio Berlusconis Firma Mediaset ein „europäisches Netflix“ auf die Beine zu stellen. Der kühle Franzose und der flamboyante Italiener fanden aber nie zusammen; ihr Plan endete vor den Gericht.
Mehr Erfolg hatte Bolloré mit seinem Einstieg beim Medienkonzern Vivendi, den er umstrukturierte. Er veräußerte den Musikverlag Universal mit Künstlern wie Rihanna, Elton John, Taylor Swift, Drake und den Rolling Stones. Der Industrielle übernahm mithilfe des Medien- und Verlagsriesen Lagardère die Kontrolle über den Sender Canal Plus, die Radiostation Europe 1, den Verlag Hachette, die Werbeagentur Havas. Bollorés Bilanz: sechs Milliarden Euro investiert, zehn Milliarden und viel Macht gewonnen.
Heute verfügt der Milliardär über das größte Medienimperium Frankreichs – und das will etwas heißen angesichts der Dutzend Milliardäre, das sich in Paris den Sektor Privatmedien teilt. Der Chef des Luxusimperiums LVMH, Bernard Arnault, kontrolliert die größte französische Wirtschaftszeitung „Les Echos“, der Bauunternehmer Martin Bouygues den wichtigsten TV-Sender TF1, der Telekombetreiber Xavier Niel die Zeitung „Le Monde“, der Reeder Rodolphe Saadé den führenden Livesender BFM. Sie pflegen stets gute Beziehungen mit den jeweiligen Staatspräsidenten in Frankreich.
Nicht so Bolloré, der sich als „katholisch-konservativ“ bezeichnet und in vielem das pure Gegenteil von Emmanuel Macron ist. An die Adresse des Medienmoguls gerichtet, erklärte der Präsident in der Causa Grasset kürzlich, es sei wichtig den „verlegerischen Pluralismus“ in Frankreich zu verteidigen. Das auch, weil Bolloré drei Jahre vor dem Rauswurf des Grasset-Chefs schon die Leitung seines anderen Verlages Fayard ausgewechselt hatte. Der eigentlich als liberales Traditionshaus bekannte Verlang hat Sarkozys Werke herausgebracht – auch „Tagebuch eines Häftlings“, das Sarkozy nach seinem Aufenthalt im Gefängnis veröffentlicht hat.
Doch Fayard publiziert neuerdings die intellektuell nicht gerade hochfliegenden Bücher von Jordan Bardella, dem Hoffnungsträger des Rassemblement National (RN). Der 30-jährige Präsidentschaftsfavorit gilt als Schöpfung von Bollorés Gnaden. Die in Gerichtsverfahren verwickelte RN-Gründerin Marine Le Pen passt Bolloré weniger, da sie einen sozialeren Kurs fährt.
Der unauffällige Medienzar wird in Paris gerne als „Präsidentenmacher“ oder „französischer Rupert Murdoch“ bezeichnet. Bolloré ist aber nicht nur rechtsnational, sondern reaktionär. Gerüchten zufolge soll er auf Aktionärsversammlungen religiöse Figuren verteilen und einen geradezu missionarischen Eifer an den Tag legen, das Christentum zu retten. Auch das orthodoxe: Ein Vorbild des Franzosen ist der russische Präsident Wladimir Putin. Der keineswegs linke Philosoph Pascal Bruckner, der seine Werke auch nicht mehr bei Grasset veröffentlichen will, bezeichnet Bolloré sogar als „Strohmann Putins“.
Unbestreitbar ist: Anstatt sich auf dem Filmfestival in Cannes zu den Protesten zu äußern, hat Bolloré Mitte Mai lieber sein neues, christlich verbrämtes „Institut der Erwartung“ in Paris eingeweiht. Neben einem Bardella-Vertrauten und einem Bischof war die Russin Xenia Fedorova dabei. Sie war Chefin des Senders „Russia Today“ in Frankreich. Nun verbreitet sie die Propaganda des Kreml in Bollorés rechtem Sender CNews.
Doch der Einfluss des Industriellen könnte endlich sein. Der spontane Protestschrei der Schauspieler- und Autorenzunft legt nahe, dass er zu weit gegangen ist und etliche Sympathien verloren hat. Die öffentliche Meinung könnte sich in Frankreich rasch gegen den Medienzar wenden.