Proteste in der Ukraine Schwule bleiben lieber unerkannt

Sport: Tobias Schall (tos)
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Mit Hilfe der deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) wird an Projekten gearbeitet, die während der EM für Aufklärung und Prävention sorgen sollen. So hat man, in Zusammenarbeit mit dem Gesundheitsministerium, beispielsweise die deutsche Gib-Aids-keine-Chance-Kampagne recycelt und den Fußball-Nationalspieler Anatoliy Tymoshchuk dafür gewinnen können: ein wichtiges Signal. „Es ist wichtig, diese Menschen in die Gesellschaft zu integrieren“, sagt der GIZ-Projektleiter Martin Kade – Menschen wie Andrey Maymulakhin.

Ob er mit seinem Freund Händchen haltend durch die Stadt laufen könne? Er lacht gequält. „Als Schwuler gibst du dich besser nicht zu erkennen.“ Er berichtet von Übergriffen der Miliz auf Schwule, wenn sie glauben, Schwule vor sich zu haben. „Man lebt gefährlich.“ In den vergangenen Jahren ist der Respekt vor Minderheiten insgesamt laut Studien dramatisch gesunken. In Kiews Duma liegt Gesetzentwurf 87/11 vor, der Homosexualität unter Strafe stellen will. Die Ausbreitung von Homosexualität sei eine Gefahr für die nationale Sicherheit.

Tierschützer haben es einfacher

Seit Monaten versuchen lokale Verbände mit Hilfe von Organisationen aus Westeuropa, das Thema Homophobie zu thematisieren. Sogar einen Christopher-Street-Day, den ersten in der Ukraine, wollten sie abhalten. Maymulakhin hat davon nicht viel gehalten. Er weiß, wie ähnliche Veranstaltungen in Moskau aus dem Ruder gelaufen sind. „Das könnte als Provokation empfunden werden.“ Vor zwei Wochen war es so weit. Als sich mehrere Hundert Nationalisten und Ultraorthodoxe in Kiew vor Ort eingefunden hatten, wurde die Veranstaltung abgesagt. Es kam dennoch zu Übergriffen, Teilnehmer wurden mit Pfefferspray attackiert, einige wurden krankenhausreif geprügelt, unter den Augen der Polizei.

Tierschützer haben es da einfacher. Ihre Waffen sind Fotos und Videos. Ende vergangenen Jahres brach sich der Protest Bahn. Tierschützer fluteten die sozialen Netzwerke mit entsetzlichen Motiven von Gräueltaten an Straßenhunden, eine gewaltige Welle der Empörung lief durch Europa. Sponsoren der EM wurden zum Handeln aufgefordert, Protestnoten an den europäischen Fußball-Verband Uefa verfasst. Stars wie Udo Lindenberg oder Jürgen Klopp äußerten ihr Entsetzen. „EM 2012: ja! Hundetötungen: nein!“ ist etwa der Slogan der Organisation Peta. Die Macht der Bilder war größer als die Macht des Staates.

Zumindest schien es so. Die ukrainische Regierung dementierte erst, dann versprach sie, das Töten einzustellen. Man wolle, teilten die Behörden mit, stattdessen die Tiere kastrieren. Offiziell ist die Situation besser geworden. Es wurden Abkommen mit Tierschutzorganisationen unterzeichnet, die der Ukraine bei einer humanen Lösung helfen sollten, etwa mit der Organisation Vier Pfoten. Drei Millionen Dollar sollten allein in Kiew für ein Straßenhundeprogramm investiert werden. Das Geld ist weg, passiert ist nicht viel. Sagt Tamara Tarnawska.

Sie hatte damals die Hoffnung, dass alles besser werden würde. Tarnawska ist eine Tieraktivistin der ersten Stunde in der Ukraine, sie kümmert sich in Kiew in einer ehemaligen Tötungseinrichtung um Hunderte von Straßenhunden. Auch sie hatte an die Uefa geschrieben, in der Folge überwies der Verband dem Tierheim 10 000 Franken. Doch ihr ging es nicht um Geld, sie wollte, dass sich etwas ändert. „Es hat sich vor allem im Osten des Landes nichts getan.“ Sie hat mit dem bekannten Journalisten Wolodimir Ariew eine Fernsehdokumentation über das Massaker an den Hunden gedreht. Das Video zirkuliert in sozialen Netzwerken. Unter Lebensgefahr, wie sie sagt, habe sie Bilder gedreht, die zeigen, wie die Tiere buchstäblich geschlachtet werden.

Wenn sie von den bestialischen Methoden berichtet, hält sie immer wieder inne, sie holt Luft, um dann wieder zu stocken. „Es sind doch wehrlose Hunde“, flüstert sie. Wie viele genau im Zuge der EM-Säuberungsaktionen getötet wurden, lässt sich kaum sagen. Tierschutzorganisationen sprechen von vielen Tausend Hunden. Es gebe, sagt die Tierheimleiterin, in dem von wirtschaftlichen Nöten geplagten Land einen Mangel an Menschlichkeit. „Die Wut wegen der sozialen Missstände wird an Tieren ausgelassen, die sich nicht wehren können.“

Andrej Sadowy hat davon noch nie etwas gehört. Er ist Bürgermeister der wunderschönen Stadt Lwiw. Bis 2008 gab es auch hier eine Tötungsstation. Mit deutscher Hilfe wurde die Einrichtung umgebaut, seither werden dort Straßenhunde kastriert. Entrüstet lässt Herr Sadowy sich in seinen Stuhl im Rathaus fallen, bäfft ein „Was?“ heraus, als er nach den Straßenhunden und den vermeintlichen Tötungsaktionen gefragt wird. Er habe im Internet davon gelesen, das sei aber alles Quatsch, sagt er. „Lwiw liebt Hunde.“ Er mag nicht über all die unschönen Themen sprechen wie so viele. Die Ukraine ist mehr als Homophobie und Tierquälerei, mehr als Diskriminierung von Ausländern und Oppositionellen, sie ist gastfreundlich und faszinierend, aber sie ist eben auch das.

Bürgermeister Sadowy geht es wie allen Amtsträgern im Land um wichtige PR – für die Ukraine im Allgemeinen und Lwiw im Besonderen. Tote Hunde passen nicht ins Kalkül. Hier, in einem der Zentren der orange Revolution, wirbt man um Touristen und grundsätzlich um den Westen. „Eis schmilzt man mit Wärme, nicht mit Kälte.“

Tamara Tarnawska berichtet, was viele kritische Aktivisten in der Ukraine erzählen. Sie sei diffamiert worden, sie bekomme regelmäßig Besuch von Polizei und der Steuerbehörde. Hin und wieder wird ihr Auto demoliert. Die Guerillataktik gegen missliebige Meinungen ist: Repression, Angst. „Ich bereite mich jeden Tag auf alles vor“, sagt sie.

Der Cup der Guten Hoffnung könnte eine Enttäuschung für alle werden. Für die Regierung in Kiew, weil die EM angesichts der vielen Debatten kein Hochglanzprodukt mehr werden wird, aber auch für die Protestkultur. Zumindest fürchten das viele, wenn die Karawane am 1. Juli weiterzieht. Tierschützerin Tarnwaska sagt stellvertretend: „Ich bin in Sorge vor dem, was nach der EM passiert, wenn die Welt nicht mehr so genau hinschaut wie jetzt.“

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