Proteste in der Ukraine Jetzt oder nie!

Aktivistinnen von „Femen“ werden festgenommen. Foto: dpa
Aktivistinnen von „Femen“ werden festgenommen. Foto: dpa

Zahlreiche Gruppen versuchen, die Fußball-EM zu nutzen, um auf Missstände in dem Land aufmerksam zu machen. Ein Streifzug durch die Protestkultur des Landes.

Sport: Tobias Schall (tos)
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Kiew - Andrey Maymulakhin ist der Appetit vergangen. Er hat genug von dem Borschtsch vor ihm und drückt alles dem Kellner im Restaurant Di Mario in Kiew in die Hand. Er braucht Platz vor sich. Der Ukrainer hat ein paar Unterlagen dabei, vor allem aber hat er seine Worte. Sie sind plastischer als alles, was auf Papier geschrieben steht, eindringlicher. Er erzählt eine kleine Geschichte, um zu zeigen, wie schwer man es in der Ukraine hat, wenn man anders ist. Es geht um einen Mann, der in die Hauptstadt kommt, um sich in einem Krankenhaus behandeln zu lassen. Er ist HIV-positiv, und als er am Bahnhof ist, fragt er eine Gruppe junger Männer nach dem Weg zu einer Klinik, die bekannt ist für die Behandlung von HIV. Sie bespucken ihn, sie beschimpfen ihn, sie schlagen ihn zusammen. Schwer verletzt kann er flüchten. Willkommen in Kiew!

So ist das Leben hier, sagt Maymulakhin. Er ist einer der bekanntesten Aktivisten für die Rechte von Homosexuellen in der Ukraine. Seit vielen Jahren kämpft er mit der Organisation Nasch Mir gegen eine homophobe Gesellschaft, die in Menschen wie ihm ein Übel sieht. In Kiew halten 65 Prozent Homosexualität für eine perverse Abart und eine psychische Krankheit. Laut einer US-Umfrage von 2007 sind nur für 19 Prozent der Ukrainer gleichgeschlechtliche Beziehungen akzeptabel. Dieses Klima macht es möglich, dass zum Beispiel der Kinofilm „Brüno“ von 2009 mit Sacha Cohen als schwulem Modejournalisten verboten ist. „Vielleicht hilft uns die EM“, hofft Andrey Maymulakhin.

Die EM ist ein Cup der Guten Hoffnung,

vor allem in der Ukraine. Dort setzen sich neben den politischen Oppositionellen auch zahlreiche andere Gruppen in Szene, um auf größere und kleinere Missstände in dem Riesenreich aufmerksam zu machen. Das ist häufig so bei Großereignissen, selten aber so geballt wie diesmal. Ein vielstimmiger Chor singt ein Konzert des Klagens. Es ist ein Weckruf, ein Hilfeschrei. Ob Tierschützer, Homosexuelle oder Prostituierte – sie alle eint, dass sie in der EM einen Katalysator für ihre Interessen sehen: die Mutbürger aus dem Osten.

Was lange unter der Wahrnehmungsschwelle lag und im Spamfilter der Regierung unter Verschluss gehalten werden konnte, drängt ans Licht. Das Land ist kurzfristig außer Kontrolle geraten, ihrer Kontrolle. Im Nacktscanner der westlichen Medien wird die Imagekampagne von Anti-PR-Aktivitäten konterkariert. Für viele Westeuropäer ist die Ukraine ein riesiges, unbekanntes Land irgendwo ziemlich weit im Osten, ein leeres Blatt Papier. Beschriftet wird es von Protestlern, zum Verdruss der Politik, die ein Zerrbild ihres Landes dargestellt sieht. Die Ukraine ist nicht nur so, aber eben auch.

Die Frauenbewegung zieht blank. „Femen“, nennt sich die Gruppe. Die meist attraktiven jungen Damen kämpfen mit nackten Tatsachen gegen die Geringschätzung der Frauen und Sextourismus im Land. Sie fürchten, dass im Zuge der EM das Geschäft mit den Frauen massiv zunehmend wird. Sie sind damit europaweit bekannt geworden. Erst vor wenigen Tagen war es ihnen etwa gelungen, den EM-Pokal bei einer Präsentation in Dnjepropetrowsk vom Sockel zu stoßen. „Fuck Euro 2012“, stand auf ihren unverhüllten Körpern. Sie sind die Lieblinge des Boulevards. Sex sells, auf der Straße und in den Medien.

Elena Tsukermann geht andere Wege. Sie ist Mitte 40, sie hat als Prostituierte gearbeitet, ehe ihr der Ausstieg aus dem Gewerbe gelang und sie die Selbsthilfegruppe Liga Legalife gründete. Tsukermann ist eine Vorkämpferin dieser Frauenbewegung. Auch sie fürchtet, dass pünktlich zur EM zahlreiche Mädchen aus den Provinzen in die EM-Städte gebracht werden. Seit Jahren streitet sie für die Rechte der Prostituierten, weil es sonst niemand tut, wie sie sagt. Prostituierte sind eine Randgruppe, für die sich Kiew nicht zuständig fühlt. Dazu kommt der moralische Bann der einflussreichen orthodoxen Kirche.

Das Thailand Europas

Die Ukraine gilt bereits als das Thailand Europas. Schätzungsweise 180 000 Prostituierte gibt es in der Ukraine. Prostitution wird geduldet, obwohl sie offiziell verboten ist. Verantwortung aber will keiner übernehmen. „Die Regierung tut nichts für diese Frauen, wir werden stigmatisiert und diskriminiert“, sagt sie. Sie berichtet, dass nicht nur sozial schwache Frauen in die Prostitution flüchten, sondern auch viele Studentinnen anschaffen gehen würden, um die hohen Lebenshaltungskosten und ihre Ausbildung zu finanzieren. „Statt den Frauen bei den Problemen zu helfen, werden sie ausgegrenzt“, sagt Elena Tsukermann.

Auch und vor allem beim Thema Aids: es ist eines der großen Probleme der Ukraine, und es ist eines der großen Themen von Elena Tsukermann. „Die Regierung vergrößert das Problem, weil sie die Augen verschließt und den Dialog verweigert.“ Die Ukraine hat die höchste Infektionsrate Europas, laut Weltgesundheitsorganisation sind 1,7 Prozent infiziert. Neben dem Drogenkonsum spielt die Prostitution, aber auch die Ächtung von Homosexuellen eine große Rolle. „Wenn einer auf dem Land in einem Laden Gummis kauft, ist das dort das Ereignis des Tages. Dann bist du das Stadtgespräch und wirst vielleicht noch als Schwuchtel beschimpft“, sagt der Homosexuelle Andrey Maymulakhin

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