Proteste in Serbien „Er hat mein Kind getötet“

Wütende Proteste gegen die serbische Regierung. Foto: Marko Drobnjakovic/dpa

16 Menschen kamen vor einem Jahr beim Einsturz des Bahnhofsvordachs in der serbischen Stadt Novi Sad ums Leben. Viele Menschen geben der Regierung die Schuld. Die Wut wächst.

Korrespondenten: Thomas Roser (tro)

Unkraut wuchert zwischen Betonplatten. Eine Kerze flackert unter den Gedenktafeln für die Todesopfer. Die Uhr auf der Fassade ist stehen geblieben. In dem erst im Juli 2024 neu eröffneten Bahnhof im serbischen Novi Sad halten keine Züge mehr. Freigelegte Baustahlstränge künden von der Katastrophe, deren Folgen Serbien bis heute erschüttern. Um 11.52 Uhr stürzte am Mittag des 1. November 2024 das 48 Meter lange Betonvordach des gerade erst renovierten Bahnhofs ein. Unter den Trümmern starben 16 Menschen.

 

Tränen rinnen Dijana Hrka über die Wangen, während sie in Belgrad von dem Tag erzählt, an dem für sie „alles zusammenbrach“. Erst am Abend zuvor hatte sie noch mit ihrem 27-jährigen Sohn Stefan in Novi Sad telefoniert: „Wir scherzten noch, wer wen als Nächstes mit einem Besuch überraschen werde.“ Als sie die Nachricht von der Katastrophe vernahm, hatte die 47-Jährige „ein schlechtes Gefühl“, denn ihr Sohn hatte erzählt, am Bahnhof auf seine Freundin warten zu wollen. Als sie ihn in ihrer Verzweiflung anrief, ging er nicht an sein Telefon. Später zeigte man ihr in Novi Sad Stefans zerschundenen Leichnam: „Ich begann zu schreien, als ich ihn sah. Ich zitterte und verlor jedes Gefühl.“

Das Vordach sei „nicht von allein eingestürzt, sondern wegen der Korruption, die tötet“, ist Hrka überzeugt. Doch statt die Verantwortlichen zu belangen, lasse Serbiens Präsident Aleksandar Vucic Studenten verhaften und verprügeln. „Solange nicht alle Verantwortlichen angeklagt und verurteilt sind, ist für mich der Präsident schuldig. Letztendlich hat er mein Kind getötet“, sagt Dijana Hrka.

Das EU-Angebot zur Finanzierung einer Schnellbahntrasse für Höchstgeschwindigkeiten von 160 Stundenkilometern bis an die ungarische Grenze hatte Serbien 2015 abgelehnt. Stattdessen entschied sich Belgrad für die viermal so teure Trasse eines chinesischen Konsortiums. Auf der können Züge mit bis zu 200 Kilometern pro Stunde fahren. Der Deal: Der Großteil der Aufträge – auch zur Überholung der Bahnhöfe – sollte an Unternehmen aus dem Dunstkreis der Regierung gehen.

Ohne öffentliche Ausschreibung und EU-Aufsicht lassen sich Kosten leichter aufblähen – und Bauvorschriften umgehen. Der Einsturz des Vordachs sei das Resultat der Aktionen „einer organisierten kriminellen Gruppe“ gewesen, so der Bericht einer Untersuchungskommission unabhängiger Ingenieure und Juristen: Es bestehe der Verdacht, dass der Präsident an der „Spitze dieser Gruppe steht“.

„Eure Hände sind blutig“, lautete die Botschaft der Protestplakate, mit denen nach der Katastrophe immer mehr Studenten gegen die Korruption auf die Straße zogen. In einem Land, „wo nur das Parteibuch zählt“, seien die Enthüllungen nicht überraschend gewesen, erinnert sich in Kragujevac der Jurastudent Luka Stevanovic. Doch nach Jahren endloser Skandale habe die Katastrophe das Fass zum Überlaufen gebracht: „Die 16 Toten waren einfach zu viel.“

Mitten im Winter begannen die Studenten in tagelangen Sternmärschen durch Serbien zu ziehen, um auch die Bevölkerung in der Provinz für ihren Kampf für rechtsstaatliche Verhältnisse und gegen Machtwillkür zu mobilisieren. Im Frühjahr sollten nach Straßburg und Brüssel radelnde Studenten auch Europas Öffentlichkeit für die triste Lage in ihrer Heimat sensibilisieren.

„Die Solidarität der Leute, die wir auf den Märschen erfuhren, war unglaublich“, sagt Luka. Wie Befreier wurden die Studenten selbst in Dörfern bejubelt, in denen nur regierungsnahe Propaganda-Sender zu empfangen sind: „Wir nahmen den Leuten die Angst, sich zu wehren.“

Die Studenten hätten sie „ins Leben zurückgeholt“, sagt Dijana Hrka, die ihren Sohn verloren hat. In Interviews und bei Demonstrationen fordert sie die Aufklärung der Todesumstände. Doch Morddrohungen ließen sie von Mai bis Juli zeitweise im nahen Kroatien abtauchen: „Ich wollte, dass sich die Dinge beruhigen. Aber ich wurde auch dort von Landsleuten bedroht.“

Autos, die in Mahnwachen rasen, Provokateure und Auftragsschläger: Von Anfang an habe das Regime mit Gewalt auf die Proteste reagiert, sagt der Belgrader Politologie-Student Pavle Cicvaric. Ende Juni hätten sich die Repressionen noch verschärft. Demonstranten seien krankenhausreif geprügelt worden. Einer Studienkollegin sei von einem Polizeikommandanten eine Vergewaltigung angedroht worden: „Wir sind nirgendwo mehr sicher. Es ist kaum nachzuvollziehen, wer verhaftet worden ist, im Gefängnis oder im Hausarrest sitzt.“

Der 24-Jährige weiß, wovon er spricht. Dreimal wurde er bereits verhaftet, ein Anhänger der regierenden SNS bedrohte ihn mit einem Messer. Im September schwadronierte das SNS-Vorstandsmitglied Sinisa Vucinic im regierungsnahen „Informer-TV“ gar über die angeblich von Oppositionskreisen geplante Ermordung von Pavle, mit der neue Proteste befeuert werden sollten.

Er wisse nicht, ob der Politiker seinen Namen zufällig mehrmals in Zusammenhang mit einem Mord genannt habe oder tatsächlich „etwas ankündigen wollte“, sagt Pavle: „Aber das Regime täuscht sich, wenn es denkt, die Leute einschüchtern zu können. Jeder Gewaltexzess bringt mehr Menschen auf die Straße.“

Ende Juni wurde auch der Jurastudent Luka Opfer einer von langer Hand vorbereiteten Justizattacke. An einer Bushaltestelle wurde er verhaftet und auf der Polizeiwache mit abgehörten Telefonaten konfrontiert. Der Vorwurf: Er habe sich des Terrorismus sowie des Sturzes der verfassungsrechtlichen Ordnung schuldig gemacht.

Ein Busunternehmer will sich verbrennen

Eine Woche lang saß der Student im Belgrader Zentralgefängnis ein. Drei Monate lang schmorte er danach im Hausarrest im heimischen Kragujevac: Nur dem Einsatz seiner Anwälte hat er es zu verdanken, dass er den Ausgang des Ermittlungsverfahrens seit Mitte Oktober in Freiheit abwarten kann. Die Abhörung seines Telefons und seine Überwachung seien im Januar angeordnet worden, so Luka. „Das Gefühl, monatelang auf Schritt und Tritt verfolgt worden zu sein, ist gruselig. Man beginnt, an der eigenen Sicherheit zu zweifeln“, sagt er.

Auf den Autobussen am Ortsausgang von Djurdjevo, einem Dorf östlich von Novi Sad, prangt unter einer roten Protesthand der Schriftzug „Studenten“. Er könne seit Monaten nachts nicht mehr schlafen, seufzt der 49-jährige Busunternehmer Milomir Jacimovic. Tagsüber werde er von der Polizei oder den Aufsichtsbehörden drangsaliert, nachts von Auftragsrabauken der Partei heimgesucht, berichtet der bereits mehrfach verhaftete Familienvater. Die Folge seien eingeschlagene Busscheiben oder zerstochene Reifen: „In unserem gekaperten Staat hat eine Bande von Kriminellen das Sagen. Anständige Leute können kein normales Leben führen.“

Die Probleme des Busunternehmers begannen, als er der Regierungspartei seine Fuhrdienste versagte – und stattdessen gratis Studenten zu den Demonstrationen oder nach Hause fuhr. „Du kannst nicht 24 Stunden neben den Bussen stehen“, erklärt er die mehrfache Verwüstung seines Fuhrparks. „Und wenn nachts niemand kommt, lauert mir die Polizei auf, überzieht mich mit Strafen oder konfisziert die Kennzeichen.“ Von den Schikanen ließ sich Jacimovic zunächst nicht beeindrucken.

Doch als Anfang Juli sein minderjähriger Sohn erneut verhaftet wurde, alle Busse zerstört und deren Kennzeichen beschlagnahmt worden waren, entschloss er sich zu einem radikalen Schritt. „Ich hatte weniger als drei Euro in der Tasche. Ich war ein toter Mann. Ich dachte, besser ich töte mich selbst als dass sie mich töten.“

Sein Versuch, sich vor der Parteizentrale der SNS in Novi Sad selbst zu verbrennen, wurde von der Polizei vereitelt. Danach begannen Serben in aller Welt Geld für den lebensmüden Busunternehmer zu sammeln. So kamen 350 000 Euro sowie 90 000 Dollar für neue Busse zusammen.

Die Wut siegt über die Angst

Er habe noch nie etwas geschenkt bekommen, sagt Jacimovic mit tränenerstickender Stimme: „Dieses Gefühl, dass einem in der Not geholfen wird, ist unbeschreiblich.“ Zum Jahrestag am 1. November werden seine Busse wieder Studenten zur Demonstration nach Novi Sad kutschieren. „Wenn sich hier nichts ändert, können wir alle die Koffer packen – und in der EU Asyl suchen“, sagt Jacimovic.

Und Dijana Hrka, die ihren Sohn verlor, will sich auch durch Morddrohungen nicht mehr einschüchtern lassen: „Mein Schmerz ist stärker als alles. Wenn sie mich töten wollen, sollen sie das tun. Aber ich werde bis zuletzt um Gerechtigkeit für mein Kind und die anderen Opfer kämpfen.“

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