Klima-Proteste in Garzweiler Die Wüste bebt
Tausende Kohlegegner haben am Wochenende unter dem Motto „Ende Gelände“ das rheinische Braunkohlerevier um Garzweiler besetzt. Die Fridays-for-Future-Bewegung gibt dem Protest ungeahnten Auftrieb.
Tausende Kohlegegner haben am Wochenende unter dem Motto „Ende Gelände“ das rheinische Braunkohlerevier um Garzweiler besetzt. Die Fridays-for-Future-Bewegung gibt dem Protest ungeahnten Auftrieb.
Garzweiler - Jana Müller (Name geändert) hat kein Problem damit, sich als radikal zu bezeichnen. Die 29-Jährige sitzt in einem Gleisbett, die Hände auf den Schienen abgestützt. Ihr weißer Maleranzug, den sie als Schutz vor Kohlestaub über der Kleidung trägt, ist vom Marsch durch das rheinländische Dickicht zerrissen. Siebzehn Kilometer hat sie mit rund vierhundert weiteren Aktivisten zu Fuß hinter sich gebracht, bepackt mit Schlafsäcken, Zelten und Essen für die nächsten drei Tage. Ihre Körper auf den Gleisen sollen die Züge daran hindern, das Kohlekraftwerk des Energiekonzerns RWE gegenüber zu erreichen. Andere Aktivisten durchbrachen Polizeiketten, um auf das Gelände des Braunkohletagebaus Garzweiler vorzudringen. Radikal ist für Jana nichts Negatives. Im Gegenteil. „Das kommt von radix, lateinisch Wurzel, und genau darum geht es bei dem Protest. Das Problem an der Wurzel packen.“
Das Problem ist in diesem Fall der Klimawandel. Die Wurzel ist in den Augen der Aktivistin die Kohlekraft. Ein Ausstieg für 2038, wie ihn die Bundesregierung plant, oder ein verfrühter Ausstieg 2030, wie ihn Bayerns Ministerpräsident Markus Söder zuletzt forderte, ist den Gegnern der Kohlekraft zu spät. Seit 2015 versucht das Bündnis Ende Gelände mit der massenhaften Besetzung von Kohlekraftwerken in der Lausitz und im Rheinland auf den Zusammenhang von Klimawandel und Braunkohle aufmerksam zu machen. Die ist in Deutschland laut Umweltinstitut München für ein Drittel der CO2-Emissionen verantwortlich. Und nie haben sich in der Bundesrepublik so viele Menschen dagegen gewehrt.
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Als Jana, die eigentlich anders heißt, begann, sich für die Umwelt einzusetzen, war Klimaschutz bei den Schülern noch kein großes Thema. 2015 besetzte sie mit der ersten Aktion von Ende Gelände die Bagger im rheinischen Braunkohlerevier, das mit seinen steilen Abbruchkanten und den staubigen Hängen aussieht wie ein Krater, den ein Meteorit in die saftigen Felder geschlagen hat. Damals beteiligten sich knapp 1500 Menschen an der Aktion. Die weißen Schutzanzüge wurden zum Markenzeichen der Aktivisten. In diesem Jahr waren es mehrere Tausend. Der Klimaprotest ist massentauglich geworden, obwohl dabei rechtliche Grenzen überschritten werden. Und genau das ist das Ziel.
„Es reicht nicht aus, an die Regierung zu appellieren“, sagt Jana, während sie den Inhalt ihres Rucksacks auf den Schienen ausleert: mehrere Äpfel, Brote und das Buch „Ziviler Ungehorsam“ des amerikanischen Philosophen Henry David Thoreau. Jana weiß, dass die Besetzung der Schienen zu einer Anzeige wegen Landfriedensbruchs führen kann. Ihren Ausweis hat sie deshalb zu Hause gelassen und auch beim Packen des Rucksacks penibel darauf geachtet, keine Hinweise auf ihre wirkliche Identität mitzunehmen.
Sieben Tage könnte die Polizei in Nordrhein-Westfalen sie seit dem neuen Polizeigesetz von 2018 in Gewahrsam nehmen. Jana fühlt sich trotzdem sicher: „Wir überschreiten bewusst rechtliche Grenzen, um auf noch größere Ungerechtigkeiten hinzuweisen“, sagt sie und meint damit jene Menschen, die schon heute vom Klimawandel zu Flucht und Umsiedlung gezwungen werden. Nur vor der direkten Konfrontation mit der Polizei hat die Aktivistin nach eigenem Bekunden Angst. Sie hat sich in einer Gruppe mit Freundinnen organisiert, wie die meisten Aktivisten. Mit ihrer Freundin Momo bildet sie ein Tandem, in dem die beiden besonders aufeinander aufpassen, Essen teilen, Familie und Freunde informieren, sollte eine von beiden in Gewahrsam genommen werden.
Zusammen bilden die Gruppen einen „Finger“, einen eigenen Demonstrationszug. Fünf dieser Finger gab es am vergangenen Wochenende, jeder in einer anderen Farbe und jeder mit einem anderen Ziel. Am Ende sollten sich diese Finger wie eine Hand um die Infrastruktur der Braunkohleindustrie legen. Nicht allen ist es gelungen, ihr Ziel zu erreichen. Doch am Samstag waren nach Schätzungen der Ende-Gelände-Sprecherin Kathrin Henneberger mehrere Tausend in der Kohlegrube, auf den Schienen und in der Nord-Süd-Trasse, der „Pulsader“ des Braunkohlebetriebs – und blockierten damit die Zufuhr für das RWE-Kraftwerk bei Grevenbroich. Das sind so viele Teilnehmer wie noch nie. Die Klimaaktivisten profitieren vom Erfolg der Fridays-for-Future-Bewegung. Beiden Bündnissen ist es wichtig zu betonen, dass sie nicht in Konkurrenz zueinander stehen, sondern sich durch unterschiedliche Protestformen ergänzen.
Nicht alle Anwohner freuen sich über die Protestierenden. Der Bauer, dessen Karottenfeld auf den letzten Metern zu den Schienen niedergetrampelt wurde, kommt wütend angeradelt. Erst als die Aktivisten sich mit ihm zusammensetzen, ihm versichern, dass das Bündnis Ende Gelände für den Schaden aufkäme, beruhigt sich die Situation. Eigentlich sei er ja auch gegen dieses schwarze Loch, das auch seine Äcker und Felder mit Staub bedeckt und für das vier weitere Dörfer in der Region abgebaggert werden sollen.
Nach zwei Nächten und insgesamt 40 Stunden auf den Schienen machen die Aktivisten der Polizei ein Angebot: Am Sonntagmorgen um zehn wollen sie die Gleise geschlossen verlassen. Die Polizei willigt ein und erklärt, keine Identitätsfeststellungen durchzuführen. Janas Stirn glänzt. Ihre Haut ist überzogen von Schichten aus Sonnencreme, Schweiß und dünnem Kohlestaub. Schwarze Ränder kleben unter ihren Fingernägeln. Obwohl sie kaum geschlafen, sich zwei Tage nur von Nüssen und Brot ernährt und hinter einer goldenen Wärmedecke in ein Loch im Boden gepinkelt hat, ist sie glücklich.
Aus drei von vier Kühltürmen des größten Kohlekraftwerks Deutschlands kommt kein Dampf mehr. Die Kohlebahn steht still im rheinischen Revier. Die Bagger haben ihre Arbeit am Wochenende eingestellt. Wie Jana wirklich heißt, hat die Polizei letztlich nicht herausgefunden. Als sie das Spalier aus Polizisten passiert, das sie von den Gleisen auf die nahe gelegene Kleinstraße leitet, schneidet sie eine Grimasse in die Kamera der Polizei. Für 2020 kündigt die Klimabewegung die größten Klimaproteste der europäischen Geschichte an. Und Jana wird auf jeden Fall dabei sein.