Protestgeschichte des Südwestens Widerstand und Aufbruch

Heinrich Böll bei der Mutlangen-Blockade, Herbst 1983 Foto: dpa 6 Bilder
Heinrich Böll bei der Mutlangen-Blockade, Herbst 1983 Foto: dpa

Wyhl, Mutlangen, die Menschenkette – der Protest gegen Kernkraft und Atomwaffen hat in den siebziger und achtziger Jahren die politische Kultur der Bundesrepublik verändert. Gerade der Südwesten hat in diesem Prozess eine wichtige Rolle gespielt.

Stuttgart - Wie ein guter Hirte sitzt Heinrich Böll, das linkskritische Gewissen der alten Bundesrepublik, auf einem Klappstuhl auf der Straße zur Mutlanger Raketenbasis – mit Baskenmütze, gebrechlich und verletzlich. Er gibt dem Protest Würde. Um ihn herum viele junge Leute und weitere Prominenz: Erhard Eppler, Oskar Lafontaine, Heinrich Albertz, Helmut Gollwitzer, Robert Jungk, Petra Kelly und Gert Bastian, Walter und Inge Jens, Günter Grass, Peter Härtling – viele andere wären noch zu nennen. Die Prominenten haben „Sitzdienst“. Die Aufnahme gehört zum festen Bestand des kollektiven Bildgedächtnisses der Deutschen.

Millionen Menschen sind in diesem Stationierungsherbst 1983 auf den Beinen. Zu Hunderttausenden demonstrieren sie in allen westeuropäischen Großstädten gegen den Nato-Doppelbeschluss, die sogenannte Nachrüstung, die de facto eine gewaltige Aufrüstung ist. Ein besonderes Augenmerk liegt dabei auf dem Südwesten der Bundesrepublik. In Mutlangen, auf der Waldheide im Heilbronner Stadtwald und in der Lehmgrube bei Kettershausen im bayerischen Landkreis Neu-Ulm sollen Pershing-II-Raketen und Cruise Missiles gen Osten gerichtet werden – neben den anderen Stationierungsorten Greenham Common in England und Comiso auf Sizilien.

Die „Prominentenblockade“ als Symbol der Friedensbewegung

Diese Orte sind zu Chiffren einer erneuten heißen Phase des Kalten Krieges geworden. Vor allem Mutlangen wurde zum weltweit bedeutenden Symbolort der Friedensbewegung, weil hier die Protestformen des zivilen Widerstands in besonderer Art und Weise praktiziert und etabliert wurden. Einer der medienwirksamen Höhepunkte war dabei die „Prominentenblockade“ vom 1. September 1983 – auf den Tag genau 44 Jahre nach dem deutschen Überfall auf Polen. Die Friedensaktivisten führten mit ihrer Form des gewaltfreien Protests den Staat in die Zwickmühle: Roman Herzog, damaliger Innenminister von Baden-Württemberg und im Umgang mit Demonstranten nicht zimperlich, soll gesagt haben, er werde der Weltpresse doch nicht das Schauspiel bieten, den Nobelpreisträger Böll von der Straße tragen zu lassen. Damit waren die Blockierer prominent „abgeschirmt“. Alles blieb friedlich, keiner wurde weggetragen: Punktsieg für die Friedensbewegung.

Die „Prominentenblockade“ war der Auftakt zu Hunderten von gewaltfreien und fantasievollen Blockaden in Mutlangen, begleitet von mehreren Zehntausend Demonstranten. Es kam zu Blockaden von Berufsgruppen (darunter Ärzte und Juristen), von Müttern, von Senioren, von früheren KZ-Häftlingen oder zu Konzertblockaden von Musikern unter dem Stichwort „Lebenslaute“.

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